V. Zeitsplitter oder Chronologisches

Prolog zum Start meines BLOGS

Erst Herausforderungen zwischen Bergwanderung 2017 und Blogtechnik

Eine Woche war ich verreist, und habe fast alles vergessen, was mit meinem neuen Blog zu tun hat. Nun, probieren geht bekanntlich über studieren. Zuerst das neueste Bild von meiner Terrasse Juli 2017: ich im Kreise sämtlicher Sofatiger, da Kater Onyx gerade nicht auffindbar.

Trotz frischem Sehnenriss in rechter Schulter war ich mit Wikinger wandern im Trentin, genauer bei Madonna di Campiglio: 1500m, viel Sonne, frische Luft, Wanderwege buchstäblich auf Schritt und Tritt, sowie eine Menge Drahtseilbahnen hinauf ins Brentamassiv. Bequem, falls man es nicht wie die Rindviecher hält und lieber läuft.

Der Sehenriss nennt sich korrekt Ruptur der Rotatorenmanschette, stammt von Überforderung bei verschiedenen Baumaßnahmen und muss operiert werden. Interessante Feststellung. Wenn uns ein Übel trifft, von dem wir vorher nicht einmal den Namen kannten, finden wir mit einem Mal zahlreiche Leidengenossen, kurz: Schulterprobleme sind eine Allerweltskrankheit. Immerhin ein kleiner Trost und besser, als von einem exotischen Übel geschlagen zu sein...

Mehr zur Themenvorschau im nächsten Eintrag.


V.7 Bauten, Sanierungen und ähnliche Herausforderungen






2014 ff

Ich überlegte damals, auf meiner Terrasse einen Sommer- oder Wintergarten einzurichten und fragte einen Handwerker dazu.

Er: Wie alt sind Sie eigentlich?

Ich: Raten Sie.

Er: Mmhhh. Schaut mich dabei schräg von der Seite an. Sehr kritisch, - und ich spüre genau, was er denkt: Zu alt für solche Eskapaden. Soll sich lieber in ihr Wohnzimmer zurückziehen und Socken für die Enkel stricken. Hat wohl keine Ahnung, was so ein Wintergarten kostet und wieviel Arbeit ihr ins Haus stehen wird. Und wofür das alles? 30 oder 40-jährige machen das, aber nicht, wer die meiste Zeit des Lebens hinter sich hat. In ein paar Jahren ist sie tot und das war's dann, alle Freuden des Lebens aus und vorbei, auch der Wintergarten. Lohnt sich das?

Nun, seit drei Jahren freue ich mich an meinem Sommergarten, und sollte mich heute Nacht der Schlag treffen, es hätte sich trotzdem gelohnt: im Sommer alle Mahlzeiten auf der Terrasse, bei geöffneten Schiebetüren im Grünen wohnen. Amsel, Drossel, Fink und Star lauschen und vor Wind und Regen trotzdem geschützt. In der kalten Jahreszeit Obst und Gemüse kühl lagern; der Weihnachtbaum nadelt nicht und erfreut Auge und Herz von Dezember bis Februar. Das nennt man Lebensqualität. Oder nicht?

Natürlich gab es Schwierigkeiten: Ein Bagger musste mit dem Kran übers Hausdach gehoben werde, um das Erdreich für die Bodenplatte auszuheben (1000€ für eine Stunde). Dazu Rückschläge, wie oft im Leben. Nicht nur, dass ein Handwerker sich beim Vermessen der Bodenplatte irrte, sodass diese um 10cm ergänzt werden musste, während die Vertragsfirma unverrichteter Dinge abzog. Schlimmer: Der Chefingenieur der Wintergartenfirma hatte sich um weitere 6,5 cm in der Diagonale verrechnet, was niemand merkte, und die Konstruktion musste schräg eingestellt werden, womit wiederum der Fliesenleger nicht zurecht kam. Sein Motto: Sie gewöhnen sich dran: 2,5 cm von der Fluchtlinie abweichende Verlegung. Ich habe mich nicht dran gewöhnt: Nach mehreren Wochen täglich um 4:00 uhr morgens hellwach im Bett und grübelnd, vor dem inneren Auge falsch verlegte Fliesen. GENUG! Wir – ein Freund und ich haben sie alle wieder herausgeklopft und neue bestellt. Zwei Drittel der teuren Solnhofer Platten waren bei der Prozedur gesprungen. Kollateralschaden. Ein anderer Fliesenleger wird bestellt. Der erscheint mit dick verbundener Hand. Betriebsunfall: beim Entzünden des Partygrills mit Spiritus und natürlich eine Zeit fressende Erschwernis beim Verlegen der Platten. Dazu die Schmerzen. Vielleicht daher das nächste Unheil.

Die Handbremse vom Kleinbus hat er nicht eingelegt. Der kommt ins Rollen, gestoppt erst vom Blech eines anderen Wagens. Das wird teuer...

