III Was kann der Fremde denn dafür, dass er so schön ist ...

I. Im Hamam – eine interkulturelle Erfahrung

Ich berichte von meinem 1. Besuch in einem türkischen Bad. Wo? Natürlich in der Türkei, Wann? Im Sommer 2009 - ein unvergessliches Erlebnis.

„Muss man kennen gelernt haben“, sagte unser türkischer Reiseführer von Wikinger Reisen. „Genau das Richtige um zwischen zwei Etappen des Lykischen Wanderweges zu entspannen.“( Sie kennen nicht den lykischen Wanderweg? Dann haben Sie etwas versäumt. Nachholen!)

Wir: „Das Hamam, ist das nicht eine Art Sauna, wo man nackt sein muss?“

Er: „Kein Problem: Selbstverständlich werden die Frauen unserer Gruppe von Frauen behandelt. Ausgebildete Masseurinnen, die das ganze Programm anwenden: Einseifen, Wassergüsse, Schwitzen, Massage, Teepause. Danach fühlt ihr euch wie neu geboren.“ (bei Wikinger Reisen duzt man sich. Das muss auch ein hoher Diplomat aus Trier erfahren. Bei jedem Du aus der Gruppe zuckt er schmerzlich zusammen)

Vorsicht ist die Mutter der türkischen Massage sage ich mir, denn wir wissen nicht, was uns erwartet, behalte vorsichtshalber meinen Slip an und behalte recht. Uns erwarten mehr männliche als weibliche Bademeister. Wie soll das aufgehen? Natürlich geht es nicht auf, doch gezahlt ist gezahlt, also Augen zu und entspannen. Ich liege in der Kabine und entspanne, bis ich die Gegenart der Masseurin spüre. Masseurin?

Augen auf! Über mich gebeugt mein Masseur. Unbewegte Miene, lockiger , rabenschwarzer Haarschopf, Schnurrrrrrrrbart, kohlschwarze Augen und Brauen, die nackte Brust dicht behaart, ein Handtuch um die darunter sicher nackten Hüften geschlungen, nackte, schwarz behaarte Beine und an den Füßen Badeschlappen. Der ganze Türke sonnengebräunt. Ohne Worte macht er sich ans Werk. Was tun? Natürlich Augen zu, während mein Masseur tut, wofür ich ihn bezahlt habe. Er walkt und knetet, klopft und streicht. Kurzum, er massiert mich gründlich und kundig, ein Meister seines Fachs und - sage ich mir – wahrscheinlich auch ein braver Familienvater, der regelmäßig sein Gebet verrichtet, außerdem abgebrüht vom täglichen Umgang mit nackten Leibern. Ich stelle keine Versuchung für ihn dar.

II. Ich gehe regelmäßig in eine deutsche Therme. Der Wechsel von heiß und kalt, Sauna und Tauchbecken, Entspannung in frischer Luft, alles wunderbar geeignet, mein Immunsystem zu stärken, auf dass ich der nächsten Grippewelle widerstehen möge. Jugendliche sind in der Minderzahl und wir Älteren, erschlaffende Schönheiten mit Jahresringen um die Taille und den Gesetzen der Schwerkraft folgenden Busen, drapieren das Handtuch entsprechend lässig. Ungeniert. Nudisten und Saunafreunde wissen, man schaut sich sich nur in die Augen, verkneift sich begehrlich wandernde Blicke, eine der ungeschriebenen Regeln der Freikörperkultur.

Indes, vor einigen Jahren geschah etwas, das vor allem die Damen dazu brachte, sich zu verhüllen, als gelte es nur mit einem Handtuch bekleidet die Hauptgeschäftsstraße entlang zu laufen..

Was war passiert?

Ein Mann mittleren Alters, absolut unauffälliger Typ – also weder besonders dick noch dünn, besonders schön noch hässlich betrat die textilfreie Zone. Textilfrei, wie es sich gehörte,s.o. Kein Grund zur Aufregung, wäre ER nicht an seiner Seite gewesen: von Kopf bis Fuß der schönste Mann, den wir uns vorstellen können. Hoch gewachsen, schlanke Glieder, die Gesichtszüge ebenmäßig, schlanke Nase, hohe Stirn, dunkle, sanfte Augen, schwarz wollig das Haar und der ganze Mann vom samtenen Braun des köstlichsten Milchcafés. Wahrhaftig ein göttliches Geschenk der Natur, vielleicht sogar ein Nuba und damit nicht nur das höchste Entzücken einer Leni Riefenstahl. Oder war Äthiopier ? Denn um den Hals trug er unübersehbar ein Kreuz, so riesig und prächtig, dass es auch die Brust eines Bischofs hätte zieren können. Die offensichtliche Botschaft: Seht her! Im Zeichen des Kreuzes, nicht des Halbmonds kommen wir zu euch! Ein Christ unter Christen. Wenn dies die Botschaft war; sie hat ihm nicht geholfen. Wir starrten ihn an. Nein, wir starrten an ihm vorbei, seine schöne Gestalt nur im Randbereich des Scharfsehens, und alle Damen, mich eingeschlossen, bewegten sich züchtig verhüllt an diesem ausnehmend schönen Menschen vorbei, als existiere er nicht. Als seien sie blind für seine Schönheit.

