Alles gelogen... (3) weiter im Text


3. Kapitel

„Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“

Daniel Düsentrieb

in den Schnabel geschoben von Erika Fuchs, sprachschöpfende Übersetzerin der Micky Maus.

Seufz...

Benni. Wir haben ihn in der folgenden Woche scharf beobachtet und nichts gemerkt. Jeden Morgen ist er nach dem üblichen Lamento brav zur Schule gegangen, hat mittags das bunte Brett mit den Familienpflichten studiert, den Mülleimer raus gestellt, wenn er dran war, seine Hausarbeiten mehr oder weniger gewissenhaft erledigt – ich bin überzeugt, eher weniger-, hat shooter-Spiele am PC gemacht und „was guckst du so?“ gesagt, wenn ich ihn prüfend angeschaut habe.

Baldur hat auf meine Mails nur kurz reagiert.

„Ich arbeite an einem Problem“. Was sonst.

So hätte es wegen mir noch einige Wochen weiter gehen können, ich bin schließlich im Hauptberuf Schüler und muss einige Klausuren vorbereiten.

Aber heute spricht mich Isa nach dem Nachmittagsunterricht an.

„Meinst du, dass Benni damit was zu tun hat? Ich habe es vor einer Stunde aufgenommen.“ Sie hält mir ihr Smartfon unter die Nase, weist auf eine Baumgruppe. Im Hintergrund erkenne ich unsere Schule.

„Na und? Bäume, was soll daran Besonderes sein. Angemalt hat er sie jedenfalls nicht.“ „Bist du blind? Schau mal genau hin!“ Sie vergrößert einen Bildausschnitt.

„Siehst du es jetzt?“ Jetzt sehe ich es auch. Hoch oben in der Krone, zwischen zwei Ästen eingeklemmt hängt ein Fahrrad.

„Das Rad gehört doch...“ „Richtig es gehört Frau Eichler“, und mit wichtiger Miene: unsere neue Referendarin.“ Mit Referendaren kann man das ja machen. Der Eichelhäher, so nennen die Schüler sie.

„Hochgeflogen ist sie damit jedenfalls nicht. Meinst du Benni?...“ Wir sehen uns an, und mit einmal prusten wir beide los. Natürlich Benni. Irgendwie hat er es geschafft, den Apparat aus der Wohnung zu entführen; hat das Rad mit dem Rezeptor gescannt und in die Baumkrone transportiert. Perfekt. „Hoffentlich hat ihn niemand gesehen.“

„Niemand! Ich bin doch nicht blöd.“ „Benni!“ rufen wir wie aus einem Mund. Benni steht in der Tür und strahlt über sämtliche Sommersprossen; die hat er ebenfalls von Jenny geerbt. Seine Haare sind nicht ganz so rot wie Isas, dafür stehen sie nach allen Seiten ab, wie bei einem Irokesenschnitt. Wer weiß, was er in den nächsten Jahren noch mit seiner Frisur anstellen wird, wenn ihn die Eitelkeit packt. Motto: auffallen um jeden Preis.

„Die Feuerwehr war gerade da“, sagt er mit zufriedener Miene. „Sie haben die Leiter ausgefahren und das Rad wieder runter geholt. Jetzt überlegen alle, wer das war. Ein Bubenstreich“. Stimmt. Und wir halten dicht. Der Eichelhäher hat die Sache ziemlich cool genommen. Wollte wohl nicht das Gesicht verlieren. Bennis Kommentar: „Zwischen Schülern und Lehrern herrscht Urfehde. Einschließlich Referendare.“

Es blieb nicht beim Fahrradklau, und beim nächsten Mal wären wir fast aufgeflogen.

Aber was heißt hier „wir“ ? Es war nicht mein Plan und auch nicht Isas, und dabei gewesen sind wir auch nicht, als Benni die Aktion startete. Zumindest haben wir beide ein Alibi, falls man uns auf die Schliche kommen sollte, und falls Benni nicht plaudert. Kein Plan von uns beiden. Stimmt. Aber eine Idee, und die Idee kam von mir, nicht ernst gemeint, wie man halt so redet nach einem gelungenen Streich. Unsere Vorschläge: Das nächste Mal versetzen wir den Maibaum, an einen unmöglichen Ort, damit die ganze Stadt darüber spricht. Oder den Holzstoß für das Johannisfeuer. Oder das Auto vom Boss.

