Ungehaltenes aus den Papieren des  Dr. phil. Friedrich Reinmar

Ein Pamphlet

 

Der Einwand, Zeiten der Dekadenz und falsche Untergangspropheten habe es schon öfter gegeben, mithin dürfte es sich heute ähnlich verhalten, läßt sich leider leicht entkräften: Bei allen Umwertungen und Umstürzen der Kulturgeschichte wurden noch niemals Rang, Würde und Auftrag der Künste als solche in Zweifel gezogen, man stritt lediglich um ihre inhaltliche Füllung und Bestimmung. Anders jetzt; denn im Zuge der allumgreifenden Amerikanisierung, Proletisierung und Verwahrlosung des ‚Geschmacks’ unter der uneingeschränkten Herrschaft des Marktes leiden alle Künste, – am meisten Literatur und Theater, dann Malerei und Bildende Künste, schließlich selbst die populäre Musik, die unter außermusikalischen Gesichtspunkten immer mehr Gedudel auf Subteenies und die Zahnspangengeneration abstellt; einzig die E-Musik erodiert vorerst nur am Rande. Bezeichnend und beschämend, was in sogenannten TV-Kulturmagazinen des jungen 21. Jhs. zumeist vorgestellt wird, nämlich lifestyle-events o.ä., was nichts mit dem überlieferten Begriff zu schaffen hat, sondern einzig unter eine rein soziologische Definition von „Kultur“ fallen kann, indes eher an Zivilisationsschäden gemahnt. Der Elitebegriff wurde zum Schimpf, es herrscht die Auffassung >anything goes<. Dabei geht, wie man sich überzeugen kann, immer weniger und bald fast gar nichts mehr: Selbst das Verständnis einfacher Gebrauchstexte ist bis in Gymnasien hinein nicht mehr gewährleistet. Schreibt man die Entwicklung fort, so besteht wenig Hoffnung, daß eine Wende zum Besseren überhaupt noch möglich sei, selbst wenn man sie wollte. Eine unselige Verlagspolitik mit Unmassen von Ramsch und Pseudoliteratur stärkt diesen Trend, statt sich ihm nach Kräften entgegenzustemmen, daher wird vermutlich schon bald das Verständnis komplexer und anspruchsvoller Texte soweit verkommen sein, daß der Prozeß unumkehrbar erscheint und das Verlegen von Hochliteratur gänzlich unrentabel wird. Das Menetekel sich anbiedernder Proletarisierung erfolgte früh in den 60-er Jahren mit unsäglichen Aufsatzthemen von der dreisten Machart, ob Klassiker heute noch aktuell seien. Törichter konnte man nicht werden; besser hätte man der Schuljugend verdeutlicht, daß gerade die Tagesaktualität besonders schnell verfällt, ebenso die unbequeme Einsicht, daß nahezu jeder austauschbar und ersetzbar ist, es kaum auf jemand ankommt. Auf seine Meinung zu diesem Thema übrigens auch nicht, nicht einmal für den unwahrscheinlichen Fall, daß er die Klassiker kennen sollte... Wenn auch der Faust II dem Erfahrungshorizont selbst einer aufgeschlossenen Abiturklasse schlechterdings nicht wirklich zu vermitteln war, so vermochte man dennoch bei einem Teil der Schüler mit geeigneten Methoden immerhin soviel Interesse zu wecken, daß auf spätere Virulenz der gelegten Keime zu hoffen blieb. Heute ist dies kaum noch einzulösen; denn zunächst einmal müßte Konsens herrschen, daß es sich um Werte handelt, die nicht jeder profilneurotische Regisseur nach Belieben verhunzen darf, der übrigens in aller Regel sehr viel pfleglicher mit ausländischer Literatur umgeht. Auch wenn viele nichts Dümmeres und Unverantwortlicheres unternehmen, als die angestammte Kultur zu unterminieren, zeigt sich doch die wesentlich deutsche Ungezogenheit des sogen. Regietheaters als Speerspitze der Bewegung, darüber hinaus aber verdeutlichlicht