Er trug Boxershorts. Noch. Beide gingen hinüber zu den Saunaräumen, verfolgt von den offen misstrauischen Blicken des Bademeisters. Und ich bin mir sicher, alle fragten sich, wird er die Boxershorts herunterlassen und wann? Denn im deutschen Saunabetrieb herrscht egalitäre Nacktheit. Ausnahmen werden nicht geduldet. Mein Verdacht: Egal was er tut, es wird ihm falsch ausgelegt werden. Der ganze Auftritt: eine Provokation.

Nun, die Saunakabine betraten beide ohne Badehose, nur mit ihren Handtüchern bekleidet.

Soviel ich weiß, blieb es bei diesem einen Besuch in unsrer Therme, und in den folgenden Monaten hat es auch keinen Ansturm von schönen jungen Männern aus Eritrea oder Äthiopien gegeben.

Eigentlich schade. Wie heißt es so ähnlich?

Was kann der Fremde denn dafür, dass er so schön ist?

Was kann der Fremde denn dafür, wenn man ihn liebt.

Die Leute tun, als wenn die Schönheit ein Vergehn ist.

Man soll doch froh sein, dass es sowas Schönes gibt.

Ganz meine Meinung.

Um beim Chanson zu bleiben. Geliebt wurde der schöne Fremde nicht,

aber vielleicht von allen heimlich bewundert, denen Vorurteile nicht den Blick verstellt hatten. Übrigens las ich kürzlich, dass die Nacktheit in deutschen Saunen, wo Haut an Haut unerbittlich geschwitzt wird, auf einem Irrtum beruht.

Man hat nicht erkannt, dass unsere großen Vorbilder, die Finnen, sich nackt nur in der Familiensauna bewegen…

III.

Die Leute tun, als wenn die Schönheit ein Vergehn ist…

Reden wir schlussendlich von einem Bekannten, dem seine Schönheit beruflich geschadet hat. Ich will ihn Markus nennen.

Früh stand sein Berufswunsch fest, Pilot einer großen Fluglinie zu werden, am besten der Lufthansa, und diesen Berufswunsch verfolgte er bewundernswert zielstrebig über Jahre, nahm dafür Umwege und Opfer auf sich, ohne sein Ziel aus den Augen zu verlieren, Tests und Prüfungen z.B. am Simulator absolvierte er mit guten bis sehr guten Ergebnissen. Trotzdem lehnte ihn die Lufthansa ab. Begründung: Eigentlich seien alle Voraussetzungen erfüllt, aber man wisse nicht so recht….irgendwie..irgendwas...Also keine richtige, sondern eine windelweiche Begründung, aus einem dumpfen, nicht eingestandenen Gefühl. Ich ahne, was sich kaum bewusst, unkontrolliert in den Hirnen der Prüfer abgespielt hat: der Bewerber zu schön für die seriöse Lufthansa. Ein südlicher, mediterraner Typ; das macht ihn verdächtig, Südländer sollen bekanntlich unzuverlässig sein, gute Liebhaber, ja, aber leichtfertiger als Deutsche. Dazu das strahlend weiße Lachen: als Stewart vielleicht brauchbar, aber im Cockpit? Undenkbar. Kurz: Ein Typ, dem man unmöglich das Leben von 200 Passagieren und mehr anvertrauen kann. Nein. Abgelehnt.

Ja, hätte er einen Vertrauen erweckenden, hässlichen Charakterkopf wie dieser CDU - Minister und Berater von Frau Merkel, dem wir in der Corona Crise (fast) blind vertrauen. Der hätte den Pilotenschein er sicher bekommen.

Mein Vorschlag, die Prüfer der Lufthansa zum Psychologen schicken. Wie der Eurowing-Crash mit einem psychisch kranken Piloten zeigt, sind auch Prüfer nicht vor Fehlurteilen gefeit. Schönheit hin und her. Ich würde jederzeit zu Markus ins Flugzeug steigen.

© 2017 Literatur I.L.RUFF