V. 6 Unscharfe Erinnerungen


V.6 Unscharfe Erinnerungen


1. Grundschule im Kalletal vor 1953 "Ungefragt"

Zum evangelischen Religionsunterricht wanderten die drei täglich (!) ins Nachbardorf. Die meisten Schüler dort kannten sie nicht. Trotzdem fiel ihnen der Neuzugang auf: eine deutlichältere Schülerin, fast eine Erwachsene. Seltsam gekleidet, schweigsam. Den Mund machte sie nur auf, wenn sie gefragt wurde. Niemand aus der Klasse fragte sie außer der Lehrerin; denn wenn sie den Mund öffnete, sah man, dass sie keine Zähne mehr hatte. Zumindest sämtliche Vorderzähne fehlten ihr. Keiner fragte sie, aber alle hörten zu, wenn über sie gesprochen wurde. Das Wort Lager fiel, ein Lager, wo man ihr das angetan hatte. Überlegt wurde, ob es Unsere waren oder die Anderen. Mehr erfuhr sie nicht und fragte auch später nicht. Vielleicht kam es nicht darauf an, ob es Unsere waren oder die Anderen.

2. Hildesheim 1953

Ihre Familie, Vater, Mutter, die jüngere Schwester und sie wohnten im 2. Stock in einer 2,5 Zimmer-Wohnung mit Ofenheizung. Auf dem Schulweg kam sie täglich an mehrstöckigen Ziegelbauten vorbei, alle ausgebrannt, die Fensterhöhlen leer, die Räume dahinter verschwunden, nur hier und da Tapetenreste und aus einer Wand ragende Kabel. Es war normal; hier und da in der Stadt gab es weitere ausgebrannte Häuser, ausgebrannte Kirchen auch und in sich zusammen gesunkene Trümmer neben schnell hoch gezogenen Neubauten und Straßenzügen, einen ebenfalls roten zum Himmel offenen Ziegelbau, der einmal der Hildesheimer Bahnhof war. Tauben nisteten im erhaltenen Gemäuer und hinterließen überall ihren Kot. Fahrkartenschalter, Buden und kleine Geschäfte hatten im Innern wieder geöffnet. Irgendwie provisorisch wie die meisten Straßen der Stadt. In der Innenstadt waren früher Fachwerkhäuser aus dem Mittelalter gestanden, auf dem Marktplatz unter anderen das Knochenhaueramtshaus der Fleischergilde. Für viele der schönste Fachwerkbau Europas, zumindest einer der schönsten bis zum 22. März 1945. Ihr fiel auf, dass darüber nicht gesprochen wurde, als hätte es dieses Haus und viele andere nie gegeben. An seiner Stelle wurde das moderne Hotel Rose gebaut, der leere Raum um den Brunnen bot Platz für parkende Autos. Immer mehr moderne Häuser mit einander ähnelnden Fensterfronten entstanden, Kinos, Geschäfte mit bunten Auslagen und Werbung. An der Peripherie breite Straßen für den wachsenden Verkehr. Hinweisschilder wiesen jetzt dahin, wo früher das Zentrum war, nannten es City. Eine zerstörte, verstörte Stadt, die sie auf dem täglichen Schulweg erlebte. Was einmal war: vergessen, als hätte es nie existiert. Geschichte einer Verdrängung.


Wenn Menschen nicht reden, Bücher tun es. Aus Büchern las sie die entschwundene Erinnerung, bewahrte sie nach dem Wohnungswechsel in einen Vorort, nach dem Umzug in eine andere Stadt, in Studium und Beruf. Erinnerung an die hässliche Stadt ihrer Kindheit und das Verlorene.

Zum Klassentreffen Jahre später kam sie zurück nach Hildesheim, besuchte die alte Wohnung, die Ziegelbauten mit den leeren Fensterhöhlen, den Marktplatz, die Kirchen. Alles hatte sich verändert. Die Schaufenster der Ziegelbauten hinter der Bahn zeigten Ausstellungsstücke einer renommierten Möbelfirma. Hinter den Glasscheiben der oberen Stockwerke befanden sich sanierte Wohnungen; der rote Ziegelbau des alten Bahnhofs mit seinen Türmchen und Erkern war verschwunden. Abgerissen und durch einen modernen gelbgefliesten Flachbau ersetzt. Die Kirchen, einschließlich der romanischen Michaeliskirche, in der sie geheiratet hatte, schienen ihr mit jedem Jahr schöner geworden.

Keiner Entscheidung der Stadtoberen, sondern dem ständigen Erinnern und Bemühen seiner Bürger war der Wandel zu danken. Der letzte Anstoß mag nach der Sanierung des Frankfurter Römer erfolgt sein: Es war doch möglich, den Erinnerungen neues Leben einzuhauchen. Das Hotel Rose aus den fünfziger Jahren wurde abgerissen, aus dem Autostellplatz wieder der alte Markt; das neu erstandene Knochenhaueramtshaus ist zu einem Schmuckstück geraten und - oh Wunder - wer darüber spricht oder liest, könnte glauben, es sei nie fort gewesen.

Auch eine Verdrängung.

III. 1961 - 1963 in der Schneiderwerkstatt.

Wir waren zu fünft: zwei Gesellinnen und drei Stifte, wie die Lehrlinge genannt wurden. Der Arbeitstag begann um acht und endete um 16:30, inbegriffen die halbstündige Mittagspause. In der Dachgeschosswohnung mit dem größten Raum, der Werkstatt, lebte die Meisterin mit einer Tochter und ihrem Mann, einem Kunstmaler, der die Sommermonate in Südfrankreich verbrachte. Vor jeder Frankreichreise mussten wir Lehrlinge sein altersschwaches Auto anschieben, das selbsttätig nicht mehr anspringen wollte.

Eher eine magische als praktische Handlung; denn - so fragten wir uns - wie wollte er allein nach Frankreich gelangen und wieder zurück, wenn das Auto wirklich so schwach war, wie es sich bei der Abreise stellte. Verstellte. Ein ungewöhnlicher Mensch.

Die Meisterin übertraf ihren Mann an Originalität und Witz, bis auf den leichten Silberblick eine schöne Frau von südländischem Temperament, obwohl ihr Elternhaus in Halle stand. Kurz eine außergewöhnliche Person, über die ihre Angestellten sich stundenlang austauschen konnten.

Eines Tages saß eine neue Mitarbeiterin in der Werkstatt: Irma aus Ostpreußen, wo sie bis 1945 gelebt hatte. Sie sah aus wie 16, so sanft und blond und jung, war - wie sie sagte - aber schon Anfang 30. Viel mehr sagte sie nicht, erledigte ihre Arbeit ohne Kommentar, lächelte zu unseren Reden, den Temperamentsausbrüchen der Meisterin. Eines Tages war sie fort und aus einigen Andeutungen der Meisterin schlossen wir, dass Irma psychisch krank war und einen schützenden Raum gesucht hatte. Unsere Schneiderwerkstatt.

Das war's, eine kleine Geschichte ohne Anfang und Ende, mit der wir wenig anzufangen wussten.

Einige Monate später, der Winter war sehr kalt, erreicht uns die Nachricht.

Irma, die inzwischen in Hannover in einem Heim wohnte, hatte ihre Unterkunft verlassen und sich in die Leine gestürzt. Tot.

In der Zeitung stand, der Kälteschock hätte sie getötet.

Mehr wussten wir nicht von Irma, aber vielleicht reichte, was wir wussten und ahnten, sie besser zu verstehen.