es die inneren Widersprüche allen ähnlich groben Unfugs, daher verlohnt überhaupt eine Betrachtung: Offensichtlich soll in einer besonderen Art von „Vergangenheitsbewältigung“ all das diffamiert werden, was solche Narren für >deutsch< halten und von Nazimißbrauch entwertet wähnen. Das Problem ist nur, daß im Dritten Reich sehr wenig Literatur tatsächlich mißbraucht wurde, – wie wäre das mit einem Goethe überhaupt möglich –, und sogar der Versuch, chauvinistische Gesänge des 19.Jhs wiederzubeleben, mehr als halbherzig und weitgehend erfolglos blieb. Im Gegenteil, bekanntlich wurden erhebliche Teile des Erbes unterdrückt, und immerhin reichte der Respekt vor der Wirkmächtigkeit der großen Dichter so weit, unter anderen etwa den Wilhelm Tell aus den Spielplänen zu nehmen. Mißbraucht wurden wesentlich bloße Namen. Zudem wurde – meist ohne eingehende Kenntnis – heftig über das „Ahnenerbe“ schwadroniert. Indes bleibt die Tatsache unabweisbar, daß die intellektuellen NS-Funktionäre in aller Regel weit belesener waren als heute manch ein Maulheld der Gutmenschen-Fraktion und Multi-Kulti-Propaganda, die mehrheitlich beängstigend kulturfern erscheinen und ebenso wie die meisten ihrer ungebildeten "Klienten" keinen Schimmer davon haben, daß es z.B. eine kennenswerte türkische Literatur über 1200 Jahre hin gibt. Rätselhaft bleibt, daß insonderheit die Literatur entwürdigt wird, wohingegen die Wertschätzung großer Bildender Kunst und Musik trotz Mißbrauchs, z.B. in der Werbung, bislang erhalten blieb, selbst wenn diese noch so unverkennbar deutsch sind. Gerade in der Musik wird mit Ausnahmen, zumal Wagners und immer öfter auch Mozarts und anderer, die „Werktreue“ in Gestalt historisierender Aufführungspraxis nach meinem Urteil bis zum Unsinn vorangetrieben. Insofern fallen also das Regietheater und andere Narrheiten völlig aus sonst herrschenden Auffassungen. Eine Aktualisierung haben vielleicht vereinzelte Stellen bei Nestroy nötig, indes niemals die großen Dramen der Vergangenheit. Und schon gar keine Modernisierung. Bei Sophokles oder Shakespeare käme nur ein Irrer auf solche Absurditäten. Tatsächlich bietet selbst ein Grillparzer, der ja an einem sehr spezifischen historischen Ort mit sehr spezifischen Gegebenheiten schrieb, viel künstlerische Kompetenz und hinreichend Aufschluß über die condicio humana, um gewiß noch etliche Zeit lebensfähig zu sein, selbst wenn ein Bancban einer korrupten Gesellschaft wesensfremd bleiben muß. Wie auch immer, das Wertvollste, was ein Volk besitzen kann und in ihm auch die Welt, ist sein kulturelles Erbe, besonders dann, wenn es sich so reich wie das deutsche zeigt. Darüber hinaus kann es Identität stiften, was angesichts unserer belasteten Geschichte nur wünschenswert ist: die Sprache allein reicht dafür keineswegs hin. Das Erbe bedeutet aber auch Verpflichtung, daher ist mit dem Goethewort wirklich alles gesagt, wenn man es denn recht verstehn wollte:

Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Dafür aber bleibt das unverzichtbar, was früher unter Bildung verstanden wurde. Ohne Bildung muß der Kunstcharakter selbst verborgen bleiben, die Werke werden dann in aller Unschuld lediglich hedonistisch mißbraucht, nicht als Selbstwert gewürdigt, damit bedingt statt unbedingt und schließlich überflüssig. Doch erscheint das Erbe gerade in einer desorientierten Gesellschaft jedenfalls für ihre besseren Teile unverzichtbar bis in das individuelle Leben hinein; denn einzig die große Kunst vermag heute noch Orientierungsmarken zu setzen, – nicht im Sinne einer platten Lebenshilfe, sondern im Bewußtsein, daß sich in ihr höchstes Menschentum, höchste menschliche Möglichkeiten und höchste menschliche Werte konstituieren, oder anders, daß es überhaupt Wertvolles in einer heillosen Welt gibt, ungeachtet dessen, daß man diese Werte wie alles Menschenwerk nicht wird absolut setzen wollen. Beinahe tragisch mutet dabei an, daß der Zugang wenigstens zu Reproduktionen von Kulturgütern heute so umfassend, einfach und billig ist wie nie zuvor. Fast die gesamte Weltliteratur und Kunst steht größtenteils legal im Netz, die Kunstmusik zum Gutteil, wenngleich zum Teil unerlaubt. Die bloße Verfügbarkeit garantiert aber leider keinen angemessenen Umgang und schon gar keine Wirkung, geschweige eine neue Bildungsschicht, sie mag allenfalls irgendwann kleine snobistische Zirkel stützen. Ähnlich wird das Musikverständnis zerstört, immerhin mit der Einschränkung, daß es weiterhin hinreichend Musikalische geben wird, die spontane Erweckungserlebnisse erfahren. Paradoxerweise setzt aber die Literatur infolge ihrer Uneigentlichkeit und Unsinnlichkeit mehr Umgang, ja Schulung voraus; Spontanverständnis und damit Interesse dürfen mithin allenfalls von Hochbegabten erhofft werden. Auch wenn in Deutschland die Erosion am ärgsten voranschreitet, zersetzt der Zerfall leider die gesamte abendländische Kultur; so beklagte der Inder N.C. Chaudhuri kurz vor seinem Tode, die Formulierung der Times  >Goethe, a German author...< habe ihm klargemacht, daß eine Ära abgestorben sei.

Wenn nicht Aitmatov, wüßte ich auf Anhieb nicht zu sagen, welchen ausländischen Romancier der letzten Jahrzehnte man unbedingt gelesen haben müßte. Europa aber begibt sich all dessen, was es ausmacht – am ehesten hält noch Frankreich eher hilflos dagegen – und so werden seine hohlköpfigen Bewohner die drohende Islamisierung, evangelikale Fundamentalisten oder andere Katastrophen hinlänglich verdient haben. Zeiten der Barbarei hat es in der Geschichte immer wieder gegeben, jedoch entfalteten sich schließlich neue Blüten, zumeist durch bestimmende Anregungen von außen, und auch Epochen der Dekadenz trugen regelmäßig den Keim neuen Wachstums in sich. Höchstleistungen entstanden freilich einzig im Strahlungsfeld unterschiedlicher Kulturen, so läßt sich die italienische Renaissance nicht ohne den Zustrom hellenistisch byzantinischen Geistes nebst arabischen Reflexen denken. Anregungen aus exotischen Hochkulturen wurden schon vor der Mitte des 20. Jahrhunderts erschöpft, und so fehlen heute weltweit Kulturen, die noch solche Impulse zu vermitteln vermöchten, geschweige denn ein Strahlungsfeld: Eine obszöne, platte und kulturferne Amerikanisierung durchdringt und entwertet alles und jedes bis nach Ostasien. Leider kann aus alledem nur geschlossen werden, daß die Kultur abstirbt und aus dem reichen Erbe der Menschheit nichts Großes mehr entstehn kann, solange es als tot nur konserviert, womöglich schließlich vergessen wird. Ein gewisses Niveau wird sich nur halten lassen, indem man sich das kulturelle Erbe aneignet. Da sich seit dem Sturm und Drang die Neuerungen immer mehr beschleunigten, sodaß unserer Tage sinnvolle formale Neuerungen kaum vorstellbar sind, bleiben nur noch Felder aufzuspüren, die früher übergangen wurden. Der Vorgang erscheint zwangsläufig und unumkehrbar.

