• Ingrid L. Ruff

Alles gelogen (7)


7. Kapitel

Die Schöne ist gekommen. Dreimal.

Endlich Pfingstferien. Theo fährt zu einem Kongress nach Berlin und wir begleiten ihn. Wir, das sind Benni, Isa, Baldur, ich und Jenny. Jenny nenne ich zuletzt, weil sie eine alte Freundin treffen will und uns tagsüber allein lässt. Oder an der langen Leine. Sie hat uns bereits vorgewarnt. „Ihr kriegt mich in Berlin nicht zu sehen. Ein paar Tage ohne Überschwemmung, Erdbeben und familiäre Katastrophen. Die reinste Erholung für mich.“

Kann uns nur recht sein. Benni will eine Comic Börse besuchen und Isa träumt von Kudamm und KDW, kurz: Sightseeing und Shopping. In den letzten Wochen ist eine schreckliche Veränderung mit ihr vorgegangen: sie schminkt sich. Jetzt bettelt sie um eine Taschengelderhöhung, um Mitessersalbe zu kaufen. Oder eine Fluid für den Jugendlichen Teint oder eine Lotion für den Body, redet von glow, styling und body mass index. Alles Begriffe aus der Zeitung des Drogeriemarktes. Die gibt's umsonst, aber es muss sich rechnen, weil Leute wie Isa danach den ganzen Laden aufkaufen möchten. Neulich wollte sie einen Conditioner. Wisst ihr, was das ist? Oder wohin man das schmiert? Aufs Gesicht oder auf den Hintern? Ich habe Jenny gefragt. Sie meint aufs Haar, aber nach einer Minute müsse man es wieder auswaschen. Warum dann erst einschmieren? Für mich böhmische Dörfer: Lauter must haves, was ihr diese Drogerieblätter und Frauen-Illus in grässlichem Denglish aufdrücken. Vor jeder Schaufensterauslage kriegt sie glänzende Augen und macht die Abteilungen mit den „Must haves“ unsicher. Deine Markengläubigkeit kriegt schon religiöse Züge“ sagt Jenny. Theo sagt: „Du machst dich zur Sklavin der Konsumgüterindustrie“. Jennys Tipp: „Geh Babys oder Hunde hüten, statt uns den letzten cent aus der Tasche zu ziehen.“ Benni, der die Diskussion am Rande mitbekommt, hat nur einen Kommentar dazu: Weiber!

Lachen wir sie aus, wird sie dramatisch: „Wenn ich nicht bald was dagegen tue, werd ich sowas von einer hässlichen Kröte“ und verzerrt ihr Gesicht aufs Grässlichste. Könnte als Vorlage für 'nen Horrorfilm durchgehen. Oder sie meckert: „Die alten Klamotten kann ich nicht mehr sehen. Die anderen Mädchen in meiner Klasse haben ständig was Neues“, und verschwindet Türen schlagend in ihr Zimmer. Ich finde sie nicht hässlich und ihre Sachen ganz ordentlich, aber vielleicht ist wichtiger, wie man sich selbst sieht.

Theo zeigt kein Verständnis für Drohgebärden: „Zwei Stunden KDW sind o.k. Meinetwegen auch drei“, sagt er.

„Aber ich bitte euch Eines nicht zu vergessen, unser Ziel ist die Museumsinsel. Ihr fahrt nach Berlin, um die Nofretete zu besuchen, nicht irgendwelche Konsumtempel.“

Die Nofretete. Unsere Eltern haben mehrere Bücher über sie und ihren Mann, den Pharao. Ich kenn' mich aus und habe zur Sicherheit nochmals die Daten gegoogelt: Nofretete lebte im 14. Jhdt. vor unserer Zeitrechnung. Große königliche Gemahlin, auch Geliebte, Herrin beider Länder genannt. Lauter pompöse Titel oder ganz einfach die bunte Königin. Lieblingsfrau von Pharao Echnaton; denn natürlich hatte er mehrere und jede Menge hübscher Sklavinnen. Wetten möchte ich aber, keine war so schön wie Nofretete. Ich lese weiter: Die weltberühmte Büste wurde am 6. Dezember 2012 bei Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in einer Bildhauerwerkstatt entdeckt. Vielleicht fehlt ihr deshalb ein Auge. 1913 gelangte sie mit Genehmigung der ägyptischen Altertümerverwaltung nach Deutschland. Trotzdem wird seitdem gestritten, ob es bei der Teilung mit rechten Dingen zuging, und ägyptische Behörden erneuern immer wieder ihre Forderung: Gebt uns die Königin zurück. Seit 2009 residiert sie im Neuen Museum von Berlin. Ihr Wert wird zwischen 300 und 520 Mio US Dollar geschätzt. Wow!

Eigentlich unschätzbar. Deshalb wollen alle sie haben.

Das ultimative must have, wenn schon nicht im Original, dann wenigstens einen Abguss, eine Nachbildung eine Fotografie. Millionen Fotos müssten von ihr existieren, soviel wie von kaum einem anderen Gegenstand, aber um die echte Nofretete zu erleben müssen wir nach Berlin fahren. Theo sagt: „Walter Benjamins Rede von der einzigartigen Aura des Originals trifft auf sie mehr zu als auf irgendeinen anderen Kunstgegenstand“, weshalb er sie schon mindestens dreimal besucht hat. Mich verfolgt die Sache mit den Originalen, seit wir Hatschepsuts Kopf auf die Reise geschickt haben. Außerdem brüte ich seit einigen Tagen über einer Hausarbeit. Zu einem Text, wo es um ein Original und zwei Nachbildungen geht. Ein berühmter Text, und ich will vor unserer Berlinreise damit fertig sein.

Hier der Anfang:

Vor grauen Jahren lebt' ein Mann Mann in Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug.