Wer soll das bezahlen? Wer hat soviel Geld? Sie! Muss er sich bei der Rechnungsstellung gedacht haben! Berechnete einen ganzen Tag zuviel, dazu mehrere Stunden, in denen er wohl seine verletzte Hand schonte. Da bewährt sich das Leninwort. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Um bei passenden Sprichwörtern und Redewendungen zu bleiben: „Vor den Lohn haben die Götter den Schweiß gesetzt“ – oder „Per aspera ad astra“. Damit ist das Unternehmen Wintergarten (korrekt Sommergarten, da nicht heizbar) erschöpfend beschrieben.

Ergebnis: Trotz aller Fehler und Missgeschicke bin ich glücklich mit meiner Terrasse und bereit für weitere Bauvorhaben... (Fortsetzung folgt später: Mein Hauskauf)

Nachtrag: Das war der 1. Eintrag in meinem neuen Blog, und ich schaffe es einfach nicht, die Bilder in gewünschte Reihenfolge zu bringen, bzw. unerwünschte Bilder (z.b. die Grafik) zu löschen. Zeit für eine eigene Rubrik: Hilfe ich verblöde...



V.8 Sanierung von Haus und Website 2018 ff. Vergleiche



2014: „Wir arbeiten genau nach Plan“ wies mich der Polier zurecht, als ich ihn auf die nach meinem Augenschein zu kurz gemessene Grabung für die künftige Bodenplatte des Sommergartens hinwies und um Verlängerung um mindestens 15cm bat. Er verweigerte die Vergrößerung (Motto: Was untersteht sich dieses Weib, einem Mann Vorschriften zu machen) Ich fügte mich dem Urteil des Fachmanns. Als der Sommergarten später auf die Bodenplatte gesetzt werden sollte, zeigte sich, dass der Polier sich bei den Bemessungen von Gerade und Diagonale, also 2x, vermessen hatte, weshalb zwischen 12cm (Messung der Gerade) und 18 cm (Messung der Diagonale) die Bodenplatte zu kurz geraten war. Sie musste notdürftig verlängert werden, weshalb sie sich in den folgenden Jahren zum Garten hin immer weiter absenkte. Folge: Die Schiebetüren zwischen Haus und Garten lassen sich nicht ganz schließen und der entstehende Spalt vergrößert sich. Der ehemalige Besitzer (Betrieb von ihm inzwischen verkauft) reagierte nicht auf meine Mängelrüge. Als guter Katholik läuft er bei den Prozessionen mit. Ich war 1x dabei und werde ihn beim nächsten Mal daran erinnern, dass er zumindest wegen der Terrassenplatte mit einer zeitlichen Strafe im Fegefeuer zu rechnen hat.

Weitere Folge: Wegen der nicht planmäßigen Schräge verlegte der Fliesenbauer die teuren Solnhofer Platten falsch, was die beabsichtigte Fluchtlinie zwischen Essdiele im Haus und der Terrasse zerstörte. Das typische Handwerkerargument: „Sie gewöhnen sich dran“ half nicht. Nach mehreren schlaflosen Nächten mit dem Bild der misslungenen Terrasse vor Augen entschied ich: „Alles muss raus!“ und für die beim Rausschlagen zerbrochenen Fliesen wurden neue bestellt und korrekt verlegt. Der neue Fliesenleger hielt mich indes für einfältig (kurz: ein dummes Weib) und rechenschwach (gilt nur für mangelndes Verständnis der höheren Mathematik), weshalb er mir zusätzlich zum gemütlichen Arbeitstempo einen vollen Tag und mehrere Stunden berechnen wollte. Zur sportlichen Ertüchtigung - Krafttraining – hinterließ er mir etliche schwergewichtige Baumaterialien zur Entsorgung.

2018 ff Sanierungsobjekt aus dem 17. Jhdt., nach Untersuchung der historischen Balken von 1648.

Das Objekt musste entgegen Aussagen von Verkäufer und Architekt (deshalb weit überhöhter Verkaufspreis) vollständig entkernt werden. Vom Verkäufer absichtlich verdeckte Balkenschäden führten zu einem mehrjährigen Schadenersatzprozess! Ein durch Schweißarbeiten der Handwerker in Parterre verursachter Brand konnte durch eindrucksvollen Einsatz der hiesigen Feuerwehr zum Glück gelöscht werden. Unter den beauftragten Firmen waren wie wohl immer bei solchen Objekten tüchtige, z.B. der Elektriker, und weniger tüchtige.

Meine wichtigste Erfahrung:

1. Als Bauherr muss man immer am Bau bzw. erreichbar sein, vor allem wenn Architekten nur auf ausdrückliche Anforderung erscheinen. Das Angebot: „Ich komme, wenn Sie mich bitten“ ist hier nicht hilfreich, da unerfahrene Bauherren oft nicht erkennen, wenn sich eine handwerkliche Katastrophe anbahnt.