Nachkriegsautoren und Anmerkungen zum Roman

 

Unrecht möchte ich niemand tun, versuche aber angesichts der schwersten Krise der deutschen Literatur seit dem 14. Jh. nach Verständnis, Wissen und Gewissen zu urteilen. Wahrscheinlich bleibt Grass der bedeutendste deutsche Nachkriegsromancier des 20. Jhs., zumindest die Blechtrommel wird trotz des schwächeren Nachkriegsteiles überdauern. Der Autor schreibt eine fast durchgängig rhythmisierte, klingende Prosa, indes weiß ich mich selbst nur bedingt mit seiner Thematik und mit ihrer Umsetzung zu befreunden. Mir scheint das jeweils Ganze weniger als die Summe oft ungleicher Teile. Als ein überlegener Stilist der deutschen Sprache lohnt Handke die Lektüre, indes bleiben seine Erfahrungen – letztlich er selbst – sein einziges Thema. Zwar greift seine Persönlichkeit aus, verfügt aber nicht über die phantasmagorisch-imaginativen Innenwelten eines Wagner oder Kafka, die sich gleichsam ins Werk objektivieren und so die Selbstbezogenheit ihrer Schöpfer vergessen machen. Freilich formulierte die Romanpoetik stets vorfindlichen Werken hinterher; in beiden Fällen bewerte ich vorläufig. Wenn freilich die These vom Kulturzerfall zutrifft, dürften Werke beider Autoren als Abgesang einer ehemals großen Literaturtradition zumindest von Fachwissenschaftlern hochgehalten werden. Gewiß gab und gibt es lesenswerte, mitunter liebenswerte Schriftsteller, indes kaum etwas von Gewicht, und von alledem dürfte wenig mehr als nichts bleiben, am ehesten noch Romane wie die Deutschstunde. Ein Grund liegt in der vorfindlich allzugroßen Konkretheit des Romans ohne Öffnung ins Paradeigmatische, bzw. Parabolische, dann in der Verkennung der Tatsache, daß personale Erzählhaltungen außerordentliche Gestaltungskraft und Autorenpersönlichkeiten von Format einfordern und sich gerade nicht für belanglos Autobiographisches eignen oder für die Mitteilung dessen, was wir alle schon längst gewußt haben. Und wenn sich darin noch ein von Bewußtseinsinflation geplagtes hohles Autoren-Ich aufbläst, resultiert Peinlichkeit. Banale Existenzen ließen sich mit Anstand allenfalls in auktorialer oder wenigstens perspektivischer Brechung darstellen; denn infolge der habituellen Trivialität ihrer Verfasser gerät solche „Literatur“ selbst banal und somit antiliterarisch, nicht zuletzt, weil der Selbstbespiegelung die erforderliche Distanz fehlt. Das prinzipielle Ungenügen heutiger Literatur gründet im Nabelschaurealismus und verwandten Lastern. Nun besteht das künstle- rische Vermögen nicht etwa im rationalen Beobachten, sondern in der Wahrnehmung durch das Gesamt der seelisch-geistigen Kräfte, das Genie schließlich in der unmittelbaren Anschauung: Kunst wurzelt hier im Transpersonalen. In der Selbstbespiegelung aber betrachtet das Ich-Bewußtsein sich selbst, dabei zusätzlich getrübt durch Selbstverliebtheit oder andere Wertungen. Als notwendige Folge erscheint das verlautbarte Ich immer ärmer und trivialer als das Ich des Autors. In der Wahrnehmung ist der Wahrnehmende zugleich das Wahrgenommene, und nach Heisenberg beweist sich exakte Beobachtung im intersubjektiven Raum als unmöglich. Wo dann unbewußte Tiefenschichten, je nach Organisationsstufe der Persönlichkeit, kenntlich werden, sind sie überhaupt nicht oder nur schwierig zu versprachlichen, bleiben jedenfalls weit hinter der Wirklichkeit zurück. Anders das Genie: In der unmittelbaren Anschauung, wie sie in glückhaft inspirierten Momenten eintritt, schwindet das IchBewußtsein: Welt und Wesenskern werden ungeschieden eins; zwar läßt sich in begrifflicher Sprache eigentlich nichts darüber aussagen, doch macht es ja gerade das Genie aus, solche Erfahrungen bis zu einem gewissen Grade zu formen und poetisch auszudrücken. Die Konkretheit der Pseudoliteratur aber erweist sich als untauglich, da sie nicht wissen will, daß sich Welt nur durch Interpretation im