Kennt ihr den Text? Vielleicht aus dem Deutschunterricht oder von einer Theateraufführung? Richtig. Der Anfang von Lessings Ringparabel. Ihr kennt ihn nicht? Na gut. Für alle Ahnungslosen erkläre ich ihn:

Gotthold Ephraim Lessing gehört zu den wichtigsten Dichtern der deutschen Klassik und war außerdem ein Mann von beispielhaft gutem Charakter, wie Dr. Habicht nicht müde wird zu betonen. Um seinen Zeitgenossen und allen nachfolgenden Schülergenerationen den Toleranzgedanken zu predigen hat Lessing das Drama Nathan der Weise geschrieben. Worum es da geht? Oberflächlich um alte Schuld und neue Missverständnisse zur Zeit der Kreuzzüge. Damals hockten bekanntlich Vertreter aller drei Offenbarungsreligionen in Jerusalem: Juden, Christen und Moslems. Und weil alle drei überzeugt waren, die einzig richtige oder letztgültige Offenbarung erhalten zu haben, vertrauten sie auf schlagende Argumente. Sprich Krieg. Genug Stoff für zehn Tragödien. Bekanntlich sterben in einer zünftigen Tragödie die Hauptpersonen: vergiftet, erdrosselt, erstochen, erschlagen, verbrannt, gehäutet, gekocht, ertränkt, erhängt, geköpft, gehenkt. Zum Schluss alle tot – während in der Komödie die Hauptpersonen heiraten und alle Verwirrungen sich in Heiterkeit auflösen. Beides nicht nach Lessings Geschmack. Blieb ihm nur das Drama, obwohl das friedliche Ende dort buchstäblich am seidenen Faden hängt. Die Verliebten werden im letzten Akt als vom Schicksal getrenntes Geschwisterpaar enttarnt, und alle versöhnen sich über Religionsgrenzen hinweg. Wie bei Schillers Lied an die Freude: Alle Menschen werden Brüder. Schließlich wollte Lessing Leser und Zuschauer „sittlich ertüchtigen“(Originalton Dr. Habicht). Erotik würde da nur ablenken. Für alle, die es bis dahin nicht kapiert haben, lässt er im III Akt Nathan seine Ringparabel vom reichen Mann erzählen. Die geht so: Eine Familientradition will, dass er seinem Lieblingssohn einen überaus kostbaren Ring übergibt. Weil ihm alle drei Söhne gleich lieb sind, lässt er zum Original zwei perfekte Kopien fertigen, und natürlich kommt es nach seinem Tod zum Streit. Weil der rechte Ring seinen Träger vor Gott und Menschen angenehm machen soll und das Zeit braucht, verschiebt ein weiser Richter die Auflösung in ferne Zukunft. Das erinnert mich stark an die Bibel: An ihren Werken sollt ihr sie erkennen.

Dr. Habicht wünscht sich eine Interpretation mit Nutzanwendung für aktuelle Probleme: So ähnlich lautet die Aufgabenstellung, und ich weiß natürlich, was von mir erwartet wird. Die Toleranzidee ausbreiten über Flüchtlinge und Einwanderer aus fremden Kulturkreisen. Vor allem Lessings Überzeugung, dass religiöse Wahrheiten nicht beweisbar seien. Keine für alle verbindliche Antwort auf die Frage: Welche Religion ist die rechte, Gott wohlgefälligste? Lessings einzige Empfehlung: Benehmt euch menschenwürdig und tolerant, weil ihr die ultimative Wahrheit sowieso nicht wissen könnt. Darauf hätte ich meine Interpretation ausgerichtet, wäre, ja, wäre in den Osterferien nicht die Sache mit dem Hatschepsutkopf und den Reden über Original und Nachahmung passiert. Ich bin seitdem überzeugt, heutzutage wäre der Vater mit seinen Kopien nicht durchgekommen. Wetten dass? Moderne Technik hätte die Nachahmungen enttarnt. Jeder Opal ein Unikat, auch wenn sich die drei wie ein Ei dem andern glichen.

Die drei Ringe mochten sich gleichen, aber sie waren nicht dieselben, nicht identisch. Nur fast identisch. Das Selbe ist nicht das Gleiche.

Sagt Dr. Habicht.

Ob die drei Söhne mit dem Richterspruch zufrieden waren, verrät Lessing auch nicht. Ich jedenfalls würde mich nicht mit einem ähnlichen Ring zufrieden geben, wenn ich glaubte, dass der echte identifizierbar ist. Oder weiter das Original suchen. Wenn ich überzeugt bin, den echten Ring zu besitzen, kann mich kein Beweis vom Gegenteil überzeugen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ich habe darüber mit Theo und Baldur gesprochen. Mit Baldur, weil er den technischen Durchblick des Universalgenies hat. Mit Theo, weil er bei Ausgrabungen immer wieder Original und Fälschung unterscheiden muss. Aufpassen, dass ihm Händler keine gut gemachte Kopie unterschieben. Aufpassen auch, dass Originale nicht mit einem Unechtigkeitszertifikat am Zoll vorbei geschleust werden. Was sagt Baldur?

„Warum fragst du ausgerechnet mich zu religiösen Wahrheiten? Du weißt doch, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Ich bin Agnostiker; mich hat der gottlose Osten geprägt, mit Lehrbüchern wie Weltall, Erde, Mensch. Dazu die Erfahrung des täglichen Chaos. Kein sozialistischer Plan ging auf. Warum sollte ein Gott es besser machen? Außerdem scheinst du mir mit deinen Erklärungsversuchen auf dem Holzweg. Original oder nicht. Das ist heutzutage keine Frage der Moral oder Religion, sondern der technischen Machbarkeit. Ließen sich Gleichnisse wie die Ringparabel 1:1 übertragen, hießen sie „Identische“. Sollte dir eine Stimme im Traum offenbaren, dass die Hölle dir Feuer unterm Hintern macht, oder dass du im Himmel für alle Ewigkeit Psalmen singen musst, glaub es wegen mir; aber versuche bitte nicht, es zu beweisen. Merk dir: Offenbarungen sind eine rein persönliche Angelegenheit und nicht beweisbar. Naturwissenschaft und Technik haben nämlich nichts mit Religion zu tun. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.“

Und Theo?