2. Alle Schritte müssen erklärt, diskutiert und erst dann entschieden werden. Natürlich hätte der Elektriker die alte Holzdecke am liebsten unter weiß verputzten Gipsplatten verschwinden lassen, um dahinter seine Leitungen zu verlegen. Ich konnte ihn überzeugen, die ursprüngliche Decke zu erhalten. Wo wir die Aufgaben und Probleme diskutierten, kamen wir gut voran. Wo nicht sah ich mich vor vollendete Tatsachen mit nicht bedachten Folgen gestellt. Erschwerend kam in den Wintermonaten 2018/19 ein Atemwegsinfekt mit Fieber, entzündeten Bronchien und mehrfacher Antibiotikabehandlung + Dauerdurchfall hinzu. Besserung brachten erst 14 Tage Ägypten im März 2019).

Was war geschehen? Als alternativlos (kennen wir von Frau Merkel) forderten Trockenbauer und Elektriker eine Erhöhung des Estrichbodens im Flur, was am gleichen Abend unter riesigem Aufwand geschah. Ich war dabei, selbst, da fiebernd überfordert. Inzwischen kenne ich den Grund, den man mir nicht mitteilte: ein von den Handwerkern befragter Fliesenbauer hatte wohl erklärt, dass sich auf dem unebenen Grund im Flur keine Fliesen bruchfest verlegen ließen. Nur: Ich hatte von Anbeginn geplant, dort meinen Solnhofer Bruch zu verlegen.

Direkte Folgen: die Architektin stieg aus dem Projekt aus.

Eine nette Frau, aber vorher hatte es zwischen ihr und den Handwerkern bereits Probleme gegeben: eine vom Trockenbauer sanierte Fachwerkwand im 1. OG ließ sie wieder abreißen, da zu dick. Weil die alte Wand aber schief und krumm war, musste sie genauso (!) ein zweites Mal wieder verschalt werden. Wer zahlte das am Ende ??? Eine von ihr verfügte schon begonnene Dämmung mit schweren OSB Platten im 2. OG + Spitzboden ließ ich nach Beratung durch das Fraunhofer Institut wieder entfernen und lege artis + Gewicht sparend durch den Trockenbauer dämmen. Ausgleich der Bodenneigung im 1. OG (Diagonale 12cm pro Raum) durch schweren Estrich ließ ich auf Anraten des Trockenbauers durch Schüttung ersetzen. Er hatte mir das Tonnengewicht auf Holzbalkendecke vorgerechnet.

Jeder Fehler kriegt Junge (Volksmund):

Dass der MRHeizungs“fachmann“ im Bad/Parterre ein dickes Abflussrohr einige cm zu hoch verlegt hatte, störte niemanden, kam aber zu den Folgen des erhöhten Estrichbodens im Hausflur hinzu.

Getreu dem von meinen Handwerkern geäußerten Spruch: „Wir schaffen das - auch ohne Architektin“ erhöhten Trockenbauer, Heizungsfachmann und Elektriker ohne Rückfrage bei mir, geschweige denn Erlaubnis den Boden durchgängig um 8 cm, samt Fußbodenheizung und 1A Estrich. Um Trittspuren zu vermeiden, wurde uns anderen bis zum Trocknen des Estrich der Zugang versperrt. Nach Fliesung wäre die Raumhöhe auf kaum 2,10 m gekommen mit unabsehbaren Folgen für alle Installationsanschlüsse, Fensterbrüstungen usw. usw. Natürlich auch für Vermietungen. Vielleicht an Schneewittchen und die sieben Zwerge.

Bis heute ist mir unbegreiflich, warum alle dabei mitgemacht haben, ohne mich zu befragen und zu warnen. Wo blieb der Fachverstand? Warum ich es nicht rechtzeitig gemerkt habe? Da mir der Zutritt auf frischem Estrich verboten war und Deckenverschalungen u.ä. noch nicht angebracht, habe ich im Hausflur nachgemessen, aber nicht bedacht, dass dieser höher war als die angrenzenden Räume.

Nachdem das Unglück geschehen war und alle ihre Hände in Unschuld wuschen, hieß es: „Wir glaubten, du wolltest das so“; oder wie bereits bekannt: „Da gewöhnt man sich dran.“

Es erinnerte ich mich an den Spruch meiner temperamentvollen Schneidermeisterin vor vielen, vielen Jahren, als die Gesellin nach einem Nähfehler vorschlug, das könne man wieder hinbügeln: „Sie bügeln auch den Hosenschlitz von hinten nach vorn.“ Manches geht einfach nicht und man muss die Konsequenzen ziehen: zurück auf Null und neu beginnen. Nach zwei schlaflosen Nächten habe ich zusammen mit Trockenbauer und Helferin an einem (!) Tag, den 1A Estrich sowie die Fußbodenheizung für knapp 65 qm rausgerissen. Bis kurz vor der totalen Erschöpfung und den riesigen Abfallhaufen im Hof (natürlich auf meine Kosten) entsorgen lassen. Die vertraglich verpflichteten Heizungsbauer entließ ich aus der Gewährleistung (wollte nichts mehr mit der MR firma zu tun haben) und ließ mir über den Trockenbauer andere Handwerker/ Firmen vermitteln, welche den Ersatz schneller und besser, z.T. auch billiger durchführten. Ich habe nicht genau nachgerechnet, aber diese Baufehler, einschließlich vermurkster Terrasse haben mich mindestens 50 000 Euro gekostet.