Meine Idee, ich geb's zu. Jedes Mal, wenn wir Benni Vorwürfe machen wollen, kontert er gleich: Du hast es mir gesagt; als die Sache mit dem Fahrrad passierte, Warum nehmt ihr nicht gleich das Auto vom Boss? Du, nicht ich. Isa hat dazu gesagt: Warum nicht? und laut gelacht. Da hab ich mir auch gesagt: warum nicht, wenn es so lustig ist. Ihr hättet den Boss sehen sollen! Wie er auf dem Asphalt saß und beide Hände vor seinen dicken Bauch gehalten hat. Oder vielmehr darunter. Ganz nackt. Die Leute auf dem Parkplatz haben vielleicht geglotzt. Bis die Polizei kam und die Sanitäter und uns weg gescheucht haben.“

Der Boss ist unser Oberstudiendirektor Dr. Freidank, und was Benni uns erzählt, stimmt. Man hat Dr. Freidank am Freitag Abend splitterfasernackt auf dem Parkplatz gefunden. Verwirrt und orientierungslos, wie später in der Zeitung stand. Und dass die Behörden vor einem Rätsel stehen. Auf Fragen wiederholte er nur: „Ich saß im Auto und dachte über den Tag nach.“ Vielleicht über Zoff mit Kollegen oder Schülern, die sich an ihm rächen wollten. Meint die Polizei und verhört eine Menge Schüler und Lehrer. Zum Glück kann sich der Boss nicht mehr erinnern, die Ärzte meinen, irgendwas hat sein Gehirn ganz schön durcheinander gebracht. Wir wissen, was das war. Nur Benni scheint das Problem nicht ganz zu checken. „Ehrlich, ich habe ihn nicht im Auto gesehen. Warum muss er auch abends in einem dunklen Auto sitzen, wenn ich es weg beamen will? Warum ist er nicht mit gebeamt wie bei Startrek? Warum bloß war er hinterher nackt? Ich verstehe das nicht.“

„Weil du nicht aufgepasst hast. Der Wandler wirkt nicht bei lebendigen Zellen, also Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie bleiben am Platz. Kapiert? Ich dachte, wir hätten es dir 1000 mal gesagt.“

Isa: „Wohl einmal zu wenig. Hoffen wir, wenn Benni schon nicht aufpasst, dass der Boss ihn nicht gesehen hat.“

Ich: „Und wenn doch? Falls der Boss sich wieder erinnert?“

Isa: „Mal den Teufel nicht an die Wand. Vielleicht haben wir Glück, und es ist ein Dauerschaden: Gedächtnisverlust auf Lebenszeit.“ Ganz schön cool von meiner Schwester, und nicht gerade menschenfreundlich. Der Boss ist schließlich nicht so übel. Das muss sie sich auch gedacht haben und setzt nach:

„Na ja, die Erinnerungslücke wünsche ich ihm nur für die halbe Stunde vorher.“ Benni nickt ernsthaft. Damit können wir alle leben, auch der Boss.

„Und wenn sie uns erwischen?“

„Dann seid Ihr ebenso schuld: mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen: alte Piratenweisheit.“ Nur gut, dass die Todesstrafe bei uns abgeschafft ist, aber schlimm genug wäre es: Jugendgefängnis, wahrscheinlich schon um fünf Uhr aufstehen, Tütenkleben, von Wärtern und Mitgefangenen gepiesackt. Das fehlte mir noch. Vielleicht kriege ich eine Einzelzelle. Einziger Trost, ich könnte dann in Ruhe meinen Roman schreiben. Viele Gefangene machen das, habe ich gelesen, nicht nur Adolf Hitler in der Feste Landsberg. Selbst wenn ich keine so hohe Auflage erreiche wie der, Millionen glaube ich, wenigstens richtet mein Buch nicht soviel Schaden an.