Theo: „Du weißt, dass ich noch dabei bin“, er meint wohl die protestantische Kirche. „Wissen solltest du auch, dass man mit naturwissenschaftlichen Methoden kein religiöses Problem lösen kann. Zwei getrennte Perspektiven. Oder willst du den lieben Gott googeln? Zu deinem Gleichnis von den drei Ringen, merk dir zweierlei: 1. Alle Vergleiche hinken, 2. Die Wahrheit der Gleichnisse ist persönlicher Natur. So wie alle religiösen Offenbarungen. Leider üben nur diejenigen religiöse Toleranz, die das wissen. Gleichnisse sind Annäherungen an ein komplexes Thema. Nicht mehr, nicht weniger. Keinesfalls wörtlich zu nehmen. Mein lieber Artur! Die Wortgläubigen nehmen unwissentlich ihren Glauben als Beweis. Sie erliegen einem Fehlschluss wie vor einigen Jahrhunderten die frommen Hexenjäger. Die waren nämlich überzeugt: Hexen muss es geben, sonst würden sie nicht verbrannt. Modern gesprochen: Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“ Er klopft mir auf die Schulter. Väterlich begütigend. „Alle Fundamentalisten übersehen, dass die Wahrheit in Wirklichkeit ein Spiegelkabinett ist. Trösten wir uns mit Goethe: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Merk dir das.“

Bin ich jetzt schlauer?

Jenny ist unbemerkt dazu getreten. Sie verfolgt unser Streitgespräch mit steigender Ungeduld. Was sagt Jenny?

„Euer Philosophieren über Wahrheit und Wirklichkeit, Offenbarungen von Himmel und Hölle geht mir auf den Geist. Wenn schon Goethe, dann besser: Grau ist alle Theorie. Bei meinen Einsätzen habe ich oft genug die Hölle erlebt, so viele Tote und Verletzte, soviel Elend – da muss man zupacken und hat keine Zeit für theoretisches Geschwätz. Manchmal,“ sie schaut plötzlich ganz weich, „manchmal fühle ich mich wie im Paradies, wenn wir ein Kind unverletzt aus Trümmern ziehen oder wenn tot Geglaubte sich wieder in die Arme fallen. Merkt euch, wenn es Hölle und Himmel gibt, sind sie hier und wir mittendrin – und das Fegefeuer unser manchmal beschissener Alltag.“ Sie steht in der Tür: „Darauf könnt ihr einen lassen.“ Tür zu.

Theo zuckt die Schultern. Grinst: „Dafür liebe ich sie. Im übrigen: Wollen hätten wir schon gekonnt, aber dürfen haben wir uns nicht getraut“.

Woher hat er das schon wieder?

Apropos googeln: Ich gebe nochmals Nofretete ein und erlebe eine Überraschung. Keine historischen Neuigkeiten von der bunten Königin, auch nichts Neues darüber, wie man sie gefunden hat. Nein, etwas ganz anderes, zeitgemäßes. Ende 2015 haben zwei Künstler die Königin heimlich mit einem 3-D Scanner aufgenommen. Digitalisiert von ihrem Podest im Kuppelsaal des Neuen Museums. Das ist digitaler Kunstraub, und keiner hat's gemerkt. Wow!

The other Nefertiti. Sie brauchten es für eine Aktion gegen koloniale Raubkunst, und ihre Daten kann man jetzt aus dem Internet laden. Das habe ich sofort getan. Ohne die farbige Übermalung, in Grautönen schwebt sie vor mir auf dem Bildschirm, alle Linien und Schattierungen scheinen mir noch genauer als im farbigen Original: bereit für den 3D-Drucker. Angemalt ist sie vom Original sicher nicht zu unterscheiden, und Walter Benjamin würde staunen. Das muss ich Theo und Baldur zeigen.

Sie staunen, genau wie ich vor einer halben Stunde, und die Diskussion Original oder nicht nimmt ihren Fortgang, allerdings ohne religiöse Komponente.

Baldur: „Das ist technischer Fortschritt. Wer wollte ihn aufhalten? Besser noch als die fototechnischen Verfahren von Lascaux oder dem Grabraum des Sennefer in Hildesheim. Erinnert ihr euch?“ Natürlich erinnern wir uns. Näher kann man dem Original nicht kommen, haben wir damals gedacht in der originalgetreuen Nachbildung des ägyptischen Grabes. Ich hab's gegoogelt: Sennefer lebte etwa 100 Jahre vor Nofretete und war Bürgermeister von Theben, also eine hochgestellte Persönlichkeit und mit dem Pharao befreundet. Da konnte er sich ein feines Grab leisten: z.B. mit Weinreben, damit er sich auch im Jenseits betrinken konnte. Wer keine Gelegenheit findet, das Original in Ägypten zu bewundern, braucht nur nach Hildesheim zu fahren. Für die steinzeitlichen Höhlenmalereien sind wir nach Lascaux in der französischen Dordogne gereist. Lascaux 2, also die Nachbildung, liegt nur 200 Meter von der originalen Höhle entfernt, und wäre der Fußboden nicht so glatt gewesen, hätten wir geglaubt, in der echten Höhle zu sein: die perfekte Nachbildung. Für normale Touristen ist die originale Höhle geschlossen, was ich vernünftig finde, weil die Zeichnungen durch unsere Atemluft geschädigt werden: Pilzbefall. Theo war mit Archäologenkollegen schon in der echten Höhle und könnte damit angeben. Aber angeben liegt ihm nicht.