Bewußtsein herstellt. Statt dem angeblich Realen nachzubuchstabieren, schafft der schauende Künstler Welt und gestaltet sie bewußt. Von seltenen und spezifischen Ausnahmen abgesehn, kann der Roman also nur fiktiv sein, denn nur so ist der Künstler souverän, und erst dann vermag er eine reiche Gesamtpersönlichkeit projektiv in eine erschaffene Welt auszubringen (Extremfall: Wagner, dessen Figuren sämtlich Aspekte seiner Gesamtpersönlichkeit bis ins kollektive Unbewußte hinab darstellen). Tatsächlich wird der wahre Künstler von sich selbst stets immer nur im Sinne seiner Welterfassung sprechen, unter Einbezug aller, auch transpersonaler Erfahrung, und nur dann wird er anderen wahr und welthaltig erscheinen. Nicht aber von seinem höchst bedingten Ego, das fast so trivial wie das der Vielen sein kann, wie so manche Biographie lehrt. Dissoziierung und Projektion ermöglichen dann aber selbst Andeutungen des Unsäglichen: Dies ist der Ort der Metaphern, Symbole, Chiffren, des Geheimnisses. Nur Unwissenden mag das Gesagte esoterisch erscheinen, doch belehren einige Hinweise rasch über dessen Verläßlichkeit: Wo das Autoren-Ego im Mittelpunkt steht, resultieren in aller Regel Banalität und damit Langeweile, denn mit der vielberufenen >Selbstfindung< oder gar >Selbstverwirklichung< hat dies nichts zu schaffen, bedeutet vielmehr ihr genaues, sogar kontradiktorisches Gegenteil: Introspektive östliche Weisheit wußte seit jeher, daß die Ich-Person nur Maya, Illusion ist. Wo C. G. Jung in Anlehnung daran, aber auch durch Beobachtung ähnlich argumentierte, später bloße Reflexe und Konditionierungen als Persönlichkeitskonstituenten entdeckt wurden, kommt die exakte Wissenschaft unserer Tage nun immer mehr zu bestätigenden Auffassungen, etwa daß im menschlichen Gehirn Quantenprozesse ablaufen, mit weitreichenden Folgen für die Willensfreiheit und vieles andere. Von der tatsächlichen Ich-Persönlichkeit bleibt außer Konditionierungen mithin wenig mehr als ihre genetische Bestimmung, die bis in die Reizverarbeitung hinein sehr viel mehr determiniert, als je nur einer hätte fürchten können. Ebenso wie unser Erfahrungsweltbild mit seinen gänzlich unangemessenen Wahrnehmungen trügen unsere >Selbst<-Bilder, und schon deshalb sind ideologisch-utopische Wahngebilde, linke wie rechte, absurd und müssen zwangsläufig scheitern. In besonderem Grade ist darum auch die eifrig praktizierte weibliche, womöglich gar feministische „Selbstfindung“ zwar verständlich aufgrund Jahrhunderte währender Fremdbestimmung, im Ergebnis aber allzuoft nur törichte contradictio in adiecto, weil es dabei allenfalls um Rollenverständnis, also eine höchst relative und mehrfach vermittelte soziologische oder politische Kategorie geht, nicht aber um Anthropologie. Solche zugestanden schwierige Standortbestimmung könnte zwar durchaus Romanthemen bieten, indes fällt die unverzichtbare Distanzierung Frauen noch viel schwerer als Männern: Anhaftung im buddhistischen Sinne scheint geradezu weibliche Natur. Das Selbst hingegen ist transpersonal aufzufassen. Aus vielen Gründen, zumal weil unmöglich zu versprachlichen, kann es kein Literaturthema bieten, dort erscheinen allenfalls Reflexe des Transpersonalen, die sich immerhin auch vereinzelt in Romanen der gehobenen Trivialliteratur andeuten, etwa in J. K. Huysmans Là-bas. Gemeinhin aber hat der Roman Welt zu erfassen, und zwar möglichst umfassend, jedenfalls zureichend auf der Höhe des Weltbilds. Aus dem vorher Gesagten folgt, daß künstlerische Zeit heute nur (kaum über die eigene Lebenszeit hinaus gespreizte) Gegenwärtigkeit sein kann, allenfalls noch projektive Zukunft. >Historische Romane< sind dagegen in der Regel künstlerisch illegitim, da es Falschmünzerei bedeutet, längst Abgestorbene als Zeitgenossen im Geiste zu führen, ferner intellektuell unerträglich in ihrer unredlichen Mixtur von Geschichte und