Rätselhaft - Literarisch

Balance

So nicht! Unwillkürlich knüllt er das Papier, stößt mit einer heftigen Bewegung die Feder ins Tintenfass und muss mit der Linken nachgreifen, um das schwankende Gefäß vorm Umkippen zu bewahren. So nicht. Mit dem Gefäß kommen seine Gedanken wieder zur Ruhe. Er erhebt sich, streckt die langen Arme und blickt kopfschüttelnd herab auf den Schreibsekretär, den zerknüllten Brief. Warum fehlen ihm hier, anders als in seinen Geschichten die Worte, warum muss er immer wieder neu ansetzen, sich mühsam von Satz zu Satz quälen, jedes Wort eine Last, kritisch gewogen und zu leicht befunden. Ein Widerspruch, doch wie soll er ihn lösen?
So sehr er sich auch bemüht, einige Rechtschreibfehler wird er jedesmal übersehen; die Komplimente geraten ihm schwerfällig und ungeschickt, seine Bitten aufdringlich, die Dankbezeugungen übertrieben. Beweglich, glattzüngig, leichtfüßig allein seine Figuren, wenn er sie so will - er nicht. Er ist vielmehr wie jene anderen, parodistisch gezeicneten, fast lächerlichen Gestalten, auch sie Früchte seines rastlosen Geistes: vor den wirklichen Prüfungen kommt ihnen ihr Sprachwitz abhanden. Sie stottern und blöken oder verstummen ganz.
Natürlich werden sie die Prinzessin nie erringen.

[...]

Was ist es, das in uns schmerzt?

Eben bin ich von dem gemauerten Podest aufgestanden; es hatte früher die Nachbildung einer antiken Statue getragen, ist jetzt ein Ruheplatz für Wanderer durch die Zeit wie mich. Ich verlagere das Gewicht auf mein linkes Bein, fort von der Prothese des rechten Fußes, schaue die Straße hinunter zur Stadt – da sehe ich ihn.
Er rollt den Stein die Straße hinauf, vorbei an ausgedehnten Gärten mit ihren grün umwachsenen, verschlafen

[...]

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