Jetzt starren wir auf die perfekte Kopie der bunten Königin

Was ist perfekter als perfekt? Ich behaupte, das 3D Abbild der Nofretete und frage: Kann man Original und Kopie jetzt noch unterscheiden?“ Baldur. „Oberflächlich nicht, wenn sie aus dem 3D Drucker entsteht. Aber sie ist nur eine Täuschung. Bohre sie an, und du wirst entdecken, dass die Oberflächenmaße zwar übereinstimmen wie beim fototechnischen Verfahren von Lascaux, aber darunter findest du nur das vom Drucker vorgegebene Material und nicht Kalkstein im Korpus und Stuck für die feine Ausarbeitung des Originals.“ Ich: „Was wäre, wenn nicht nur die Oberfläche dieselbe ist, sondern auch das Innere? Nicht imitiert, sondern

dupliziert“

Zwei mal das Original – ach was, drei, vier, zehn, hundert mal, sooft man will - ist das möglich? Wir sehen uns an.

Baldur bricht schließlich das Schweigen, spricht - wie ich finde - in einem lauernden Ton: „Wenn das gelingt, müssen wir uns von allen traditionellen Vorstellungen, Originale betreffend verabschieden. Zweimal die Nofretete. Wieviel wäre jede dann noch wert? Die Hälfte?“

Theo nimmt den Faden auf: „Die Preise für Originale würden zusammenbrechen – eine Katastrophe für den Kunstmarkt und alle gewinnorientierten Anleger. Das Gleiche gilt auch für Nachahmer und Fälscher. Ihr Geschäft wäre damit erledigt.

In der Geldwirtschaft ist nur das Seltene wertvoll, und am wertvollsten das Einmalige. Vor allem, wenn ein bedeutender Name hinter dem Kunstwerk steht. Als echter Rembrandt hätte der „Mann mit dem Goldhelm“ einen höheren Preis auf dem Kunstmarkt erzielt als jetzt, wo man ihn als eine Arbeit 'nur' aus Rembrandts Werkstatt enttarnt hat. Der Name entscheidet über den Preis. Ist das gerecht?“ Theo mit einem dramatischen Seufzer: „Die Konsequenzen solcher Vervielfältigungen wären nicht auszudenken. Gut dass so etwas noch nicht möglich ist.“ Baldur setzt sein Pokergesicht auf: „Meinst du?“

Manchmal wird mir mein Onkel richtig unheimlich.

*

Berlin.

Der Onkel hat Theo und mich in seinem Auto mitgenommen; „Damit die andern bei Jenny mehr Platz haben. Außerdem fährt sie mindestens so sicher wie ich.“

Sicher schon, aber auch anstrengend, denke ich. Jedem Verkehrsrüpel muss sie nachschimpfen, und dazu gestikulieren wie ein Marktweib. Da freuen wir uns lieber auf entspannendes Fahren mit dem Onkel.

Ein Irrtum, wie wir bald feststellen mussten. Nicht, dass Baldur sich über andere Verkehrsteilnehmer aufregen würde oder wild gestikulieren. Im Gegenteil: Er gestikuliert überhaupt nicht, hat die Hände nicht einmal am Steuerrad, und wir fürchten, er wird im nächsten Augenblick einschlafen. Vorsichtig blicke ich vom Beifahrersitz zu ihm hinüber und sehe mit kaltem Schrecken, er schläft bereits, hat unübersehbar die Augen geschlossen. „Aufwachen!“ Ich rufe, nicht zu laut, damit er nicht erschrickt, und rüttle ihn, vorsichtig, damit er beim Aufwachen das Steuer nicht verreißt. Bereite mich darauf vor, selbst die Lenkung zu übernehmen.

Durch geistesgegenwärtiges Handeln seines 16-jährigen Neffen wurde ein Unfall verhindert, als der übermüdete Fahrzeuglenker auf der Autobahn nach Berlin einschlief.

So oder ähnlich wird es in den überregionalen Zeitungen zu lesen sein. „Warum stört Ihr mich beim Nachdenken?“ Baldur öffnet die Augen, sieht erst zu mir, dann fragend über die Schulter zu Theo auf dem Rücksitz. „Pass auf die Straße auf!“möchte ich ihm zurufen, stelle stattdessen die Rotkäppchenfrage: „Warum fährst du mit geschlossenen Augen?“ „Damit ich besser denken kann“, antwortet der Wolf. „Der Autopilot macht's möglich“, und tätschelt liebevoll ein Kästchen neben dem Navi. Beide sind durch einige Drähte verbunden, und jetzt fällt mir auf, dass der Navi schweigt. Interne Kommunikation nennt man das wohl. Mir geht ein Kronleuchter auf: Baldur fährt ein selbst lenkendes Fahrzeug. „ Aber ich dachte immer, die sind noch in der Probephase?“ „Bei mir nicht“, sagt der Onkel, und Theo nickt beifällig. Er hat seinen Schrecken schneller als ich überwunden, kennt seinen Bruder schließlich länger als ich. Weiß außerdem, bei Baldur muss man stets auf Überraschungen gefasst sein.

Was soll ich sagen: Es wird die versprochene entspannte Fahrt, jedenfalls, nachdem wir uns an das ungewöhnliche Fahrerverhalten gewöhnt haben. „Woran denkst du?“, wage ich zu fragen. „ An die bunte Königin und wie wir sie am besten aufnehmen?“