Ach ja, fast vergessen hätte ich den schweren Wasserschaden, verursacht durch eine falsche Dichtung beim Waschbeckeneinbau, sodass die ganze Trockenwand erneuert werden musste. Der Verursacher war nicht versichert.

Alle diese Zumutungen ertrug ich, weil ich mir nie zu schade war, mit anzufassen, bei Krankheit und auch nach Sehnenriss in der rechten Schulter. Ich wäre mir auch nicht zu schade gewesen, für den Solnhofer Bruch der geplanten Außenterrasse die Mörtelreste auf der Unterseite wegzuspachteln.

Dafür hätte ich dem Verantwortlichen der fehlerhaften Hofterrasse, - er hatte wohl keine Lust dazu - gerne einen Helfer vermittelt.

Kurzum und trotzdem: Darauf, dass ich mein Projekt trotz aller Mehrausgaben und Widrigkeiten zu einem guten Ende gebracht habe, darf ich mit Fug und Recht stolz sein.

Soviel ich inzwischen von Bausanierungen verstehe, so ungeschickt stelle ich mich bei Sanierung meiner Website an. Die Website besteht aus einem ersten mehr oder weniger abgeschlossenen Teil und meinem Blog.

Zusammen mit dem Sohn eines Nachbarn habe ich den ersten Teil insgesamt gut hingekriegt: Da er in der nächsten Großstadt wohnt, meistens in Absprache nach meinen schriftlich hinterlegten Vorstellungen; wir beide an PC und Telefon, was vor allem bei unterschiedlichen Vorstellungen wichtig war. Z.B störten mich außer bei Meer und Schneeflocken (beide beruhigend) bewegte Bilder im Hintergrund, z.B einfahrende Züge und rotierende Schallplatten, da Leser sich auf meine Texte konzentrieren sollen. Maurice erledigte es. Leider hatte er (nochmals vielen Dank, lieber Maurice ) keine Zeit mehr, zumal der BLOG nochmals größeren Einsatz fordert. Er hatte damit bereits angefangen und gute Ideen entwickelt, die es weiter zu führen gilt. Vor allem die einzelnen Themenbereiche und Oberbegriffe sind noch zu ordnen.

So war ich dankbar für die Hilfe eines mir als Alleskönner vorgestellten Informatikers. Glaubte nach gleichem Prinzip der Zusammenarbeit die nötigen Korrekturen vornehmen zu können, also Nägel mit Köpfen machen. Dieser Fachmann erhielt bei einem ersten Treffen von mir ein beidseitig bedrucktes Blatt mit meinen Vorgaben, auf Seite 1 vor allem für Ergänzungsbilder und die Trennung von Texten, welche nacheinander mit passendem Bild anzuklicken sind. Die Rückseite enthält meine genauen Vorgaben für die Anordnung des BLOGs, z.B. Oberpunkte I. - VI. Bei Bedarf zu erweitern.

Leider ist so gut wie nichts davon geschehen und anders als bei den Baufehlern, wo ich gemeinsam mit den Handwerkern immer eine Lösung gefunden habe, fühle ich mich hier vollkommen hilflos, schlimmer: krank. Vermisse an einem verkorksten Foto mit einem Liedtext meines Mannes jede Wertschätzung und finde diese auch nicht in der Behandlung meiner Texte. Die Verbindung zu solchen Menschen zu kappen ist ein Gebot der Selbsterhaltung und die versöhnlichste Aussage, zu der ich mich durchringen kann: Wir leben auf verschiedenen Planeten. Schade.

Das Ganze bedrückt mehr als Fehler am Bau.



Das Erlanger Poetenfest 2018 Eine prosaische Erfahrung.


V 1 Das Erlanger Poetenfest 2018

Eine prosaische Erfahrung

Geladen war ich zwar nicht, da unbekannt, doch die Gelegenheit, dem abzuhelfen, schien mir günstig,

So dachte ich und reiste nach Erlangen, unterm Arm aus der Schilderwerkstatt ein vielfarbiges Schild "READERS CORNER", sowie ein Kapitel meines neuen Romans Alles gelogen samt einigen (hoffentlich) Neugier weckenden Anmerkungen.

Das Schild in eine der Schlossgartenkastanien gehängt, einige Stühle im Kreis gruppiert und in der Mitte ich, den Strom der literarisch Interessierten erwartend. Sie strömten nicht. Bis auf zwei Freundinnen, die ich sicherheitshalber informiert hatte und eine zufällig vorbei spazierende ältere Dame herrschte gähnende Leere unter der Kastanie. Es gab einen prosaischen Grund: Das Wetter. Genauer ein plötzlicher Kälteeinbruch, wie er nach mehreren hochsommerlichen Tagen das Fest nicht kälter treffen konnte. So kalt, dass sämtliche Gäste sich in die verschiedenen Säle verzogen hatten und wir drei uns frostbibernd allein auf weiter Flur befanden. Erkältung drohte und ich begehrte nicht schuld daran zu sein.