Das Auto steht übrigens noch auf dem Schuldach.

Gar nicht so leicht, es da runter zu kriegen. Am Abend hat es noch keiner gemerkt: alles dunkel, und Benni hat sich gehütet, was zu verraten. Wer würde auch einen 1,50m großen Knirps mit Igelfrisur und treuem Blick verdächtigen? Weil der Boss nichts, aber wirklich nichts bei sich hatte, glauben alle, es handelt sich um einen verwirrten Heimbewohner, der sich aus der Badewanne auf die Straße verirrt hat. Das Altenheim liegt ja nur 200 Meter weiter, und da wurde er abgeliefert. Naja, nachdem die Pfleger alle durchgezählt hatten und feststellen mussten: einer zuviel, ging das Rätselraten weiter. Woher ich das weiß? Na, von unserer Nachbarin, die macht Nachtdienst im Heim und musste uns heute früh alles brühwarm erzählen, noch vor der Schule.

Vor der Schule. Da stehen wir und glotzen hinauf aufs Schuldach. Natürlich kennen alle das Auto vom Boss, und jedem, der die Geschichte von dem verwirrten Dicken gehört hat, schwant nun, wer das war. Nackt, ohne Hut und Brille unterwegs - das ist fast so gut wie inkognito.

Das Rätsel: Wie kommt die Kuh aufs Dach? Bleibt ungelöst, vor allem, wenn die Kuh ein Auto ist.

„Da!“ Dutzende Arme strecken sich aus, Dutzende Finger weisen auf das gelbe Gerüst.

Hinter der Schule steht nämlich ein Baukran, und sofort wird er zum Tatwerkzeug. Das glaubt nicht nur die Menge. Das glaubt auch die Polizei. Wir sehen, wie sie einen Mann in Arbeitsmontur zum Mannschaftswagen führen. Er schüttelt immer wieder den Kopf, schaut auf den Kran und dann aufs Dach, schüttelt wieder den Kopf, als könnte er es nicht glauben.

Isa: Der Arme! Wenn sie ihn nun verhaften, was machen wir dann?

Benni: Ach, der hat bestimmt ein Alibi. War bei seiner Freundin oder inner Kneipe.

Das ist typisch Benni. Hauptsache, es hat Spaß gemacht, über die Folgen reden wir später. Ich dagegen denke an die Folgen und mache mir Sorgen. Man weiß nie, wozu so ein Spaß führen kann. Mir fällt ein Satz von Erich Fried ein:

Die Kinder werfen im Spaß Steine nach Fröschen. Die Frösche sterben im Ernst.

Ich tröste mich. Der Boss ist kein Frosch, und sterben wird er hoffentlich nicht. Außerdem hat Benni ihn nicht absichtlich angepeilt. Trotzdem, er hat's getan. Fahrlässig nennt man das. Oder vielleicht sogar grob fahrlässig. Grob fahrlässige Körperverletzung. Man wird bestraft und keine Versicherung zahlt. Steht in allen Versicherungsbestimmungen.

Da sind zwei auf dem Dach. Wir gucken wieder hoch und sehen zwei Bullen neben dem Auto. Sie sind geradewegs durch ein Oberlicht gestiegen und spähen durch das Seitenfenster ins Wageninnere. Bevor sie die Seitentür öffnen, fotografiert der eine mit seinem Smartphon.

„Vielleicht liegt da 'ne Leiche drin“, flüstert ein Sextaner zu Isa, „und sie müssen die Spuren sichern.“

„Vielleicht liegt da ein Alien, und seine Kollegen kommen gleich nach und murksen uns ab, bevor sie die übrige Menschheit ausrotten“, schnappt Isa zurück.