„Keine Chance: es herrscht Fotografierverbot“, meldet sich Theo vom Rücksitz. „Meinst du? Was den beiden Künstlern mit ihrem 3D-Scanner möglich war, schaffen wir mit links. Wir tricksen die Überwachung genauso aus. Mit einem entscheidenden Unterschied. Mein Knopflochscanner digitalisiert nicht nur die Oberfläche – er dringt in die Tiefenstrukturen vor, will heißen scannt das ganze Objekt durch und durch, Molekül für Molekül.“ „Wollt ihr sie etwa stehlen? Familienbande hin und her. Das lasse ich nicht zu." „Aber nein“, Baldur spricht nachsichtig in ruhigem Tonfall, und Theo lehnt sich beruhigt zurück. Er glaubt ihm. Und ich? Ich schätze, der Wolf hat Kreide gefressen. „Wir speichern die Daten des Objekts wie die beiden Künstler, nur gründlicher. Mit einem ägyptischen Kunstwerk haben wir es bereits probiert. Sozusagen der Testlauf.“ Testlauf wofür? Mehr sagt er nicht, und ich überlege, vielleicht war dieses Gespräch auch ein Testlauf, wie sehr er seinem Bruder vertrauen kann. Offenbar hat mein grundehrlicher Vater die Vertrauensprobe nicht bestanden, und der Onkel wird sich einen anderen Vertrauten suchen. Mich. Ich bin mir sicher, hinter seinen Andeutungen steckt weit mehr, als er verraten will. Als hätte er meine Gedanken gelesen, wendet er sein Gesicht zu mir: „In Berlin musst du einige Objekte für mich aufnehmen und speichern, höchstens einen Meter hoch. Am besten fängst du gleich morgen damit an. Ich verlasse mich auf dich. Vorher besuchen wir alle miteinander die Königin“ zu Theo gewandt. „Wie ich höre, wollt Ihr danach in dieses künstliche Tropenparadies im Süden von Berlin. Das passt mir gut, weil ich Artur für einige Stunden entführen will. Wir werden pünktlich zur Schlafenszeit zurück sein.“ Auf dem nächsten Rastplatz bestellt sich Theo einen Kaffee, und ich nutze seine Abwesenheit: „Onkel Baldur! Willst du sie wirklich aus dem Museum holen? Wie bringen wir sie hinaus und wann, damit es nicht sofort auffällt?“ Ich vermeide das verräterische Wort 'stehlen'.

„Geduld, Geduld, nicht alle Fragen auf einmal!“ Baldur erklärt mir, dass es gilt, die Daten des gewünschten Objekts zusammen mit dem präzisen Standort zu speichern und zu warten, bis keine Zeugen anwesend sind, in unserem Fall bis in die Nacht, wenn das Museum geschlossen ist. „Dann holen wir sie uns, wie mit der anderen Königin geübt.“ „Aber, wir wollten doch nicht stehlen...“ „Wollen wir auch nicht. Wir leihen sie nur aus und schicken sie nach wenigen Minuten wieder zurück. Falls jemand zufällig die Überwachungskameras kontrollieren sollte, wird er an einen Aufzeichnungsfehler glauben.“ Es scheint ihm diebischen Spaß zu machen, Wachpersonal und Technik auszutricksen. Wie 1988/ 89 beim Fall der Berliner Mauer. Eines verstehe ich nicht: Wozu das Ganze, nachdem wir das System mit der anderen Königin bereits erfolgreich getestet haben? „Na, mein Sohn? Was schaust du so nachdenklich? Worüber habt ihr während meiner Abwesenheit diskutiert? Über Nofretete?“ Theo ist zurück, klopft mir anerkennend auf die Schulter: „Freut euch auf morgen, vor allem auf die Schöne; ihr Anblick ist jedes Mal ein Erlebnis!“

Natürlich freuen wir uns auf morgen, aber vorher gibt es einiges zu tun. Onkel Baldurs Auto vor dem Hotel parken und das Gepäck auf unsere Zimmer räumen. Baldurs Taschen und Koffer darf keiner von uns anrühren. „Das schaff ich alleine“, sagt er, als Theo ihm seinen Koffer abnehmen will und dirigiert das Gepäckstück in den Fahrstuhl. Ganz vorsichtig. So behutsam, dass ich mir eine Frage nicht verkneifen kann: „Was hast du da drin? Etwa eine neue Erfindung?“ Ich ernte einen vernichtenden Blick und halte die Klappe, bis er sich mit einem gemurmelten „bis später“ vor seiner Zimmertür verabschiedet. Drei Zimmer für uns sechs, und alles auf Baldurs Rechnung! Wir sind übrigens die Ersten. Von Jenny kam vor einer halben Stunde die Nachricht, dass ihre Freundin sie mit dem Rest der Familie zum Essen eingeladen hat. „Wartet nicht auf uns“, ihre Botschaft. Umso besser, ohne die Lästlinge Benni und Isa können wir drei Männer uns schon mal ins Berliner Nachtleben stürzen.

So unser Plan. Leider kollidiert er mit der Wirklichkeit. Genauer, es kommt zu einer Begegnung der unerfreulichen Art. Ein Zufall, und gegen Zufälle kann man bekanntlich nichts machen. Wie schon der Name sagt, sie fallen einem buchstäblich vor die Füße – oder treten drauf, wie es Baldur an unserem ersten Abendbummel in Berlin passiert. Eigentlich wollen wir uns nur ein wenig vor dem Hotel umschauen, da will ein Mann an uns vorbei hasten - Berliner haben es meistens eilig – und tritt meinem Onkel auf die Ferse. Dreht sich im Weitereilen um, sich zu entschuldigen. Immerhin.

