• Ingrid L. Ruff

Blumenriviera: Impressionen Gedankensplitter Assoziationen

Blumenriviera 27. 10. bis 02.11.2019

1. Sonntag 27.10. 4:00 Abfahrt Ebern

Grand Hotel Diana Majestic in Diano Marina / Ligurien

2. Montag 28. 11. 7:00 Frühstück, 8:00 Abfahrt

Monaco Meeresmuseum Bootsfahrt

3. Dienstag 29. San Remo (orth. Kirche)

Weinprobe in dolce aqua

4. Mittwoch 30.10. Cannes

Bootsfahrt; Parfümerie Fragonard

5.Donnerstag 31.10. Genua, Rapallo, Portofino,

Bootsfahrt

6. Freitag 1.11.Nizza,St Paul de Vénard, Kunstdorf(Miro etc)


Im Bus unterwegs zwischen Italien und Frankreich

I. Italien: - vergängliche Schönheiten - Schönheit des Vergänglichen.

Die Autobahn schwingt sich über eine Kette von Viadukten und unterschiedlich langen Tunnels. Im Reisebus wir im wechselnden Rhythmus von hell und dunkel, dunkel und hell. Im Licht, zwischen den Lichten und manchmal auch im Abendmond

sehen wir eine der schönsten Küsten Europas unter uns vorbei ziehen: die Blumenriviera.

Ein Panorama flüchtiger Eindrücke. Man kann die Augen schließen, den inneren Dialog weiter führen. Oder sich ganz dem Panorama überlassen, in Gedanken mit ihm wandern. Ehe sich flüchtige Eindrücke zu Gedanken, Gedanken zu Gedankenketten verbinden, löscht sie der nächste Tunnel aus – oder spinnt sie weiter.

Die Tunnel

Ohne sie lägen die Ortschaften weiter weltabgewandt, nur erreichbar über das Meer, wo Kreuzfahrtschiffe das alte Seeräuberunwesen abgelöst haben.

Ob die Folgen weniger gravierend sind, wenn Hundert- ach Tausendscharen schaugieriger Touristen in die malerischen Ortschaften einfallen?

Wer will das entscheiden? Ein Preis der modernen Verkehrsanbindungen, also

fügen wir uns in das selbst gewählte Schicksal und lassen uns vom nächsten Tunnel aufnehmen und vom übernächsten und dem Überübernächsten und so weiter, und so weiter, eine Reihe gleichförmiger Röhren, ein, zwei Lichterreihen über uns, sonst eher dunkel, das Tageslicht am Ende des Dunkels schnell wieder geschluckt vom schwarzen Loch der nächsten Tunnelöffnung.

Es heißt, dass schwarze Löcher das Licht fressen und Materie aufsaugen. Diese italienischen Tunnel fressen nur km und erlauben uns ein Ziel in kürzester Zeit zu erreichen.

Nachtrag: vorausgesetzt es gibt keinen Stau.

Die Küste

Winzige, eng an die Hänge geschmiegte Dörfer, einzelne Gehöfte inmitten terrassierter Felder, und ich denke: ganz schön mühsam von hier täglich zur Arbeit aufzubrechen – oder, wie seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten üblich, vom Ertrag einer kleinen Hofstelle zu leben. Recht und schlecht , so nannte man das.

Kein erstrebenswertes Ziel in unseren Zeiten des Zuviel ist nicht genug, und wen wundert‘s, dass Landflucht in solchen Gegenden schon längst kein Fremdwort mehr ist.

Unter uns auch städtische Siedlungen, je mehr wir uns den dicht besiedelten Zentren nähern, die Häuser mehrstöckig in blassem Pastell, halb geschlossene, oft grüne Fensterläden über hohen schmalen Fenstern. Balkone, manchmal begrünte Dachgärten.


Auffällig auch die letzten Wohnstätten: hell erleuchtete Friedhöfe am Abend. Auf den Gräbern,- meistens Urnenwände - blinken Lichter zu Hunderten: jeder Urnenwand die eigene elektrische Beleuchtung. Hier gibt es keine Erdbestattungen; stattdessen Wohnstätten für die ganze Familie - Häuschen für die Ewigkeit und an den Abenden in gleichmäßigen Reihen elektrisch beleuchtet, wie in Italien üblich. Vor allem jetzt, Anfang November zu Allerheiligen und Allerseelen, den Tagen des Totengedenkens.

Das erste Mal sah ich die Lichter vor fast vierzig Jahren, auf Ischia, und hatte den Eindruck von etwas Lebendigem. So kann der Tod uns täuschen.


