III Verdrängung

Es heißt, das nicht wahr - haben - wollen einer Katastrophe, bzw. von Entscheidungen, die in die Katastrophe führten, sei ein psychischer Mechanismus, der uns am Leben erhält, indem er die letzten Reserven unseres Selbsterhaltungstriebs aktiviert. Damit wir nicht ganz am Leben verzweifeln. Stimmt.

Ein Beispiel: Die Unfähigkeit zu trauern nannten Alexander und Margarete Mitscherlich ihr Buch über die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg, als Trümmer räumen und Wiederaufbau alle Kräfte beanspruchten. Keine Zeit für Nachdenken über die Shoa und andere Verbrechen im besetzten Osteuropa und gleichzeitig eine Maßnahme des Selbstschutzes. Das Räumen der seelischen Trümmer wurde auf später verschoben, und wie alles Unerledigte und Verdrängte sollte es dann umso heftiger hervorbrechen. Die Überzeugung Deutsche tun so etwas nicht musste vor der Realität kapitulieren als Eingeständnis unserer Schande. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang das Wüten Höckes gegen das Holocaustmahnmal, das er "Denkmal unserer Schande" nennt.

Damit gesteht er immerhin, dass der Holocaust eine deutsche Schande war, will aber gleichzeitig die Erinnerung daran tilgen. Ach, Herr Höcke, als der belesene, intelligente Mensch, der Sie sein wollen, lesen Sie mal in der Bibel nach: Die Wahrheit wird euch frei machen!

Mit den Schülern der 10. Klassen organisierte ich alljährlich eine Fahrt zu den KZ-Gedenkstätten Dachau oder Flossenbürg. Zur Vorbereitung sahen wir den knapp halbstündigen Dokumentarfilm Nacht und Nebel von Alain Resnais, gemessen an der Kürze für mich der eindrucksvollste Film zum System der KZs.

Bei den Schülern gab es regelmäßig zwei gegensätzliche Reaktionen, beide nachvollziehbar, die es in der Nachbereitung aufzufangen galt: Ein Teil der Klasse wehrte sich heftig mit Argumenten wie:

"Meinen Opa haben sie im Gefangenenlager auch verprügelt und hungern lassen; meine Familie hat die Bombardierung von Hamburg, Dresden, Hildesheim usw. erlebt; Andere haben auch Dreck am Stecken". Stimmt alles, aber mein Rat damals: Nur wer sich zur deutschen Schuld bekennt, darf anderen Vorwürfe machen. Bei der zweiten Gruppe gab es tief bedrücktes Schweigen. Sie schämten sich wie einer persönlichen Schuld. Mein Rat: Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr beeinflussen, aber die Zukunft. Also mitdenken und nicht alles kritiklos schlucken, was uns die Medien servieren.

Ein aktuelles Beispiel: Ich war skeptisch gegenüber der naiven Willkommenskultur und fürchtete, dass überzogene Erwartungen von Flüchtlingen in Enttäuschung und Aggression umschlagen könnten, wie zum Teil geschehen.

Ein persönlich gewissenhafter und fleißiger Handwerker informierte mich nach 2015 immer wieder über Straftaten von Zuwanderern, die von deutschen Medien verschwiegen oder verharmlost würden. Über die finanziellen Zuwendungen war er genau informiert und verglich sie immer wieder mit seinen Belastungen. Ergebnis meiner Nachforschungen: In vielen Fällen hatte er leider Recht. Nur Sozialneid oder ein Gespür für Ungerechtigkeit? Dass auch die von ihm bevorzugten Medien nach Belieben lügen oder vertuschen könnten, machte ihn nachdenklich.

© 2017 Literatur I.L.RUFF