Oder wie von einem sprachmächtigen Fußballer nach der Niederlage formuliert:

"Erst hatten wir kein Glück und dann kam Pech hinzu."





V.2 Jahresrückblick 2018 für alle Verwandten und Freunde, die sich vielleicht fragen:

Was macht Ingrid ? Warum hören wir nichts von ihr?

Hier meine Antwort, illustriert mit einigen Photos(leider nur per E-mail):

Es war ein ereignisreiches Jahr und ich -im Wortsinn- beschäftigt auf vielen Baustellen. Da sagen die Meisten: warum tut sie sich das nur an? Statt den Ruhestand zu genießen und die eine oder andere Reise zu machen, bzw. den 2. und 3. Lügenroman zu schreiben, schuftet sie bei Wind und Wetter auf ihrer Baustelle, reißt Mauern ein, pflastert zusammen mit einem Helfer den Hof, zieht mit ihm einen Gartenzaun an der Grundstücksgrenze usw. usw. und versucht ihre Handwerker bei Laune zu halten. Handwerker sind derzeit rar, manche sensible Gewächse, und Bauherren können nur mit Geld oder Wohlverhalten + jeder Menge Humor punkten. Wenn ich mich auch manchmal frage – wie beim Trecken in den Sudeten oder in Nepal, bevor sich Herz und Kreislauf gewöhnen: Warum tue ich mir das an?

Trotz aller Anstrengung habe ich weder das Eine noch das Andere bereut, und jeder, der mein Haus sieht sagt inzwischen nicht mehr (skeptisch): oh oh.., sondern: Wenn es erstmal fertig ist, wird es sehr schön sein. Wenn es erstmal fertig ist...aber da muss ich durch. Worum es geht? Es handelt sich um

  1. mein Sanierungsobjekt aus dem 17. Jhdt, seit Frühjahr 2017 ganz in meinem Besitz. Wegen einer Schulter OP August 2017 ging es erst Anfang 2018 los mit den Baumaßnahmen: Einstürzen eines zu hoch gelegenen Tonnengewölbekellers und Absenkung des Bodens im gesamten Parterre; Ersetzen einer Reihe schadhafter Balken; Abreißen des ehemaligen Schweinestalls und Pflasterung im Innenhof, s.o.; weiteres Entsorgen von jeder Art Mobiliar und Müll (vor allem letzteres), vom Vorbesitzer hinterlassen. Im April verursachten Handwerker bei Schweißarbeiten einen Schwelbrand, zum Glück von der Feuerwehr schnell gelöscht, die Polizei beließ es bei einer kostenpflichtigen Verwarnung wegen fahrlässig (nicht grob fahrlässig) verursachten Schadens. Mit ca 17.00€ hielt sich der Schaden in Grenzen, obwohl er die Arbeiten um mehr als 2 Monate verzögerte (zum Glück versichert). Von den drei auszubauenden Stockwerken ist das oberste zur guten Hälfte gediehen. Die Installationen für drei Wohnungen sind aufwändig und natürlich wesentlich teurer als gedacht. Aber da muss ich durch, (s.o.) und kann mich zum Glück auf die meisten Handwerker verlassen.

  2. Grundsatz 'Jetzt oder nie'! Deshalb habe ich mir einen lang gehegten Traum erfüllt und eine kleine Eigentumswohnung in Görlitz gekauft, getreu dem neudeutschen Motto „Back to the roots“; ein weiterer Grund, öfter mit der Bahn zu fahren, wie es sich für eine Eisenbahnertochter gehört. Und kann man sich einen schöneren Bahnhof zum Umsteigen vorstellen als den Leipziger Hauptbahnhof? Dreimal Nein!

Zu verschiedenen Stadtfesten bin ich bereits nach Görlitz gereist, von dort mehrmals nach Polen, wie ich überhaupt den Osten für mich entdecke. Mein Loblied der Stadt Görlitz ist auf meiner Website zu finden www.literaturilruff.com. Danke, liebe Familie Panitz, dass Sie mir Asyl in Dresden boten, als ich den letzten Zug aus Görlitz verpasste. Das Leben kann spannend sein und immer wieder für Überraschungen gut.

  1. Statt langer Fernreisen gönnte ich mir im vergangenen Jahr nur Kurzurlaube in Deutschland und Europa; denn leider kann man seine Baustelle nicht lange allein lassen: Im Februar 2018 eine Woche deutsch-polnische Winterakademie im Schloss Wernersdorf im Hirschberger Tal; von den deutschen Besitzern zurück gekauft, saniert und zu einem fantastischen 5-Sterne-Hotel umgebaut.

