• Ingrid L. Ruff

Lob des Mittelmaßes

20.06.2018

Betreff Brigitte wir Nr. 3 (2018) Aktion Mensch 60 +


Eine Überfliegerin wollt Ihr küren? Eine, die sich gegen möglichst viele Leserinnen bzw. deren Vorschläge durchsetzt? Soll das Euer feministischer Beitrag zum globalen Kapitalismus sein?

Die Tribute von Panem lassen grüßen – selbst wenn es diesmal nicht ums Leben geht. Wisst Ihr, was Ihr da tut? Ihr hetzt uns in einen Kampf des 'survival of the fittest', und wahrscheinlich haben viele Leserinnen mitgemacht – genug um mehrere Seiten der nächsten Ausgaben zu füllen.

Sollte für Euch die buddhistische Weisheit nicht mehr gelten, dass es vor allem darauf ankommt, in aller Bescheidenheit im Hier und Jetzt des Alltags zu bestehen, statt das eigene Ego zu bedienen?

Müssen wir nicht jeden Tag den Stein wälzen? Uns auch noch bücken, um für andere Schutt beiseite zu räumen, statt nach den Sternen zu greifen? Wobei wir uns allzuleicht verheben...

Unvergesslich mein (19 Jahre) jüngerer Bruder, als er vergeblich versuchte, aus Bauklötzen einen Turm zu bilden. Ich beobachtete seine angestrengten Bemühungen über mehrere Minuten, und als der halbfertige Turm wieder und wieder umstürzte, ermahnte ich ihn: „Du musst nur Geduld haben!“, worauf der Kleine brüllte: „Ich habe ja Geduld!“ Seitdem sind mehrere Jahrzehnte verflossen, aber geändert hat sich unsere Situation nicht. Wie oft widmen wir uns mit Energie und frischem Mut den täglichen Herausforderungen und müssen uns am Abend eingestehen: Heute hat es wieder nicht gereicht. Wir sind die Maus, von der Katze namens Schicksal ermahnt: Du musst nur die Richtung ändern, - um danach doch gefressen zu werden.

Allen, die es nicht glauben wollen und meinen, wir kämen ungerupft durchs Leben: Wir alle sind Sisyphos und täglich scheitern wir trotz kleiner Mutmacher, die uns natürlich auch begegnen. Scheitern in Prüfungen und Bewerbungen, mit hoch fliegenden beruflichen Plänen, in der Digitaltechnik, bei der Suche nach dem perfekten Partner, nach treuen Freunden, scheitern an Krankheiten, eigenen und in der Familie, an unseren Schwächen und Süchten, scheitern an Versagensängsten, selbst bei kleinen Herausforderungen in Hobby und Heimwerkerei, wie das Beispiel meines kleinen Bruders zeigt.

Natürlich war er im Recht und meine Ermahnung – wie man heute sagt – kontraproduktiv.

Ich weiß, wovon ich rede. Jahrelange Lektüre der EMMA, hilft da auch nicht weiter. Im Gegenteil, je mehr ich lese, desto weniger emanzipiert fühle ich mich im Vergleich zu in EMMA vorgestellten Frauen, fast alle Anwärterinnen auf dem Siegertreppchen für Engagement . Leidenschaft . Inspiration, so die von Euch genannten Voraussetzungen.

Zwar bin ich beeindruckt von den taffen Frauen, die Alice Schwarzers Redaktion uns da vorsetzt: durchsetzungsstark, erfolgreich und zudem noch attraktiv. Erstaunlich, was Frau alles kann, wenn sie nur will. Bin jedes Mal so beeindruckt, dass ich nicht weiß, wie diesen hoch über mir schwebenden Vorbildern, diesen Monstern an Effizienz nacheifern, geschweige denn sie erreichen. Statt mir Mut zu machen, mich anzuspornen, meine letzten Reserven zu aktivieren, kaufen derartige Berichte mir den letzten Schneid ab.

Schlimm genug.

Schlimmer: Jetzt haut Eure Redaktion in die gleiche Kerbe.

Sucht Ihr etwa eine perfekte Heldin?

Ich meine, wir brauchen keine Helden, wir brauchen nicht das Superweib 2018. Wenn schon Respekt vor Heldinnen, dann vor solchen, die im ganz normalen Alltag bestehen müssen, auch weil sie keine andere Wahl haben (wie die Maus in Kafkas Parabel). Ihr Leben mag kaum erwähnenswert scheinen, aber ist es deshalb unglücklich oder gar sinnlos?

Sollen wir nach den Vorstellungen der Redaktion einer Selbstoptimierung

nachjagen, die Ihr mit Glück verwechselt?

Und die zurück Bleibenden? Die Vorbilder unerreichbar und der Stein für sie zu groß, falls er sie nicht überrollt - längst überrollt hat...

