Rezension zu "Gottfried Kämpfer"

von Herman Anders Krüger

Seit über 100 Jahren befasst sich Literatur mit den Krisen des modernen Menschen, dazwischen setzten Expressionismus, Futurismus / Faschismus, Nationalsozialismus und Marxismus auf ein neues Menschenbild, doch gingen all diese -ismen in den Katastrophen des 20. Jhs unter. Seither blieben entweder Utopien (Hesse, Jünger) oder eine recht allgemein gefasste Menschlichkeit, die bis ins 18.Jh. zurückreicht, die jedenfalls allesamt keinen Ausweg aus der Desorientierung aufzuweisen vermögen. Insofern fehlt es der Literatur heute an spezifischen Gehalten, und möglicherweise liegt hier ein Hauptgrund ihrer Degeneration: Offenbar ist eine wertsetzende Ideologie für ihr Gedeihen erforderlich.
Auch wenn das Christentum den meisten Intellektuellen schon längst abhanden kam, konnten in seinem Zeichen (auch literarische) Lebensentwürfe noch gelingen,- hier sei kurz auf R.A. Schröder oder St. Andres verwiesen. Dies galt besonders für Herman Andres Krüger, Hochschullehrer, Politiker und Literat.
Berühmt war ehedem sein Erziehungsroman 'Gottfried Kämpfer', der Held fast sprichwörtlich:
Geschildert werden Lebensweg und Ausbildung eines lebhaften, begabten und selbstbewussten Herrnhuter-Knaben im Kaiserreich des 19. Jhs. bis zum Abitur; er durchläuft dabei ausschließlich die Anstalten dieser protestantisch-pietistischen Gemeinschaft. Dort treten Frömmelei und Muckertum nur vereinzelt auf, zwar werden sie deutlich zurückgewiesen, doch ist die christliche Lebensführung verpflichtend: Strafwürdig bleibt z.B. die lüsterne Lektüre einschlägiger Stellen im alten Testament.
Immerhin herrschen keine leibfeindlichen oder gar asketischen Ideale: In der Schule, zumal im Internat, nehmen Leibesübungen breiten Raum ein, manche vormilitärisch, durchaus mit monarchistisch-nationalen Zügen in scharfer Stellung zumal gegen Habsburg, - kein Wunder angesichts der Unterdrückung der 'Mährischen Brüder'.
Im Gegensatz zu anderer Schulliteratur (Hesse, Musil u.a.) erweisen sich die Lehrer durchwegs als vorbildlich und verständnisvoll, lediglich ungebildete Hilfskräfte zeigen sich überfordert, und auch unter den Kameraden gibt es keine Quäler. Vielmehr steht sich Kämpfer mit seinem trotzigen Durchsetzungsdrang selbst im Wege, doch lernt er allmählich, sich selbst zu bemeistern, in Gemeinschaft mit anderen, aber auch durch Bildungsgüter. Die Disziplin ist strikt, wenn auch nicht Selbstzweck, sondern in bester Überzeugung ins Werk gesetzt, und man fragt sich unwillkürlich, ob nicht gerade sie so viele bedeutende Männer hervorbrachte...
Für seine Zeit erscheint der auktoriale Erzähler betont konservativ und lässt eine Neigung zum Archaismus erkennen: Die Entstehungszeit würde man früher ansetzen, der Stil ist allgemein 'poetisch', ohne erklärt individuell zu wirken, daher wird man den literarischen Wert nicht zu hoch veranschlagen. Eine große Stärke liegt in der fein durchgeführten und meisterhaft beherrschten Psychologie, so dass die lebensvolle Schilderung rasch gefangen nimmt und sich bald ein Bild dieser Zeit rundet: Langweilig ist der Roman nicht, mit Sicherheit enthält er autobiographisches Material, da die Anfechtungen und Glaubenszweifel Kämpfers unbedingt authentisch sind.
Gerade weil sich solche inneren Kämpfe auch auf andere Weltanschauungen übertragen lassen und die Jugend überhaupt kennzeichnen, verdiente der lesenswerte Roman die Wiederentdeckung, ebenso gälte es, die gänzlich verschollenen Werke Krügers zu sichten. Eines bleibt gewiss: Die Vergangenheit lernt man einzig aus ihren Werken kennen, nicht aus sog.'historischen Romanen' moderner Autoren. Deren vorgebliche Einfühlung ist Falschmünzerei.

- Dr. Phil. F. Ruff

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