„Was hält er da hoch?“ Durch die Menge geht ein Raunen und Flüstern, und ich ahne, nein ich weiß, was der eine Bulle hochhält, während der andere fotografiert. Ein graues Herrenjacket. Er dreht sich um und greift nochmal ins Wageninnere, zum Fahrersitz, zieht ein blaues Hemd hervor, dann eine graue Hose, Socken, ein Paar schwarze Schuhe, weiße Unterwäsche mit dem Aufdruck 007, zuletzt eine Brille mit dunklem Gestell, legt alles sorgfältig auf dem Autodach ab. Das Raunen und Flüstern wird mehr und mehr zum Kichern zu Rufen: „Hey, der Boss, das ist sein Anzug!“ Wir wissen es längst. Und dass er vor einigen Stunden nackt aufgefunden wurde, wissen inzwischen wohl alle. Solche Gerüchte verbreiten sich schnell.

Wie auf Kommando bricht die Schülermenge in lärmendes Gelächter aus. Wie heißt es doch? Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Der arme Boss. Ich schaue mich um: Isa lacht nicht und der oder die andere in der Menge auch nicht. Ich bin erleichtert. Immer, wenn ich solche Massen sehe, suche ich nach einigen, die nicht mitmachen. Hat mir Onkel Baldur beigebracht. An einem historischen Beispiel. Kennt ihr vielleicht auch, den Film, wie der Propagandaminister im Sportpalast eine Menge mit seinen Reden aufpeitscht, und wie er schließlich schreit: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ Da brüllen sie alle „Jaaaa!“ Diese Idioten. Nein, nicht alle haben gebrüllt, das weiß ich von Baldur.

Er hat sie mir gezeigt: „Siehst du den da vorne und den und die beiden dahinten, die Frau daneben. Sieh den Dicken, wie er den Hut in der Hand dreht. Ein bekannter Schauspieler. Vernunft und Gefühl sagen ihm, da läuft etwas grässlich falsch, Krieg ist furchtbar, und totaler Krieg schlimmer, als wir es uns vorstellen können. Da kann man nicht mit der Masse Jaaa brüllen. Vielleicht ahnt er, dass sie ihn filmen. Ein Mitläufer. Immerhin hat er nicht Jaaa geschrien. Wenn die Masse brüllt, müssen sich die Stillen rechtfertigen, heute wären wir stolz, wenn alle damals geschwiegen hätten, in eisigem Schweigen erstarrt. Oder sich alle einen gelben Stern angesteckt oder alle... ach lass es. So sind wir Menschen. Schwach und verführbar.“

Alle sind überzeugt, nur der Ausleger des Krans kann das Auto aufs Dach gehoben haben. Wenn nicht vom Kranführer gelenkt, dann von jemand mit Nachschlüssel: Seile um das Auto und ab geht die Post. Der Kranführer darf den Mannschaftswagen der Polizei verlassen, und während er in der Führerkabine Platz nimmt, befestigen zwei Männer von der Baufirma das Auto des Schulleiters. Diesmal schaut die Feuerwehr nur zu.

Wir sind am nächsten Tag zu Onkel Baldur gefahren und haben es ihm erzählt. Vielmehr gebeichtet. Statt groß zu schimpfen, wollte er nur den Wandler zurück.

„War sowieso zu auffällig in der Stadt. Ein Wunder, dass Ihr nicht aufgeflogen seid.“

Isa: „Was machst du damit?“

Baldur: „Verschrotten, ehe er in unrechte Hände fällt.“

Benni: „Der schöne Wandler. Bitte, Onkel Baldur! Wir versprechen..“ Baldur: „Eure Versprechen kenne ich. Du Artur lieferst ihn am nächsten Wochenende bei mir ab.“

Er hat die Macht, aber hat er auch den Durchblick? So eine großartige Erfindung zu verschrotten. Wir verstehen die Welt nicht mehr.

„Das war's wohl“ sage ich, als ich das Gartentor öffne.

„Das war's wohl „ echot Isa, als sie das Gartentor schließt. Onkel Baldur ist längst wieder im Haus verschwunden.

