Aus aktuellem Anlass

Tucse - Tod eines Mädchens im Februar 2015

Mag sein, dass es eine unglückliche Verkettung der Ereignisse gab, die zu ihrem Tod führten. Nicht zu bezweifeln bleibt der verhängnisvolle Faustschlag am Ende der Kette, und es gibt Ursachen: vordergründig eine gefährliche Gruppendynamik mit dem Austausch gegenseitiger Beleidigungen, was schließlich zum Ausrasten des 18-jährigen Täters führte. Die tiefer liegende Ursache wird nur am Rande angesprochen, obwohl Kommentare seiner Gesinnungsgenossen die Richtung weisen, z.B. dies geschehe einer Frau recht, wenn sie sich erdreiste, die Ehre eines Mannes zu beschmutzen. Verantwortlich ist ein traditioneller Ehrbegriff, dem offensichtlich der Täter anhängt. Ich habe auf Youtube sein Gesicht gesehen. Nicht das eines Monsters und kaltblütigen Killers, sondern weich und unreif. Von jener (vermuteten) Ichschwäche, die allzugern mit Faust und Messer kompensiert wird (erinnert sei auch an den Fall des jungen Mannes, der unlängst in Fürth erstochen wurde). Den Mut Tucses mit dem Bundesverdienstkreuz zu belohnen mag eine schöne Geste sein. Doch wird es künftige Gewalt gegen Frauen und Schwächere im Namen der Ehre nicht verhindern. Wichtiger wäre die Benennung einer Offenbacher Grundschule nach ihr. Wichtiger wären Lehrpläne, die sich an ihrem und ähnlich gelagerten Beispielen mit alltäglicher Frauenverachtung und falschen religiösen Vorstellungen auseinandersetzen. Wichtiger ist, allen Kindern und Heranwachsenden jene Grundüberzeugungen zu vermitteln, ohne die ein friedliches Zusammenleben nicht funktionieren kann. Uns allen müssen diese Überzeugungen selbstverständlich sein:

Ich verliere meine Ehre, wenn ich auf böse Worte mit Gewalt reagiere.

Ich verliere meine Ehre, wenn ich hilflos am Boden Liegende schlage und trete.

Ich verliere meine Ehre, wenn ich Schwächere bedrohe.

Ich verliere meine Ehre, wenn ich Mädchen und Frauen bedrohe und erniedrige.

Ich verliere meine Ehre, wenn ich Mädchen und Frauen schlage oder dies zulasse.

Ich verliere meine Ehre, wenn ich meiner Schwester oder Tochter ein selbstbestimmtes Leben verweigere.

Ich verliere meine Ehre, wenn ich mich an Gruppengewalt gegen Einzelne und Schwächere beteilige.

 

Darum rufe ich die Verantwortlichen in Kultusministerien, Schulen und auch Kindergärten auf: Geht nicht zur Tagesordnung über, wenn ihr den alltäglichen Machismo, sowie weitere Übergriffe und Morde im Namen der Ehre verhindern wollt. Das wäre im Sinne Tucses!

Ingrid L. Ruff

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