III. Tod eines Pantoffeltierchens

III. 1 Tod eines Pantoffeltierchens

Nachdenken über Literatur zu Tierrechten

Andreas Weber (Alles fühlt) berichtet von ersten Erfahrungen im Biologiestudium. Beim Mikroskopieren eines Wassertropfens muss er die Pantoffeltierchen mit einer chemischen Substanz bewegungsunfähig machen, danach mit Pikrinsäure töten. Er beschreibt, wie die winzigen Lebewesen vergeblich vor der Pikrinsäure zurück zu weichen versuchen, danach ihre Tentakel abwerfen und sterben. Ist Mitgefühl, Trauer gar angebracht angesichts einer von Mikroleben ( und - sterben) strotzenden Natur? Rational betrachtet natürlich nicht angesichts weit gravierender Verstöße gegen das Lebensrecht und sei es eines Versuchstieres. Oder sollten wir eine Rangordnung von Versuchstieren erstellen, nach der höheren Wertigkeit ihres Lebens, z.B des Kaninchens vor der Maus. Doch woran diesen Wert messen? Vom Tod des Pantoffeltierchens zu lesen, löste bei mir unwillkürliches Bedauern aus. Ein Reflex. Reicht die Solidarität gegenüber dem Tod (geflügeltes Wort des Gerichtsreporters Gerhard Mauz) so weit, dass sie selbst winzigste Geschöpfe umfassen kann, deren einziger Existenzwert in ihrer Funktion für menschliche Zwecke besteht? Kann ein massenhafter Tod auch zum Nachdenken über ein Leben anregen, das für Viele nur einen Preis, aber keinen Wert hat?

Ich lese Alles fühlt von Andreas Weber zum zweiten Mal. Anlass erneut nachzudenken über sein Postulat der beseelten, fühlenden Materie und eines symbiotischen Netzwerks in der Natur, ohne das wir verkümmern müssten. Sein Ansatz kann uns aus jener anthropozentrischer Denkweise befreien, die jede Autonomie nicht menschlichen Lebens leugnet, auch wenn ich sein letztes Kapitel über Quantenphysik nicht kapiere. Passiert auch größeren Geistern.

Dazu Peter Singers Practical Ethics (stand seit mehreren Jahren ungelesen in meinem Bücherschrank). Ein streng wissenschaftliches Werk, in dem das Wort Gefühl, sollte es einmal vorkommen, von mir überlesen wurde. Also ein Gegenentwurf zu Webers schöpferischer Ökologie, nach der sich Lebewesen nicht als Maschinen, sondern als Subjekte verstehen lassen? Nein. Singer nennt den Grund: equality capacity for suffering.

Gekauft habe ich die englische Ausgabe wegen der Singer immer wieder unterstellten Gleichsetzung von tierischem und menschlichen Leben, in dem Sinne, dass aufgrund der geringeren Intelligenz eines neugeborenen Menschen im Vergleich zu manchen erwachsenen Individuen aus dem Tierreich es vertretbar sei, Babys der menschlichen Ernährung zuzuführen. Polemisch ausgedrückt, sie zu braten (dass er es so nicht gesagt hatte interessierte die skandalgeilen Fake-Melder nicht). Singer wurde daraufhin in Deutschland als Gastredner ausgeladen und sah sich gezwungen, seine Haltung unmissverständlich zu präzisieren. Wie ich ihn verstehe plädiert er für folgende Fragestellungen:

1. Ist das betreffende Lebewesen zu Gefühlen fähig?

Antwort: Das Ja gilt für alle Säugetiere einschließlich den Menschen. Nach neuen Erkenntnissen auch für Fische und Kopffüßler.

2. Ist das Lebewesen leidensfähig?

Antwort: s.o.

3. Hat das Lebewesen ein Selbstbild und Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft?

4. Kann es Werkzeuge herstellen und zielbewusst nutzen?

Meine Antwort zu 3. und 4.: Muss bei nichtmenschlichen Lebewesen im Einzelnen diskutiert werden.