Aber dann reißt er die Augen weit auf: „Baldur? Bist du es wirklich? Der alte Baldur. Menschenskind, lass dich umarmen“, und schlingt beide Arme um den verdatterten Onkel. „Kennst du mich nicht mehr? Dein alter Kumpel aus DDR-Zeiten Hans Haarig. Wir waren beide im Grunddienst bei der Volksarmee. Dich haben sie ja bald zu Höherem berufen, während ich die ganze Zeit ableisten musste. Erinnerst du dich? An der Ostsee haben wir uns wieder getroffen und zünftig gebechert. Mann, waren wir blau. Sternhagelvoll. Damals die gleiche Unterkunft; ein Zufall. Und jetzt wieder. Aller guten Dinge sind drei. Erzähl, was macht ihr in Berlin?“

Das Stichwort Nofretete reicht, ihn erneut in Begeisterung zu versetzen. „Da komme ich mit, und für Karli ist es auch eine gute Erfahrung. Man kann nicht früh genug anfangen sich zu bilden. Wer Karlchen ist? Mein Jüngster.“ Wir erfahren, dass er sich von seiner ersten Frau scheiden ließ, weil sie eine Schlampe war, von der zweiten auch; aber jetzt muss er regelmäßig das Karlchen ausführen, das stärkt die Vater-Sohn-Beziehung. Vor dem Hotel verabschiedet er sich wortreich, lüftet den Hut und verschwindet im Passantenstrom. „Weg ist er, wenigstens heute Abend sind wir ihn los“, sage ich; denn natürlich habe ich es gemerkt: Baldur wäre am liebsten unter der Umarmung weg getaucht, und auch, als er sich endlich erinnerte, schaute er nicht besonders erfreut. Pünktlich zur Öffnung wollte dieser Herr Haarig auf uns warten, und wie ich den Typen einschätze, penibel angezogen, gut rasiert, Krawatte, Aktentasche, wird er seine Drohung wahr machen. So ist es, und das Karlchen ist eher ein Karl, ein Jahr älter als Benni und vor allem größer, dicker und genau so eine Nervensäge wie sein Vater. Wir wissen nicht, wer uns mehr nervt, der Vater oder sein Sprössling.

Unterwegs zur ständigen Vertreterin Ägyptens in Deutschland – so wird sie auch genannt - erklärt Hans Haarig meinem armen Vater, was der längst weiß, die Geschichte des Museums bis zur Zerstörung in den letzten Kriegstagen, den Streit um Neubau oder teilweise Wiederherstellung, und natürlich die Geschichte der Nofretete. Dann stehen wir vor ihr. Beschreiben nützt nichts, ansehen! Jedes weitere Wort ist überflüssig deklamiert Haarig. „Dann halte dich gefälligst daran“, das ist Baldur, dem schlussendlich doch der Kragen platzt. Bis auf die Kulturbanausen Benni und Isa wissen wir alle, wen der nervige Haarig da zitiert, Ludwig Borchardt, den Entdecker der Nofretete von 1912. Die meisten Besucher halten tatsächlich den Mund oder flüstern, als könnten Schallwellen die Figur beschädigen. Dabei ist sie gut gesichert unter bruchfestem Glas, so dass wir sie von allen Seiten bewundern können. Unter der historischen Kuppel ein Raum ganz für sie allein. Hat sie verdient. „Sie hat Einmaligkeit und Dauer, wir spüren den Atem der Geschichte bei ihrem Anblick“, liest ein Besucher aus seinem Kunstführer. Besser kann man es nicht sagen. Baldur hat seine Brille aufgesetzt, nähert sich dem Glaskäfig, als wollte er die Schöne aus nächster Nähe betrachten. Nur ich weiß, warum er dabei zwischen Daumen und Zeigefinger den Kragen seines Jacketts hält.In Höhe des Knopflochs. Nach einer knappenMinute tritt er zurück, um andere Besucher vorzulassen. „Ich habe genug gesehen“, und wieder weiß nur ich, was er damit meint. Leider hat Benni einen Narren an Karlchen gefressen, es fehlt ihm einfach an Menschenkenntnis. Er nennt ihn Charly, will sich von ihm Berlin zeigen lassen und bedauert sehr, dass die Berliner Pfingstferien so kurz sind. „Dann besuchst du uns in den nächsten Ferien, dein Vater kann auch mitkommen; Onkel Baldur freut sich bestimmt“. Und wie sich Onkel Baldur freuen wird. Wie gesagt, Benni hat keine Menschenkenntnis.

Dies Wochenende haben wir beide im Schlepptau. Charlie mit seinem großspurigen Gerede und seinen Vater mit seiner Neugier zu allem, was Baldur so treibt, mag er es auch tausend mal als Interesse an den Wissenschaften tarnen. Da ist nichts zu machen, wir werden sie einfach nicht los.

Isa hat es besser getroffen. Sie verbringt jede freie Minute mit der Tochter von Jennys Freundin; vor der Reise haben die Beiden Ewigkeiten am Telefon verquaselt. Mich wundert, dass sie sich überhaupt noch was zu erzählen haben.

Was sagt Benni dazu? „Weiber“. Verächtlicher geht’s nicht.

Dieser Charly ist für ihn eine ganz andere respektable Sorte Mensch. Wenn er sich da nicht irrt...

Heute Abend gehen die Eltern in die Oper. Ganz allein. Die Haarigs konnten sie abwimmeln, Baldur hat enorm wichtige Arbeiten zu erledigen, sagt er, und wir glauben ihm.

Wir Drei sitzen vor dem Fernseher. Bis 22:00 Uhr ganz nach Plan, dann werden Isa und Benni schläfrig, fünfzehn Minuten später schlafen sie, und ich schleiche hinüber zum Zimmer des Onkels. Er hat mich bereits erwartet. „Schnell, schnell, wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Er hat alles vorbereitet, eine Decke auf seinem Bett ausgebreitet, davor den Beamer und ein zweites, kleineres Gerät. Neben dem Bett stehen zwei

hölzerne Kisten, eine mit der Adresse eines französischen Weingutes Grand cru steht drauf, und die zweite wie für eine Versendung ins Ausland vorbereitet. Die Adresse steht in arabischer und lateinischer Schrift. „Ist das nicht...?“ Ich zeige auf ein mir wohl bekanntes schwarzes Gerät, das alles Licht zu verschlucken scheint. „Richtig, der Transporter aus deinem Wüstenurlaub. Ihr habt genug Unheil damit angestellt.“

„Aber du wolltest ihn doch vernichten?“

„Hab' ich nicht übers Herz gebracht. Er kommt an einen sicheren Ort nicht weit von Berlin - nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat. Das Nachfolgemodell ist wesentlich handlicher.“

„Und das?“ Ich zeige auf ein zweites schwarzes Gerät, ebenfalls schwarz, aber größer und klobiger als das erste. Zweifellos auch eine technische Apparatur.