Ach ja, die Blumenriviera. Sie täuscht uns ebenso. Dass wir uns da keine falschen Vorstellungen machen von überbordender Blumenpracht bis in den Spätherbst hinein. Falsch. Zwar prägen blühende Pflanzen den Namen Blumenriviera. Doch wachsen und blühen sie unter zahllosen Treibhausdächern - bis zur Schnittreife. Das sieht nicht besonders schön aus. So folgt der poetischen Erwartung die prosaische Realität eines mehr oder weniger erfolgreichen Wirtschaftszweiges unter anderen. Eines anstrengenden vor allem; denn die Aufzucht und Pflege fordert tägliche Mühe, ganz zu schweigen von den Risiken des reichlichen Chemieeinsatzes. Von wegen gesunde Natur. Haut- und Atemwegserkrankungen sind lästige Begleiterscheinungen des Berufs. Da verzichtet mancher Sohn lieber darauf, den Broterwerb des Vaters weiter zu führen. Schluss. Aus. Vorbei, und die Städte wachsen, wuchern hinein in die Zonen der vormals gehegten Pflanzen.


It‘s history Die Städte Liguriens

Zuerst San Remo: Residenz und Winterkurort von Britanniens Gnaden, wo sich die nordeuropäische Elite eine Auszeit gönnte, um den Zumutungen der nordischen Winter zu entkommen. Mondäne Eleganz der Boutiquen und internationalen Modehäuser.

Was hier fehlt und auch in größeren Städten nicht vermisst zu werden scheint sind die türkischen Dönershops oder vietnamesischen Wokküchen. Ich denke unwillkürlich an Görlitz -vor dem 1. Weltkrieg reichste Stadt Deutschlands, jetzt am unteren Ende der Einkommensskala. Wo einst die Berliner Straße vom Bahnhof stadteinwärts mit einladenden Hotels und Geschäften ein anspruchsvolles und elegantes Publikum bediente, sind überdurchschnittlich viele Gebäude von fast food Versorgern besetzt. Ach und die Hotels erst in Bahnhofsnähe...Beispielhaft ein großer, ehedem repräsentativer Bau mit zugebretterten Fenstern und grauer Fassade: Zu verkaufen. Wer will das kaufen oder stilvoll teuer sanieren? Die Preise vielleicht zu hoch oder eine zerstrittene Erbengemeinschaft.

Bleiben die Dönershops.

Auch in Italien gibt es Arme. Da muss ich mich fragen: Wie ernähren sich die ärmeren Stadtbewohner Italiens? Leben sie über ihre Verhältnisse, wenn sie in Restaurants statt im Asiashop speisen? Oder ziehen sie es vor, sich stilvoll zu verschulden - was man Italienern ja gerne vorwirft.

Ein Dönerimbiss ernährt neben zahlreicher Laufkundschaft auch seine Besitzer. Ebenso das vietnamesische Wokrestaurant; daneben die Servicestation für Billigware aus Fernost von Kunstledertaschen zu Wegwerfklamotten, und der deutsche Unternehmer passt sich an.

1€-Läden versorgen eine Bevölkerung , die es nicht so dicke hat - und andere. Im Land der Geiz -ist -geil -Mentalität finden Schnäppchenjäger allerorten ihre Beute, Und zugegeben, auch ich schaue nach Schnäppchen im Görlitzer 1€ -Shop.

1€-Läden sind mittlerweile in ganz Deutschland vertreten, nicht nur im sogenannten Osten, wie ich naiverweise glaubte. Billig billig dröhnt es uns überall entgegen und verstellt die Sicht auf Qualität. Kaufhäuser wie Einzelhändler sehen sich gezwungen, kurz vor black fridays, Sale -weekends und wie sie alle heißen mögen, Preise anzuheben, um sie pünktlich zum Schnäppchentermin wieder zu senken. Billig kann auch meinen, der alte Preis

- wie alt?- ist durchgestrichen und der neue als Superangebot präsentiert.

Beide, Händler und Kunde wären dann zufrieden: die perfekte Waren- und Konsumwelt. Eine Scheinwelt.

In San Remo oder Genua wird man kaum overdressed auffallen- in Görlitz,

- selbst im Theater, - schon. Wird es so bleiben?