Jedes Jahr im Februar wird zur Akademie geladen mit interessanten Referenten und Exkursionen in Schlesien. Ich freue mich bereits auf den nächsten Termin. Zwei Wanderreisen (Walwege in Südtirol und Wandern auf Elba) im April/Mai mussten sein, um mich von dem Brandschock zu erholen), ach ja, natürlich auch Ägypten Marsa Alam zu meinem Geburtstag Anfang März; Gelegenheit einen schweren Sturz -voll aufs Gesicht bei Blitzeis - auszuheilen. „Bitte lächeln“ sagte die Schwester, als sie mich in der Notaufnahme fotografierte. Dankbar würdigen will ich an dieser Stelle die unvergessliche Feier zur goldenen Hochzeit, zu der Ihr, liebe Dietlinde und lieber Dieter im August nach Bad Reichenhall und in ein zauberhaftes Berghotel über den Dächern von Salzburg geladen habt. „Passt scho“, höchstes fränkisches Lob wenn alles stimmt und nicht besser gemacht werden kann. Gut gemacht an meinen Potsdamer Neffen und seine Frau: Im 1. Anlauf Zwillinge zu bekommen. Das soll den beiden mal jemand nachmachen.

Und weil Kinder lärmen, anbei ein kleines Rätsel, am Bahnhof Görlitz gefunden. Die richtige Lösung ist dabei. Erstaunlich.

  1. Statt weit zu reisen, gehe ich allwöchentlich 3 Std. in die Therme nach Bad Staffelstein und lasse dabei außer meiner Schulter Geist und Seele behandeln. Tut gut!

  2. Im Vertrauen: auch meine Wohnung ist eine einzige Baustelle, seit meine liebe Haushaltshilfe mich nach ihrer Hüft-OP verlassen musste. Ja, Frau Sperber, Sie sind gemeint. Ich vermisse Sie so sehr und wage derzeit nicht, Gäste in meiner Rumpelkammer zu empfangen. Die Blamage...

Meinen nächsten Roman könnte ich gut leserlich auf den zahlreichen Staubflächen meiner Wohnung schreiben.

  1. Die nächste Heimsuchung: Mäuse, für mich die ersten Wohnungsmäuse nach über 70 Erdenjahren. Mein eigentlich kampfstarker Kater Onyx hat offensichtlich Frieden mit allen Geschöpfen geschlossen, was an und für sich verdienstvoll ist. Aber warum kann er bei Mäusen in der Wohnung keine Ausnahme machen? Sie interessieren ihn einfach nicht. Die erste huschte großohrig, knopfäugig mit beachtlich langem Schwanz im Wohnzimmer zwischen zwei Schrankteilen hin und her, quetschte sich auch zappelnd durch den engen Spalt der Schiebetür. Ich beobachtete sie fasziniert: was für ein zartes, goldiges Geschöpf, nie hätte ich dem 1. Impuls nachgeben können und sie in der Schiebetür zerquetschen. Das war vor über einem Monat. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert, vor allem, nachdem sich in voll gestellten Ecken hinter Bücherregalen, in Schubladen -idealen Ruheplätzen und Bedürfnisanstalten für niedliche kleine Mäuse- die Hinterlassenschaften fanden: Kümmelartige Köttelchen, der scharf riechende Urin in -zum Glück nur- einer Ecke (saubere Maus). Inzwischen bin ich traumatisiert, untersuche schnüffelnd und mit Argusaugen das Mobiliar: Kümmel oder nicht Kümmel, das ist hier die Frage. Aus Vorsicht entscheide ich mich gegen das unschuldige Gewürz, ein Grund mehr, nach Monaten (oder Jahren?) die Inhalte sämtlicher Schubladen und alle verdächtigen Lebensmittel (Mäuse lieben Schokoladenkuvertüre) einer strengen Prüfung zu unterziehen und alles Offene zu entsorgen. Muss sein. Eine Woche stank es überall nach Minzöl aus der Apotheke (soll Mäuse vergraulen). Mein Urteil: Der Belästigungsfaktor von Minzöl wird nur von Mausurin getoppt. Immerhin.

Im Internet kann man von schrecklichen Flüchen „Scheiß-Mäusekacke“, über herzerweichende Hilferufe : “Ich ekle mich vor meiner eigenen Wohnung, kann nicht mehr schlafen, kriege Pickel“ zu mehr oder weniger hilfreichen Ratschlägen gelangen, z.B. Minzöl versprühen, s.o.,

Geräte an die Steckdosen anschließen die für Menschen unhörbare, für Mäuse unangenehme Töne im Ultraschallbereich produzieren. Wer sagt mir, dass solche Töne bei mir keinen Schaden anrichten, meine vom Bau gestressten Nerven nicht völlig zerrütten, selbst wenn ich sie nicht bewusst höre? Besser Finger weg von solchen Langzeitkillern. Damit sind wir bei den guten alten Mausefallen angelangt. Genauer, zwei verschiedene Lebendfallen und zwei Schlagfallen stehen bereit. Nachdem die 1. Maus die Lebendfallen mit Verachtung strafte, bzw. sich erdreistete, einen sorgfältig vorbereiteten Köder heraus zu fressen, ohne dass die Falle auslöste, stellten wir sie vor die Wahl: zwei Lebendfallen und zwei Schlagfallen auf dem Weg von einem Schrank zum anderen. Um es kurz zu machen. Sie wählte den Tod.

Die 2. fand sich am 1. Weihnachtstag in der Lebendfalle und wir entließen sie am Waldrand in die Freiheit. Sollte sie dort ihr Leben in den Fängen eines kleinen Raubtieres aushauchen, so war es wenigstens ein ökologisch sinnvoller Tod - und Preis der Freiheit.

