Rezension zu "Zàfon und das Triviale"

Zafón: Falschmünzerei

Es ist noch nicht lange her, da galt suhrkamp als maßgeblicher deutscher Literaturverlag, doch setzt man seither offenbar viel daran, unter Streitereien konsequent gegen die Wand zu fahren. Doch selbst jetzt noch suggeriert die Übernahme des katalanischen Schriftstellers ins Verlagsprogramm, man habe es mit Literatur zu tun (vorher bei Insel ggf. auch mit gehobener Belletristik), und davon kann keine Rede sein: Es ist ein Trivialroman, genauer ein Reißer, und er zählt bei weitem nicht zu den besten seiner Sorte. Dennoch verspreche ich erzürnten Fans, daß sie nach einem klassischen Verriß neue Einsichten gewinnen werden: Er gibt keine Fabel, sondern einen drehbuchmäßigen plot, es agieren keine Charaktere, sondern eindimensionale Typen in bekannter Schwarz-Weiß-Manier, dazu, kariert, der ebenfalls sattsam bekannte irregeleitete Rächer. Die Männer zeigen noch Kontur, während die jungen Mädchen so blaß gehalten sind, daß sich die geneigte Leserin leicht mit einem identifizieren kann; allerdings ist dazu das gänzlich unhistorische Zugeständnis früher Brunst und entsprechend müheloser, gleichsam naturgesetzlicher Verführbarkeit erforderlich. Die Konstellationen muten altbekannt, wenn nicht abgenutzt an, dabei bevorzugt solche, die bei Leserinnen ankommen. Sie lassen sich ausnahmslos durch das Schlagwort Leidenschaft erfassen. Wahrhaftig, ein leidenschaftliches Volk, diese Spanier, ganz wie das Klischee es will. Segensreicherweise entfällt dadurch zwangsläufig der inflationäre Coolness-Faktor; vor lauter hehrer Leidenschaft reicht es nur zu gelegentlichen, eher witzelnden als witzigen Sprüchen, vor allem Fermíns; Frauen zeigen keine Spur von Humor. Bis in die Nebenrollen erhitzt sich jede für irgendetwas und / oder gegen jemand, natürlich überstrahlt alles die Liebe, - es gibt gleich mindestens drei unsterbliche davon, darunter (als trivial gestrandetes Literaturmotiv) den unbewußten Geschwisterinzest. [...]

- Dr. Phil. F. Ruff

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