Das Resultat kennen wir: The winner takes it all; denn Panem ist überall.

Auch ich bin Sisyphus. Kenne mein tägliches Scheitern und meine Grenzen.

Wie wenn ich dem Rat der Katze folgte und die Blickrichtung ändere, im aktuellen Scheitern die Chancen, sogar das Glück des nächsten Tages sehe? Oder erkenne, wie mancher, ehrgeizig nach Erfolg strebend, schließlich die Stufe der Inkompetenz erklimmt: auch eine buddhistische Weisheit.

Der Perspektivenwechsel! Er lehrt mich im Tod das Leben. Nach dem Tod des Partners mich nochmals neu zu erfinden. Er lehrt, dass die

alles versprechende neue Liebe sich im Alltag bewähren muss oder wieder vergeht. So gesehen ist das Abenteuer eines jeden Lebens eine Helden-, eine Heldinnenreise (Zugeständnis an die gendergerechte Sprache - obwohl nicht überzeugt).

Nur mit beschränkten Instinkten ausgestattet, kaum des kollektiven Unbewussten gewahr, muss unsere Spezies alle Erfahrungen neu „erfahren“, eine Erfahrung, die mir kürzlich beim Paddeln auf dem Main „widerfuhr“. Das Boot kenterte und während ich das Paddel sicherte, mich gegen die Strömung stemmte und das Boot aufzurichten suchte, wurde mir klar: Wir brauchen die Ursprüngliche, vom Wortsinn abgeleitete Erfahrung, um nicht völlig den Verlockungen der virtuellen Realität zu erliegen.

Zum Glück war das Wasser des Main nicht kalt und Kleidung zum Wechseln vorsorglich im Fass verstaut. Glück und Vorsorge als Begleiter von Lebenserfahrungen. Was brauchen wir mehr?

Sollten wir uns in einzelnen Leistungen tatsächlich über das normale Maß erheben, lasst uns nicht vergessen, auf wie vielen Schultern der Generationen vor uns und selbstverständlich vieler unbekannter Zeitgenossen und Helfer wir mit unseren Erfolgen stehen.

Ein neuer deutscher Film, In den Gängen, lehrt uns zwei Wahrheiten in aller Bescheidenheit: Es braucht nicht das Scheitern der Könige, nicht die tragische Fallhöhe der klassischen Literatur, es braucht nicht das große Unglück. Manchmal reicht bereits das Unglück der kleinen Leute, so der unbegreifliche Selbstmord des Arbeitskollegen. Soweit die pessimistische Perspektive.

Aber auch Lebensmut in einer alles andere als perfekten Welt lehrt uns der Film: Zwischen zur Vernichtung bestimmten Nahrungsmitteln (Kritik fast unter der Schwelle der Wahrnehmung) treffen sich die Arbeiter des Großmarktes zu einer Verkostung, und auf dem Klo gönnt man sich eine im Arbeitsprozess nicht vorgesehene Zigarettenpause. Wer will, wie die Liebenden der zentralen Handlung, kann sogar in einer profanen Maschine - hier einem Gabelstapler - das Meer rauschen hören. Dies Versprechen, und das ist die Botschaft des Films, gilt überall und für jeden von uns.

Im Film treffen wir auf lauter Beschreibungen von Mittelmaß in Personen und Handlung. Womit wir beim Titel meiner kleinen Streitschrift angelangt wären. Ich halte Mittelmaß für ein zu Unrecht verachtetes Wort. Es verdient die Bedeutungsverschlechterung (seit wann?)nicht, umfasst es doch die hohen Wortbedeutungen von Mitte und Maß: Mitte im Buddhismus der ruhende Punkt um den sich das Rad des Lebens dreht, auch der mittlere, zum Heil führende Weg jenseits der Extreme. Maß, mhd. maze, im Mittelalter die vorbildliche, vor allem anderen nachstrebenswerte Tugend.

Und heute? In unserer Zeit, die das Extreme liebt und sich eher mit dem Slogan -zu viel ist nicht genug- beschreiben lässt, grenzt das Wörtchen mäßig fast an Beleidigung: die mäßige Darstellung, der mäßige Autofahrer... Wir müssen uns mit dem Begriff maßvoll behelfen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Kann sein, dass mein Lob des Mittelmaßes noch nicht überzeugt. Wer will, lese ein Gedicht, das ich vor einigen Jahren schrieb:

C H E , zu finden auf meiner Website www.literaturilruff.com

Albert Camus, der von CHE, seinem Scheitern im Leben und Überleben im Gedächtnis der Völker, nichts wissen konnte – er starb zu früh -, schreibt, wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. So gesehen bin auch ich Sisyphus.


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