5. Kommuniziert das Lebewesen über Sprache und in welchen Formen noch?

Meine Antwort: Zu unterscheiden ist zwischen

a) bewusster (Sprache, Lautung) Kommunikation und

b) unbewusster (instinktiver, olfaktorischer, chemischer u.ä.) Kommunikation.

Ja zu a) und b) (z.B. Pheromone)für Menschen.

Ja eingeschränkt zu a) für Menschenaffen, Delphine, u.ä., Vögel.

Ja und dem Menschen oft überlegen zub) gilt für Säugetiere, Fische, Kopffüßler und nach neuen Erkenntnissen auch für Pflanzen, vgl. Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume.

6. Gibt es IQ -Vergleiche, die eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen?

a) der utilitaristische Standpunkt fragt, unter welchen Voraussetzungen Töten erlaubt sein kann.

b) dieser Standpunkt verbietet sich beim Menschen, bzw. setzt hohe Barrieren vor bei

Suicid, Abort und Euthanasie.

c) Singers Vergleich Affe - Mensch:

Da Affen über ähnliche Fähigkeiten verfügen können ( Vokabular, Zeichensprache, Werkzeug), über die manche Menschen nicht verfügen (Säuglinge, Schwerstbehinderte), fordert Singer "Personenstatus" mit Tötungsverbot für diese Tiere. Wohl gemerkt, damit will er keine Abwertung mit Tötungsfreigabe für Säuglinge und Schwerstbehinderte, sondern eine Aufwertung mit Respektierung und Schonung für intelligente, fühlende Tiere.

Man wollte ihn missverstehen, um sich nicht unbequemen Fragen stellen zu müssen.

Über Singer hinaus denken:

M.A. kommt generell das subjektive Lebensrecht von Tieren (und Pflanzen)- egal wie schlau - gegenüber ökonomischen Interessen zu kurz. Man denke an die tropische Holzwirtschaft oder die Diskussion um unsere Ackerchemie (Glyphosat u.a.), wo einseitig von möglichen Schäden für den Menschen gesprochen wird, das Schicksal von Bienen und Amphibien verschweigen wir: fast 100% "Erfolg" (Tod ) bei Letzteren.

Keiner sage, er habe es nicht gewusst.

Peter Singer scheint ein sensibler Mensch zu sein und unter dem Vorwurf des Babymords zu leiden. So riskiert seine Botschaft für mehr Tierrechte hinter vielen Wenns und Abers zu verschwinden. Schade. Für unsere Landwirtschaftsminister und alle Politiker, die weiter Massenviehhaltung mit "freiwilliger" Kontrolle und ungebremsten Export propagieren - wohl wissend, welch grausiges Schicksal die lebend exportierten Tiere erwartet - gilt das Urteil:

SCHANDE !

Ich frage: Woher kommt die Empörung über Singer oder den KZ - und Holocaust - Vergleich von Tierschutzorganisationen wie PETA?

Aus welchem Urgrund der menschlichen Psyche stammt solche "Sensibilität?" unserer egozentrischen und gewaltbereiten Spezies?

Ist es nicht eher so, dass wir unsere Vormachtstellung, sprich Einzigartigkeit gefährdet sehen und damit unser"legitimes" Recht zur Ausnutzung, Misshandlung und Tötung "minderwertiger" Lebensformen. Ethnozentrisch wird argumentiert, und rassische Überlegenheit postuliert mit der Lizenz alles zu töten, was nicht dem eigenen Standard entspricht.

Es ist die gleiche Argumentationskette, mit der schon vor dem Holocaust an den europäischen Juden der Genozid gegenüber amerikanischen Indianern (entlarvend die Kölner Ausstellung Birth of a Nation), australischen Ureinwohnern und den Armenier n begründet wurde. Gegenüber den ebenso kaltsinnig geplanten wie durchgeführten staatlichen Maßnahmen hatten die Unterlegenen von Anbeginn keine Chance.

Zum Schluss ein Ausspruch Albert Schweitzers, der sinngemäß gesagt hat:

Alles was lebt, will leben.

1. Nachtrag: selbst das Pantoffeltierchen.

2. Nachtrag: auch Omikron (obgleich als Virus nur bedingt lebendig)