„Das war's noch lange nicht“, sagt Benni, als wir auf der Straße stehen. „Kommt weiter! Ich muss euch was zeigen.“

Er zieht mich am Arm die Ligusterhecke entlang, bis Gartentor und Hauseingang nicht mehr zu sehen sind, flüstert: „Er könnte uns ja durchs Flurfenster beobachten.“ „Warum?“

„Darum.“ Mit triumphierender Miene zieht er einen Briefumschlag unter seinem T-shirt hervor, und wir lesen: BALDUR SCHINDLER / PERSÖNLICH. In Großbuchstaben, das PERSÖNLICH unterstrichen. Keine Straße, keine Hausnummer, kein Absender. Ein anonymer Brief. „Ob den jemand aus der Nachbarschaft eingeworfen hat? Warum hast du ihn eingesteckt? Das ist Diebstahl und ein Verstoß gegen das Briefgeheimnis.“ Fürwahr, Benni hat Talent zum Gesetzlosen.

„Überhaupt, wie wollen wir ihn öffnen?“

„Na. Über Wasserdampf, und Artur nimmt ihn wieder mit, wenn er den Wandler abliefert. Legt ihn einfach auf den Fußboden neben das Telefontischchen. Onkel Baldur wird denken, er ist runter gefallen. Wetten, dass er nichts merkt.“

Ich nehme Benni den Brief ab und verberge ihn sorgfältig in meinem Rucksack. Im Zug studieren wir nochmal den Briefumschlag: graues Recyclingpapier, Zufall - oder der Absender handelt ökologisch korrekt. Ich gebe zu, wir können es kaum erwarten, wieder daheim zu sein.

Niemand zu Hause. Nur ein Zettel am bunten Brett: Unsere Eltern sind zu einem Vortrag und kommen erst spät zurück. Umso besser. Von Onkel Baldur weiß ich, wie Spione einen Brief so öffnen, dass es der richtige Empfänger nicht merkt. Wir setzen Wasser auf. Als es kocht, breitet Isa ein Geschirrtuch über den offenen Topf und legt den Briefumschlag darauf, die Klebeseite nach unten. Zweimal testet sie mit einer Pinzette und - hurra - er lässt sich öffnen. Mit unserer Begabung hätten wir für die Stasi arbeiten können. Vorsichtig legen wir ihn auf den Küchentisch und Isa zieht das Briefpapier heraus: Wieder Recycling Papier. Keine Anrede, nur ein Wort in Großbuchstaben, danach zwei kurze Sätze; keine Unterschrift

WARNUNG

Nochmals: das Gerät zerstören. Die Drei sind eine Gefahr.

„Jemand befiehlt ihm, er soll das Gerät zerstören, und die Drei sind wir. Oder? Isa meldet sich: „Eins verstehe ich nicht. Wieso will er das Gerät verschrotten, obwohl er den Brief noch gar nicht kennt? Wir sind die Ersten, die ihn lesen.“

Ich: „Dann lies richtig: nochmals steht da. Es bedeutet, Onkel Baldur hat bereits ein ähnliches Schreiben bekommen“.

Benni: „Oder eine telefonische Warnung. Mit verstellter Stimme: „Übergeben Sie uns das Gerät am vereinbarten Ort, oder Ihr letztes Stündlein hat geschlagen.“ Wieder normal: „Vielleicht wird er erpresst.

Ich krieg' da keinen Sinn rein, aber eins ist klar, wir müssen seine Post kontrollieren.“

Vor dem Einschlafen denke ich intensiv an den Brief, warum wir eine Gefahr sind und für wen. In Filmen kennt der Held ein gefährliches Geheimnis. Ohne es zu wissen, oder ohne es zu ahnen besitzt er einen Gegenstand, den irgendwelche Bösewichte haben wollen. Warum wollen sie ihn haben?

Meine Antwort: weil er ihnen Geld und Macht, vielleicht sogar die Weltherrschaft verspricht. Die Sache ist höchst mysteriös. Vielleicht fällt mir im Traum eine Lösung ein. Vorm Einschlafen denke ich daran, wie wir den Kies von der Kiesgrube in Jennys Gartenbeet transferiert haben und grinse bei dem Gedanken. Kies und GPS...