Es heißt, 30 Jahre nach der Wende tragen Ur-Berlinerinnen und -Berliner immer noch Söckchen zu Sandalen. Werden sie den Brauch noch nach weiteren 30 Jahren pflegen? Wieviel Stilgefühl im Vergleich haben Bayern oder Hessen, und wann werden sie sich an Hanseaten messen können? Die Schüler meiner kleinen Stadt, die sich nach Schulschluss ihren Döner holen -wohl weil er ihnen schmeckt - gewöhnen sie sich für den Rest ihres Lebens daran und sind somit für kultiviertere Formen des Essens verloren?

Werden sie später noch Kraft und Interesse für einen gepflegteren Lebensstil aufbringen können?

Schlussendlich: wo hört das Stilgefühl auf und fängt ein Nationalcharakter an?


Zum Beispiel Schuhe. Eine Bekannte wunderte sich vor einigen Wochen über die Turnschuhgeneration, fragte sich und mich: wie begegnen traditionelle Schuhgeschäfte dieser ruinösen Konkurrenz?

In der Folgezeit heftete ich meinen neugierigen Blick auf die Füße mir begegnender Passanten. Das Ergebnis in Stadt und Land, später europaweit verfolgt: 9 von 10 tragen Turnschuhe, selbst in Italien, dem Heimatland der eleganten Schuhmode: Sneaker, boots und wie die teilweise sündteuren Abkömmlinge des Turnschuhs sonst noch heißen mögen.

So geht Kultur verloren. Oder: Auch das ist Europa.


Genua. Schließlich Genua:

Genuesische Geschichte begegnet uns immer wieder in Lehrbüchern, der Name zum Begriff geronnen, so oft, dass ich glaubte, auf die reale Begegnung verzichten zu können.

Irrtum. Die Stadt atmet Geschichte: Steil an Hügeln empor gebaut die Häuser wahre Wolkenkratzer der frühen Neuzeit, 10 Stockwerke hoch, manchmal mehr, dazu streng gegliedert die typischen Fensterläden, das untere Drittel aufgeklappt, um Luft und Licht herein zu lassen. Die Farben verblasst, manchmal abblätternd. Das hat Würde.

Würde muss man nicht nur den repräsentativen Plätzen zugestehen, den Kirchen der Renaissance. Würde sehe ich auch im Gang der Alten, den Gesten der Händler, wie sie ihre Ware anbieten. Es mag am Erbe liegen.

Genuesische Kaufleute und Kapitalgeber prägten nämlich weite Gebiete Südeuropas und der Welt. Nizza, über 500 Jahre italienisch-genuesische Stadt zeigt seine Herkunft in typisch genuesischen Häuserformen. Sie tun es bis heute, mögen auch Plakate die 100-jährige Zugehörigkeit zu Frankreich feiern. Der Reichtum Genuas war, wie es so schön heißt, sagenhaft.

Ist Genua noch die Stadt, an der die internationale Finanzwelt sich ausrichtet, an der sie zumindest nicht vorüber gehen kann, selbst in Zeiten italienischer Verschuldung? Ich weiß es nicht.

Vielleicht trifft auch für Genua zu:

It‘s history.


II. Zum Schluss: La France eternelle - Nachdenken über Nation. Heute nur wenige Worte am Beispiel

Nizza

Wir hören, seit 100 Jahren gehört die Stadt zu Frankreich. Zweifelsfrei.

Doch welche Sprache herrschte zur italienischen Zeit vor? Dachte man damals national oder merkantil, bzw. dynastisch wie in vielen Ländereien Europas? Bedauert unsere Reiseführerin, dass Nizza nicht mehr italienisch ist? Sie hält sich bedeckt. Der geschichtliche Wandel hat in Europa zum Austausch ganzer Länder und Völkerschaften geführt durch Kauf, Tausch oder Annexion. Das kann zu offenen oder verdeckten Ressentiments führen, und manchmal möchte man unbeschwert von allem historischen Wissen nur im Hier und Jetzt leben, Man kann das auch Unbildung nennen, oder Naivität; denn der Informierte und Mächtigere könnte allzu leicht versucht sein, diese Unwissenheit für sich zu nutzen.

Darüber, dass sich naive Einstellung verbietet, hat Heinrich von Kleist in seinem Aufsatz über das Marionettentheater geschrieben (ich komme immer wieder darauf zurück). Sind wir erst einmal aus dem Stand kindlicher Unschuld gefallen - Kriege und Besatzung leisten ihren Teil - müssen wir gleichsam die Welt umrunden, um zu einem reiferen, die Gegensätze versöhnenden Wissen zu gelangen. Man kann diese Einsicht Weisheit nennen.

Vielleicht nicht das schlechteste Ergebnis solcher Reisen.

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