Fiktion. Offenbar fehlt es ihren Verfassern an Themen und Erfindung. Hingegen erfüllt Tolstoi in Krieg und Frieden alle Forderungen, – das Werk ist fast noch ein Zeitroman und handelt nur mit Delikatesse, mithin verantwortlich über geschichtliche Persönlichkeiten. Schließlich braucht der Roman in aller Regel eine tragfähige Fabel mit Öffnung ins Paradeigmatische oder Parabolische, er sollte Fragen aufwerfen und kann Antworten versuchen. Dem Leser darf vieles, nur keine anhaltende Langeweile zugemutet werden, denn dies meint Vernichtung von Lebenszeit. Prodesse et delectare, also Nützen und Erfreuen, Bereichern und Unterhalten, diese Horazische Forderung ist und bleibt der Kernsatz einer ars poetica perennis, einer gültigen Poetik auch des Romans. Heutige Stilhaltungen neigen zu Extremen, entweder zu einer ausgedünnten, oft magersüchtigen Sprache oder zu Überladenheit. Zudem begegnen oft Schludrigkeit und Nachlässigkeit. Viele bringen es nur zu einem Allerweltsstil berichtender Art ohne eigenen Ton, wie er unverzichtbar zu Kunst gehört. Indes zeigt sich, daß große Literaten meist eine mittlere Stilebene sorgfältig pflegten. Besondere Verwüstungen zeigt >Frauenliteratur<; irregeleitet verstößt sie gegen alle aufgeführten Prinzipien, erschöpft sich fast nur in schmalen Verlautbarungen eigener Befindlichkeit und scheint sich damit von I. Bachmann herzuleiten, einer persönlich und künstlerisch gescheiterten Autorin, zumal im Roman. Sodann wird ängstlich alles vermieden, was den Trivialroman von Frauen für Frauen konstituiert, auch das Wenige, was daran taugt. Kennzeichnend etwa, daß im Bändchen einer >begnadeten Erzählerin< lange nur das Kind erscheint: anonym, beziehungslos, sinnlos. Es bleibt nur Öde und allenfalls das, was Männer an Frauen nicht verstehn, oder schlimmer, nicht ausstehn können. Nachzutragen bleibt, daß Schaffenskrisen nur bei Genialen eintreten und immer prinzipiell begründet sind. So läßt sich nachweisen, daß Celan in seinen späten Gedichten die vorher gleichsam somnambul zugeflossene und virtuos gehandhabte Sprache immer weniger als Ausdrucksmedium genügte, daher findet sich öfter ein (offenkundig lange) gesuchter Ausdruck, vereinzelt sogar ein gezwungener. Vollends tragisch erscheint sein Bemühen, den gleichsam vertrauten Bezugspunkten der Leitmetaphern neue Bedeutung abzuzwingen, wodurch sich das Bild meist verunklart. Sein seit jeher deutlicher tiefer Zweifel an der Sprache wurde zur Verzweiflung und verschärfte sein existentielles Trauma zur Unerträglichkeit; in einer Parallelführung von Kunst und Leben erscheint Celans tragische Selbsttötung auch als künstlerisch konsequent. Demgegenüber schreiben sich Durchschnittsschriftsteller allenfalls aus, und das ist selten ein Unglück und sicher kein Verlust. Aber auch die Leserschaft wandelte sich: Wo früher oft vergötzt wurde, fehlt es heute mitunter an jedem Respekt; der Markt kennt seine Macht: Deutlich wurde das ganze Ausmaß der Anmaßung durch die fernsehöffentliche Klage einer Auch-Autorin und -Kritikerin, sie fühle sich von einem Buch unerträglich gegängelt: sie rügte Beschreibungen als zu präzise, Metaphern als zu bestimmend u.s.w. Offenbar werden nun überhebliche LeserInnen wichtiger als der Autor, der sich mithin äußerster Beliebigkeit zu befleißigen, also der Literatur abzuschwören hätte. Offensichtlich erträgt man fremde Überlegenheit nicht mehr und lügt deshalb Triviales und Banales zu Literatur hoch, um sich damit selbst zu überheben. Ähnliche Gründe dürften den Anstrengungen zugrunde liegen, die Grenzen zwischen Unterhaltung und hoher Kunst (nur darum wirkt der Ausdruck schon fast peinlich) systematisch einzuebnen. Gleichmacherei des Ungleichen wirkt sich aber überall verhängnisvoll aus, und daß diese Unterscheidung im angloamerikanischen Raum nicht ausgedrückt wird, bedeutet keineswegs, daß dort nicht abgestuft bewertet würde. Freilich