Ich träume: Jenny will zu ihrer Bank. Sie zählt einige Papiere ab und verstaut sie in ihrer Mappe. Versicherungspolicen fürs Schließfach. Dann geht sie in den Garten. Sie bückt sich vor dem Kiesbeet und zählt Steine in eine Plastiktüte ab. 500 Gramm, 1000 Gramm. Kies fürs Schließfach. Sie verstaut sie ebenfalls in der Mappe, merkt nicht, dass Benni und ich sie beobachten. Wir werden ihr einen Streich spielen. Das Schließfach anpeilen und den Kies zurück ins Haus transferieren. Wohin? Am besten ins Aquarium. Das wird ein Spaß.

Ich wache auf, spüre Schweiß auf der Stirn und weiß, heute Nacht hatte ich wieder eine Eingebung. Im Traum, und der Traum wird wieder kommen. Woher ich das weiß? Weil mir das öfter passiert, wie meiner Tante Marga. Es muss in unserer Familie liegen. Erst das Schlafwandeln bei Vollmond, regelmäßig, bis ich 12 wurde. Naja, andere machen bis zum 12. Lebensjahr ins Bett, da schlafwandle ich lieber. Zum Glück haben sie mich noch nicht vom Dachfirst geholt, aber aus dem Treppenhaus oder einem anderen Zimmer, und ich wusste nie, wie ich dahin kam. Dann kamen die Wahrträume. Lucide Träume nennt Tante Marga sie und behauptet, sie hätte auch den Fall der Berliner Mauer vorausgesehen, vielmehr vorausgeträumt, wie sie es nennt. Aber keiner hätte ihr geglaubt. Meinen ersten luciden Traum hatte ich mit 14, ausgerechnet zu einer Zeit, als ich mich überall beengt fühlte und die Familie mir unerträglich wurde. Am liebsten wäre ich ausgezogen und hätte unter den Brücken geschlafen. Als Clochard in Paris. Nach einem Streit, rundum unzufrieden mit meiner Situation, blicke ich hoch zur Zimmerdecke und stelle mir im Einschlafen vor, es sind die steinernen Bögen von Pont Neuf. Aber dann:

Ich träume. Über der Stirn ein frischer Luftzug, in meiner Nase der Duft von Zedernholz, der Wind lau wie am Mittelmeer. Ich öffne die Augen und erkenne mein Zimmer nicht wieder. Vielmehr ich erkenne es schon, die Möbel, den Schreibtisch mit dem neuen PC, das Bücherregal, alles vertraut und gleichzeitig weit, wie neu und von innen strahlend. In der Zimmerdecke, wo der dreiteilige Strahler sein sollte, befindet sich ein hölzernes Quadrat: Zedernholz. Ich ziehe den Duft ein und beobachte ohne Erstaunen, wie sich das hölzerne Quadrat in eine Tür verwandelt, die sich nach oben öffnet, und klingend gleitet eine Leiter hinab. Bis vor meine Füße. Aus der quadratischen Öffnung tönt ein Lichtschein. Kein Schreibfehler, das Licht tönt wirklich und ich weiß: Das alles ist wahr. Ich bin nicht in meinem engen Zimmer eingeschlossen. Über der Decke liegt nicht der Dachboden, sondern ein unermesslicher, strahlender Raum, und ich darf ihn betreten. Ja, mehr, immer wenn ich will, darf ich dort wohnen. Ich bin glücklich.

„Na Artur, hast du dich wieder beruhigt?“ Das war meine Mutter am nächsten Morgen. Ich habe sie angelächelt, und sie gab mir einen Kuss. Ich spürte, obwohl es draußen regnete, dass sich viel verändert hatte. Den Traum habe ich bis heute nicht aufgeschrieben. Wozu? Er hat sich in mein Gedächtnis eingegraben. Jede Zelle kennt ihn, auch wenn ich nicht mehr jeden Tag an ihn denken muss: ich weiß, da ist ein Freiraum über meinem Alltagszimmer, den mir niemand nehmen kann. Wer denkt, dass ich jede Nacht wie wild träume, irrt sich. Fast alle Träume vergesse ich sofort. Die wenigen, an die ich mich erinnere, sind etwas Besonderes. Oder anders rum. Weil sie etwas Besonderes sind, erinnere ich mich. Meine Tante Marga sieht es genauso. Artur, sagt sie dann, irgendwann werden wir unser persönliches Traumbuch herausgeben. Wie die Träumereien an französischen Kaminen von Volkmann Leander. Ihre Liebligsmärchen, und wie sie sagt, das einzige bleibende Ergebnis des deutsch-französischen Krieges. Alles andere verloren, unter gegangen, vergessen. Kaputt. Sagt sie.