Sollte das alles gewesen sein? Ich bereite mich innerlich auf den nächsten langschwänzigen, knopfäugigen Schicksalsschlag vor und als Germanistin bin ich mir sicher, Franz Kafka hätte daraus Stoff für eine seiner berühmten Parabeln geschöpft. Mehr: Wir dürfen vermuten, dass Großteile, wenn nicht alle seiner Parabeln auf die Auseinandersetzung mit einer Mäuseplage im alten Prag zurück gehen. Ursache und Keim einer existentiell bedrohlichen Verunsicherung, die sich zu einer Geist und Seele verschlingenden Kraft ausweitete, schließlich zu einer von Mäusebissen infizierten Wunde führte (vgl. die Parabel vom Landarzt), die kein Arzt heilen kann, von der wahrscheinlich auch moderne Musiker (z.B. die 1. allgemeine Verunsicherung) aus tiefster Seinserfahrung singen.

VII, Womit wir nach existentialphilosophischem Exkurs bei einer wichtigen, derzeit von mir vernachlässigten Baustelle angelangt wären. Der Literatur. Seit der Insolvenz meines Verlages wechseln sich tatenfreudige mit resignativen Phasen ab,

Mephisto: Denn alles was entsteht, verdient dass es zugrunde geht...

  1. Der 1. von drei Lügenromanen (Alles gelogen -von Stein und Eisen) samt launigen Bildern ist seit fast einem Jahr auf meinem Blog nachzulesen,: www.literaturilruff.com, aber noch keinem Verlag vorgelegt. Zu viele Baustellen fordern meinen Einsatz.

Eine letzte Korrekturlesung der über 400 Seiten steht noch aus. Ich ringe mit den Tücken der digitalen Technik rund um PC und Website, Organisation und Arbeiten am Bau belasten, zudem führe ich einen Prozess gegen den Verkäufer des Sanierungsobjekts wegen wissentlichem – also betrügerischem- Verschweigen von schweren Baumängeln (Mängel wie morsche Balken von ihm zugefliest, zubetoniert und mit Knaufwänden zugestellt). Vielleicht später Stoff für literarische Verarbeitung, derzeit ein schweres Hemmnis. Aber da muss ich durch, s.o., bzw. „Wir schaffen das.“ (Zitat September 2015)

Bilder zu den „Baustellen“ finden sich im Anhang (der E-mails).

Mögen wir dem kommenden Jahr frohgemut und optimistisch begegnen.

In diesem Sinne winken wir 2018 unser Lebwohl zu und heißen das neue Jahr 2019 willkommen.

Herzlichst

Ingrid L. Ruff

Nachtrag: Heute wurde eine 3. Maus gesichtet



V. 3 Aus aktuellem Anlass (der 8. Mai)

Georg Steffan Troller, als jüdischer Österreicher vor den Nazis geflohen, 1945 als amerikanischer Soldat zurückgekehrt, fand in der Bibliothek von Hitlers Münchner Wohnung außer den gesammelten Werken von Karl May - nichts.

Drei deutsche Träumer

Der Regisseur Hans Jürgen Syberberg stellte uns in drei Filmen drei Träumer vor.

Seine Überzeugung: Alles geschichtliche Geschehen ist bereits in Möglichkeiten angelegt, und träumend formen wir Elemente der Wirklichkeit, die uns später real begegnen wird.

Kurz: Träumer unterwerfen die Wirklichkeit ihren Wünschen und Träumen.

1. Richard Wagner

als Barrikadenkämpfer und Revolutionär gescheitert erträumt er im Gesamtkunstwerk ein musikalisches Universum um Bewährung und Erlösung.

2. Karl May

aufgewachsen als Sohn einer bitterarmen Weberfamilie und auf die schiefe Bahn geraten erträumt er in literarischen Projektionen (er ist Kara Ben Nemsi) die Rettung der Welt und Heilung des verletzten Ich.

3. Adolf Hitler

Dass Hitler Wagnerverehrer war ist bekannt und stört die Rezeption des so Verehrten erheblich. Schuld Wagners?

Dass er Karl May hoch schätzte und die Krieglisten bzw. Anschleichungstaktiken aus Wildem Westen und Orient allen Ernstes deutschen Soldaten empfahl, macht fassungslos.

Aber kann man es dem sächsischen Träumer vorwerfen?

Wovon träumte Hitler? Welche persönlichen Verletzungen wollte er heilen?

Wir wissen um sein Versailles - Trauma, kennen seine Träume vom Lebensraum im Osten: Mörderische Träume.

Unbegreiflich und bestimmt nicht im Geiste Wagners, dass nach dem Endsieg eine Galaaufführung des Parsival geplant war...

Oder erhoffte selbst der Hauptverantwortliche für Millionen Weltkriegstote Erlösung?

