III Gothic : Unernste Dramen ernst nehmen

I. Die Gothic-Bewegung flirtet mit dem Tod: ihre Shows schwarze Romantik, das Bühnenbild oft ein Friedhof, Nebel wabern zwischen Grabsteinen;zum Gruseln schön kostümiert die Sängerinnen wie auch die Besucher. Taschen im Sarg-Design, Nägel schwarz lackiert, Lippen blau, bleiche Haut, ganz der Charme einer Leiche aus der Schattenwelt. und natürlich als Provokation gedacht.

Zum Beispiel M'era luna für drei Tage im August. Der Hildesheimer Flugplatz wird zum Kultplatz samt Bühnen und lärmender, gleißender Technik, nicht zu vergessen die Zeltstadt mit sanitären Anlagen für Darsteller und Gäste: vorwiegend junges Publikum, aufwändig kostümiert wie sonst auf der Leipziger Buchmesse, nur dass hier nicht japanische Mangas , sondern Dracula und seine Opfer Pate stehen. Zum Schauen, Staunen oder Eintauchen und Mitmachen. Meine Nichte auf Europabesuch ließ mir keine Wahl. Zugegeben, ich war neugierig, nachdem ich ihr schon einschlägige Lektüre aus der Düsterwelt schicken musste. Über drei Tage tauchten wir ein in die magische Schattenwelt, und das bei strahlendem Sonnenschein, zumindest bis zum Beginn der Abendvorstellungen. Eine zwiespältige Erfahrung. Inmitten einer begeisterten Masse das Bühnengeschehen verfolgen, sich dabei beengt und von allen Seiten gequetscht fühlen, wie die Sardinen in der Dose, dabei der Gedanke: Was wenn jetzt eine Panik ausbricht ? Besser nicht dran denken. An die Musik kann ich mich nicht mehr erinnern; aber etwas fiel mir auf und ich vergesse es nicht Die jungen Leute, mochten sie noch so grässlich bemalt und kostümiert sein, gingen ausgesprochen höflich und freundlich miteinander um, entschuldigten sich für jeden versehentlichen Rempler. Keine Ungeduld, keine Aggressionen, wie sie bei Massenveranstaltungen erwartet werden und allzuleicht in Gewaltausbrüche münden. Die erstaunlichste Beobachtung galt einigen jungen Mädchen mit körperlichen Missbildungen. z.B. den kurzen Ärmchen der Contergangeschädigten Kein Versuch, den Makel vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Im Gegenteil: Seht her! Das bin ich, schienen sie zu sagen. Bei M'era luna sehe ich sie selbstbewusst kostümiert und - provozierend?- als Teil ihrer Persönlichkeit offen legen, was sonst als Makel gilt..

Trotzdem bleibe ich misstrauisch. Wer allzu eng mit dem Tod flirtet, findet sich unversehens in den Armen Erlkönigs.

Meine Nichte erkrankte wenig später über viele Jahre an Magersucht.

© 2017 Literatur I.L.RUFF