Irgendwann im Laufe des Tages kommt die Erleuchtung. Natürlich. Kies ist ein anderer Ausdruck für Geld. Da gibt es viele. Kröten, Mäuse, Zaster, Moos usw und Kies. Ohne Moos nichts los. Wenn es eines Tages gelingt, mit dem Wandler Kies oder Moos, also Geld zu transportieren, dann machen wir es. Vielleicht nicht ich, aber Benni wäre es zuzutrauen. Unsere Religionslehrerin hat uns mal erzählt, dass in Berlin auf einem U-Bahnsteig ein Koffer mit Geldscheinen aufplatzte und auf die Gleise fiel. Nicht von einem Bankraub, sondern ein ehrlicher Koffer. Die Wartenden haben sich wie die Geier auf das Geld gestürzt, und als sie aufgefordert wurden, die Scheine zurückzugeben, kam nur ein kleiner Teil zurück. „Was würdet Ihr tun?“ fragte sie die Klasse. Das Ergebnis hat sie enttäuscht. Alle wollten das aufgeklaubte Geld behalten. „Wer soviel Geld mit sich rumschleppt, und dann noch in einem ungesicherten Koffer, ist selber schuld“ meinten die meisten. „Ich würde nur die Hälfte zurückgeben“, war noch die ehrlichste Antwort. „So ist der Mensch. Macht euch keine Illusionen“, sagte der Onkel, als ich es ihm erzählte. „Ich habe es nicht nötig“, seine Antwort auf meine Frage, was er denn machen würde vor so einem Haufen Geld. Recht hat er. Wir müssen uns nicht mehr nach verlorenen 5-Euroscheinen bücken, mit Onkel Baldurs Erfindung kommen wir bequem an Kies aller Art. Nur, wenn wir das können, dann können das auch andere. Sie brauchen nur die Erfindung zu stehlen oder nachzubauen. Die Baupläne für die Atombombe und die Wasserstoffbombe wurden auch gestohlen und die Bomben von mehreren Staaten nachgebaut. Wir waren zu leichtsinnig. Jetzt sind uns Geheimdienste auf der Spur, oder internationale Gangster, die Mafia. Um die Baupläne weiter zu verkaufen, nachdem sie alle Geldspeicher leer geräumt haben wie die Panzerknackerbande. Es stimmt, was der unbekannte Warner geschrieben hat. Wir sind eine Gefahr, solange das Gerät existiert. Schade um das viele Geld.

Ich habe dem Onkel das Gerät zurück gebracht und den Brief heimlich zwischen Telefontisch und Wand fallen lassen. Sah ganz natürlich aus.

Ich war mir sicher, wir würden wieder ruhig schlafen können, nachdem wir die Sache in Ordnung gebracht hatten.

Irrtum.

Nichts war danach in Ordnung. Im Gegenteil: Die Sache wurde immer mysteriöser.

Als ich aus Nürnberg zurück kam, schwenkte Isa einen Brief: „Der lag in unserem Briefkasten. Stell dir vor, Mam hat ihn mit der übrigen Post rein gebracht.“

Wie der Brief aussah, könnt ihr euch denken: Ökopapier, unfrankiert, ohne Absender, aber diesmal wir drei als Empfänger genannt. Dazu der Hinweis persönlich. Immerhin mussten wir ihn nicht über Wasserdampf öffnen. Was drin stand?

Nicht viel und in der gleichen unpersönlichen Druckschrift:

Seid vorsichtig!

Den Vogel, der am Morgen singt, fängt am Abend die Katze!

Mund halten!

Wir halten geheime Konferenz.

Ich: Was machen wir?

Isa: Wir halten den Mund. Auch gegenüber Onkel Baldur.

Benni: Ich hab' Schiss.

© 2017 Literatur I.L.RUFF