„Oh, das ist mein Mauerspecht. Zerbröselt anorganische Material.“ Der Onkel streichelt liebevoll über die glatte Oberfläche und wird plötzlich gesprächig. Er erzählt die bekannte Geschichte, wie er die Berliner Mauer, den sogenannten antifaschistischen Schutzwall zum Einsturz brachte, schwelgt kurz in Erinnerungen. Später einmal, nachdem er den Mechanismus zerstört hat - zu gefährlich – will er das Gerät dem Museum für deutsche Geschichte vermachen. Vorerst wird es zusammen mit dem Transporter in einem sicheren Versteck aufbewahrt. „Du wirst den Ort früh genug kennen lernen; aber jetzt haben wir Wichtigeres zu tun.“

„Was ist das?“ Ich zeige auf das unbekannte Gerät. „Ich dachte, du wüsstest es, zumindest hättest du es dir denken können. Wir stehen vor einem großen, Frieden stiftenden Projekt. Heute Abend werden wir den Streit um die originale Nofretete beilegen. Beide, Ägypten und Deutschland wollen sie haben. Also geben wir sie beiden. Dies, lieber Artur, ist ein Duplikator, auf deutsch ein Vervielfältiger, er kann Originale am laufenden Band vervielfältigen, naturidentisch und gleichzeitig ununterscheidbar. Doch zuerst müssen wir das Original herbei schaffen. Achtung, ich betätige den Transporter!“ Ein Knopfdruck, der vertrauten Wirbel - und die Schöne ist gekommen. Sie ist es wirklich, wie sie auf Baldurs Bett liegt und uns anzulächeln scheint. Ich kniee vor dem Bett, vielmehr vor der Königin vom Nil. Mann ist sie schön, denke ich, schön wie, wie...Bastet. Der Gedanke war einfach da, ich habe ihn nicht gerufen. Ehrlich. „Du kannst sie berühren, auf kurze Entfernung wird sie nicht so heiß wie unsere Hatschepsut.“ Stimmt. Ich spüre Wärme und ein leichtes Pulsieren, ganz so, als würde sie leben. Vielleicht ist es Reibungshitze weil die Moleküle nach dem Transport etwas durcheinander geraten sind und noch ihren Platz finden müssen.

„Jetzt den Dublikator“. Der Onkel richtet das Gerät auf die Schöne, schaut durch eine Art Sucher, nickt zufrieden und drückt einen grünen Knopf, zweimal nacheinander. Was soll ich sagen? Es hat geklappt: Die Schöne ist gekommen. Weitere zweimal.

„Drei mal das Original!“ Der Triumph in Baldurs Stimme ist unüberhörbar.

Da liegt sie auf Baldurs Bett, dreimal dieselbe Königin vom Nil. Dreimal dieselbe unvergleichliche Figur. „Wahnsinn!“ bricht es aus mir. Baldur lässt mir keine Zeit: „Jetzt kommt der wichtigste Schritt. Ich lösche das Licht und du vertauschst die drei mit geschlossenen Augen - sicher ist sicher - bis ich Halt sage“. Ich gehorche, taste mit geschlossenen Augen über die Figuren. Soll ich sagen drei in Eins oder eins in Drei. Heilige Scheiße, was tun wir hier? Vorsichtig greife ich die erste, dann die zweite, vertausche die Plätze, greife die dritte Nofretete. und ziehe sie zu mir herüber, verliere in aufgeregter Eile das Gleichgewicht, sie rutscht über den Bettrand und ich fange sie in meinen Armen auf, liege auf dem Rücken, die Schöne an meine Brust gepresst und denke wieder: Basti. Es ist nochmal gutgegangen - ich habe sie nicht zerdeppert, und das rechte Ohr war schon vorher kaputt. Es muss schnell gehen- ehe sie im Museum etwas merken.

„Halt!“ ruft der Onkel, und das Licht flammt auf. Er sieht mich auf dem Rücken liegen, beide Arme um die Schöne geschlungen. „Ganz wie ein Liebhaber“, sagt er, nimmt sie mir ab und legt sie zu den anderen. Mir bindet er einen Schal vor Augen, „wir wollen ganz sicher gehen“, dreht mich zwei, drei Male um meine eigene Achse und sagt: „Zeig' mit dem Finger: Welche soll ich zurückschicken?" Das erinnert mich stark an Blinde-Kuh-Spiele von früher. Ich tippe mit dem Zeigefinger auf eine nach der andern und sage dazu leise für mich ene mene mu und raus bist du. „Diese!“ Er nimmt mir die Augenbinde ab, richtet das Objektiv des Beamers auf die von mir bezeichnete Figur und löst den Transport aus. Ein farbiger Wirbel, das Echo eines warmen Lufthauchs und mit einem sanften Plop verabschiedet sich die Königin. Der Onkel reibt sich die Hände. Das wäre geschafft. Kommen wir zu Original Nr. 2. Mit verschmitztem Grinsen: „Ich habe vorgesorgt, alles ist von langer Hand vorbereitet. Er zeigt auf einen Schriftzug englisch und arabisch für Kairo; „korrekt unfrei geschickt. Das muss es ihnen wert sein. Schließlich erfülle ich ihnen einen lang gehegten Wunsch.“ Wohin er sie schickt und warum nicht gleich gebeamt?? Nein, er beamt sie nicht ins Ägyptische Museum, auch nicht ins Büro der Ägyptischen Altertumsverwaltung, die sie seit Jahrzehnten zurückfordert. Leider kennt der Onkel sich mit den Räumlichkeiten dort nicht aus und will nichts riskieren. Deshalb ist die Sendung zwar an das Büro der Altertumsverwaltung adressiert, aber gebeamt wird sie an eine Auslieferungsstelle der ägyptischen Post. Die hat er vor seiner Europareise besucht und entsprechend präpariert. Dorthin geht die Post und eines garantiert er: Seine Nofretete besteht jeden Originalitätstest. Jede der andern beiden übrigens auch. Wir packen Nr. 2 sorgfältig in die gepolsterte Kiste, verschließen diese ebenso sorgfältig, ein letzter prüfender Blick, ein Knopfdruck und ab geht die Post. „Was machen wir mit der dritten?“ „Die behalte ich“, seine trockene Antwort, „mein Wunsch stand schon immer nach einem antiken Original.

