• Ingrid L. Ruff

Theorie und Praxis

Meine Freundin fühlt sich in ihrer Stadt nicht mehr wohl. Sie sagt, ihr Unbehagen hat einen Grund.

Auf Schritt und Tritt begegnen ihr dunkelhäutige, Menschen, Kopftuchfrauen, ein Kind an der Hand, ein zweites im Kinderwagen, das dritte im Bauch.

Überall Afrikaner oder Syrer oder Iraker. Egal- jedenfalls Fremde in Aussehen und Verhalten. Im Bus starren sie auf smartphons. Kommt ihr eine Gruppe entgegen, weicht sie aus, überlegt, ob sie die Straßenseite wechseln soll. In den nahe gelegenen Park zu gehen wagt sie nicht mehr. Da liegt der Gedanke nah, warum nicht eine Alternative für Deutschland wählen. Die Partei mit dem Versprechen. Ich halte dagegen, sage, das einzig Beständige in unserer Welt sei der Wandel und spreche von den Chancen, die er eröffnet, den Vorteilen einer offenen Gesellschaft. Sie schaut skeptisch, und ganz sicher bin ich mir auch nicht. Nicht in jedem Fall.

Kriminalstatistiken bestätigen ihre Furcht nicht. Sie kennt andere Statistiken. Welche stimmt oder stimmen beide?

Ich sehe die Situation nicht so streng wie sie und ehrlich: Wir kennen selbst Flüchtlinge. Sympathische, brave Leute, die sich um Integration bemühen, dem Sprachunterricht gewissenhaft folgen, in der Schule fleißig lernen. Viele Frauen, vielleicht sogar die meisten tragen kein Kopftuch, geschweige denn einen Tschador, eine Burka oder wie sich diese Zeltgefängnisse nennen mögen.

Das war gestern.

Heute berichtet sie: Stell dir vor, ich war mit dem Rad unterwegs, und ein Ausländer hat mich mit seinem Auto angefahren. Vielleicht ein Flüchtling.

Ich: Woher weißt du, dass es ein Flüchtling war?

Sie: Na ja, jung und eher dunkel. Und richtig deutsch konnte er auch nicht, stammelte immer nur Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung. Mein Vorderrad war verbogen und ich musste es reparieren lassen.

Ich: Was war mit dem Verursacher? Du hast dir hoffentlich seine Personalien geben lassen und ihm gesagt, dass er für den Schaden aufkommen muss? Gab es Zeugen?

Sie: Ach was. Ich habe ihn weiter fahren lassen. Er tat mir leid.

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