richtete diese Gewohnheit weniger Schaden an als deutscher Dünkel: ein gut geschriebener und spannender Unterhaltungsroman ist allemal besser als ein verquastes, kompositorisch und sprachlich mißratenes oder schlicht ödes Buch, das von sich behauptet, Literatur zu sein. Jener erfüllt eine Funktion, Pseudoliteratur taugt zu nichts. Fast möchte man argwöhnen, daß nicht etwa nichts wahrhaft Gutes mehr entstünde, als daß es bewußt und eigensüchtig unterdrückt wird, – man stelle sich nur vor, wie unsäglich Verlage und ihre Marktschreier, Berufsschriftsteller und die meist peinlichen Literaturrunden / TV durch ein wirkliches Genie blamiert würden... Das Lesen selbst wird schwerlich verschwinden, doch bedarf es vermehrt einer Literatur, die wirklich etwas bietet, denn die virtuellen Verlockungen eines immer eindrücklicher gestalteten Cyberspace werden immer mehr Zeit gerade von Wachen und Intellektuellen auf sich ziehen; denn nur dort sehe ich Ansätze einer neuen Ästhetik, ganz zu schweigen davon, daß sich eines Tages echte Interaktion und unmittelbare Sinnenfälligkeit bieten werden, denen gegenüber der innere „Film“, den der herkömmliche Leser erstellt, blaß und vermittelt anmuten wird. Schwerlich steht eine bessere Literatur von notwendig erfolgsverpflichteten Berufsschriftstellern, mithin Lohnschreibern zu erwarten; Unabhängigkeit kann sich die Kunst gerade heute nur durch Berufstätigkeit, die übrigens vor Weltfremdheit schützt, oder durch Vermögen bewahren: Im Gegensatz zu den kommerziellen Verheerungen haben selbst Zensur und unterdrückte Pressefreiheit echter Literatur kaum geschadet, sie sonst eher indirekt befördert, da ihre Schöpfer geistreiche und für den Kenner oft sehr reizvolle Strategien entwickelten, ferner gerade indizierte Schriften reißenden Absatz unter dem Tisch fanden. Die Tatsache, daß in den Printmedien unter dem Druck der Anzeigenkunden kaum noch unabhängige Kritiken erscheinen, erwies besonders schlagend die ZEIT mit dem Widerruf der ersten – berechtigt – abwertenden Kritik zu M. Walsers ‚Lebenslauf der Liebe‘ durch eine zweite lobhudelnde Rezension... Daß hierzulande und heutzutage flächendeckend Triviales zu echter Literatur hochgelogen wird, sei mit beliebig herausgegriffenen (derzeit aktuellen) Beispielen belegt: Vorauszuschicken bleibt, daß viele schreiben und durchaus „unterhalten“ (besser: zerstreuen) können, doch genügt dies allein nicht, denn das vermag jeder bessere Journalist. 1) D. Kehlmann: Die Vermessung der Welt zeigt alle Kennzeichen eines Trivialromans, da sich – entgegen Hochliteratur– die äußeren (!) Ereignisse nahezu überschlagen, d.h. fast jede Seite etwas „passiert“, der historische Ort undeutlich gerät, schlimmer aber, daß man über Humboldt und Gauss außer Anekdotischem fast nichts erfährt, die Tragweite ihres Forschens, ganz besonders des Mathematikers, im Dunkel bleibt, und – am schlimmsten – die beiden Protagonisten in die Nähe von Karikaturen geraten. Es kann nicht angehen, daß sich ein Autor schnöselhaft über wahre Geistesgrößen erhebt, der selbst kaum mehr als einige intelligente Sätze bietet. Hingegen muß der urteilsfähige Leser allerlei Schwächen hinnehmen, zuletzt den mißratenen, erbärmlich schwachen Schluß. Das Beste ist fraglos der geschickt gewählte Titel. 2) C.R. Zafón: Der Schatten des Windes ist nichts anderes als ein Reißer, auch noch bei suhrkamp!, mit allen Strukturmerkmalen eines Thrillers, – z.B. in seinen stereotypen Personenkonstellationen – und daß sich das Geschehen um ein fiktives Buch, eingebettet in fantasy- Infantilismus „entfaltet“, macht noch lange keine Literatur. Wie fast alle anderen, sind dies Bücher ohne Belang, bestenfalls als Strandlektüre geeignet, die bald vergessen sein wird. Freilich bieten sie noch immer mehr als verquast-inhaltsleere Pseudoliteratur (s.o.) F.R

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