Er packt das dritte Original behutsam in die Weinkiste, verschließt diese ebenso sorgsam und stellt sie in den Schrank.

„Morgen bringen wir sie zusammen mit Mauerspecht und Dublikator in meinen Biberbau, und wenn du willst, kannst du sie später dort besuchen. Zusammen mit mir.“ Er reibt die Handflächen, wie nach bestandenem Abenteuer – oder wie vor einer neuen Herausforderung.

„Dein Biberbau? Wo ist der?“

„Du wirst es rechtzeitig erfahren. Wenn die andern in der deutschen Südsee schwimmen, nehme ich dich mit. Geheime Reichssache. Und jetzt gehen wir schlafen.“

Unglaublich, aber wahr, was heute passiert ist. Wenn Theo und Jenny das wüssten. Sie sind völlig ahnungslos. ISA ist total erschöpft vom Shoppen mit ihrer neuen Freundin, und vom Unheil, das Benni und Charlie inzwischen sicher angerichtet haben, weiß ich nichts.

Ich liege noch eine Zeitlang wach und grüble, frage mich, was man in Kairo sagen wird, wenn das Paket im Büro der Ägyptischen Altertumsverwaltung geöffnet wird. Oder in Berlin, wenn Nofretete wieder ihren alten Platz eingenommen hat. Falls sie etwas bemerkt haben, werden wir es je erfahren? Schließlich hängt daran eine Menge Politik.

Was sagt Theo immer? Bei uns bleibt nichts geheim; da hilft auch nicht, dass der Regierungssitz vom geschwätzigen Bonn ins nüchterne Berlin verlegt wurde. Berlin und nüchtern? Oder verschwiegen? Ha! Dass ich nicht lache. Die Sache mit Nofretete und dass sie kurzzeitig von den Überwachungskameras verschwunden war, stand zwei Tage später in allen Zeitungen. Geheimnisvoll wie das kurzzeitige Verschwinden der Mona Lisa vor hundert Jahren. Dazu die Frage: Handelte es sich nur um eine Bildstörung oder um eine kriminelle Aktion? Handelte es sich gar um den Austausch des einzigartigen Originals gegen eine wenn auch gut gemachte Nachahmung. Gut. Sie werden die Identität mit modernster Technik überprüfen und erleichtert feststellen: Das Original! Sie ist es.

„Sie ist es!“ Ich stelle mir das Büro des ägyptischen Amtsleiters vor: dunkles, handgeschnitztes Mobiliar, schwere Sessel, ein imposanter Schreibtisch. Darauf neben allerhand Korrespondenz, Akten und Schreibzeug, eine altägyptische Plastik. Natürlich echt. Ein Original. An den Wänden kein Durchblick zur Tapete. Überall hängen historische Stiche, wie sie im 19. Jhdt zu den archäologischen Brennpunkten weltweit entstanden. Von Napoleon weiß ich, ihm folgte ein Tross von Wissenschaftlern, Kartographen und Künstlern, damit die daheim Gebliebenen was zu staunen hatten. An der angrenzenden Wand neben zwei voll gestopften Aktenschränken eine Bildergalerie: Photos von Ausgrabungsstätten und von besonders eindrucksvollen Fundstücken. Ich stelle mir die Gesichter der Beamten vor. Sie stehen dicht gedrängt um einen Tisch mit Intarsienarbeit; eine Jagdszene vor antiken Stätten. Die Tischbeine enden in Löwenpranken, ein Tisch, der schwere Gewichte tragen kann. Jetzt trägt er das Gewicht einer halb geöffneten Holzkiste und teilweise von vier oder fünf Männern. Vielleicht ist auch eine Frau dabei. Oder zwei. Schließlich erobern Frauen sich überall Plätze in der traditionellen Männerwelt, selbst in arabischen Staaten. Die Hände schwer aufgestützt und weit vorgebeugt suchen sie einen Blick ins Innere der Kiste zu erhaschen. Die Spezialeinheit zur Untersuchung verdächtiger Sendungen ist abgezogen, nachdem sie festgestellt hat, die Sendung enthält keinerlei Sprengstoffe oder ähnlich gefährliche Materialien. Vielmehr liegt dort die Büste einer altägyptischen Königin, Abmessungen und Farbe nur vergleichbar mit... „Ja, sie ist es; Nefertiti, endlich heimgekehrt aus dem Exil.“ Der Amtsleiter strahlt.

Ich weiß, wie die Geschichte weiter geht. Sie werden die Identität mit modernster Technik feststellen und begeistert feststellen: Das Original. Sie ist es. Und dann? Was kommt dann?

Eilmeldungen zwischen Kairo und Berlin, erneute Untersuchungen und Identitätsfeststellungen, Echtheitszertifikate. Ein Heer von Wissenschaftlern, Kunsthistorikern, 3D-Technikern und Künstlern wird sich auf beide Originale stürzen, nicht zu vergessen die Presse und Juristen für internationales Recht. Hat der Onkel das alles bedacht, als er von seiner Frieden stiftenden Mission sprach? Oder wollte er gar keinen Frieden, sondern etwas ganz anderes, wovon ich keine Ahnung habe.

Die Schöne ist gekommen. Dreimal, und ich frage mich:

Wo ist ihre Aura geblieben?


© 2017 Literatur I.L.RUFF