(ich glaube eher an ein Missverständnis)





V. 4 Blumenriviera 27. 10. bis 02.11.2019

Impressionen, Gedankensplitter, Assoziationen

1. Sonntag 27.10. 4:00 Abfahrt Ebern

Grand Hotel Diana Majestic in Diano Marina / Ligurien

2. Montag 28. 11. 7:00 Frühstück, 8:00 Abfahrt

Monaco Meeresmuseum Bootsfahrt

3. Dienstag 29. San Remo (orth. Kirche)

Weinprobe in dolce aqua

4. Mittwoch 30.10. Cannes

Bootsfahrt; Parfümerie Fragonard

5.Donnerstag 31.10. Genua, Rapallo, Portofino,

Bootsfahrt

6. Freitag 1.11.Nizza,St Paul de Vénard, Kunstdorf(Miro etc)

Im Bus unterwegs zwischen Italien und Frankreich

I. Italien - vergängliche Schönheiten - Schönheit des Vergänglichen.

Die Autobahn schwingt sich über eine Kette von Viadukten und unterschiedlich langen Tunnels. Im Reisebus wir im wechselnden Rhythmus von hell und dunkel, dunkel und hell.

Im Tageslicht, zwischen den Lichten und manchmal auch im Abendmond

sehen wir eine der schönsten Küsten Europas unter uns vorbei ziehen: die Blumenriviera.

Ein Panorama flüchtiger Eindrücke. Man kann die Augen schließen, den inneren Dialog weiter führen. Oder sich ganz dem Panorama überlassen, in Gedanken mit ihm wandern. Ehe sich flüchtige Eindrücke zu Gedanken, Gedanken zu Gedankenketten verbinden, löscht sie der nächste Tunnel aus – oder spinnt sie weiter.

Die Tunnel

Ohne sie lägen die Ortschaften weiter weltabgewandt, nur erreichbar über das Meer, wo Kreuzfahrtschiffe das alte Seeräuberunwesen abgelöst haben.

Ob die Folgen weniger gravierend sind, wenn Hundert- ach Tausendscharen schaugieriger Touristen in die malerischen Ortschaften einfallen?

Wer will das entscheiden? Ein Preis der modernen Verkehrsanbindungen, also

fügen wir uns in das selbst gewählte Schicksal und lassen uns vom nächsten Tunnel aufnehmen und vom übernächsten und dem Überübernächsten und so weiter, und so weiter, eine Reihe gleichförmiger Röhren, ein, zwei Lichterreihen über uns, sonst eher dunkel, das Tageslicht am Ende des Dunkels schnell wieder geschluckt vom schwarzen Loch der nächsten Tunnelöffnung.

Es heißt, dass schwarze Löcher das Licht fressen und Materie aufsaugen. Diese italienischen Tunnel fressen nur km und erlauben uns ein Ziel in kürzester Zeit zu erreichen.

Nachtrag: vorausgesetzt es gibt keinen Stau.

Die Küste

Winzige, eng an die Hänge geschmiegte Dörfer, einzelne Gehöfte inmitten terrassierter Felder, und ich denke: ganz schön mühsam von hier täglich zur Arbeit aufzubrechen – oder, wie seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten üblich, vom Ertrag einer kleinen Hofstelle zu leben. Recht und schlecht , so nannte man das.

Kein erstrebenswertes Ziel in unseren Zeiten des Zuviel ist nicht genug, und wen wundert‘s, dass Landflucht in solchen Gegenden schon lange kein Fremdwort mehr ist.

Unter uns auch städtische Siedlungen, je mehr wir uns den dicht besiedelten Zentren nähern, die Häuser mehrstöckig in blassem Pastell, halb geschlossene, oft grüne Fensterläden über hohen schmalen Fenstern. Balkone, manchmal begrünte Dachgärten.

Auffällig auch die letzten Wohnstätten: hell erleuchtete Friedhöfe am Abend. Auf den Gräbern,- meistens Urnenwände - blinken Lichter zu Hunderten: jeder Urnenwand die eigene elektrische Beleuchtung. Hier gibt es keine Erdbestattungen; stattdessen Wohnstätten für die ganze Familie - Häuschen für die Ewigkeit und an den Abenden in gleichmäßigen Reihen elektrisch beleuchtet, wie in Italien üblich. Vor allem jetzt, Anfang November zu Allerheiligen und Allerseelen, den Tagen des Totengedenkens.

Das erste Mal sah ich die Lichter vor fast vierzig Jahren, auf Ischia, und hatte den Eindruck von etwas Lebendigem. So kann der Tod uns täuschen.

Ach ja, die Blumenriviera. Sie täuscht uns ebenso. Dass wir uns da keine falschen Vorstellungen machen von überbordender Blumenpracht bis in den Spätherbst hinein. Falsch. Zwar prägen blühende Pflanzen den Namen Blumenriviera. Doch wachsen und blühen sie unter zahllosen Treibhausdächern - bis zur Schnittreife. Das sieht nicht besonders schön aus. So folgt der poetischen Erwartung die prosaische Realität eines mehr oder weniger erfolgreichen Wirtschaftszweiges unter anderen. Eines anstrengenden vor allem; denn die Aufzucht und Pflege fordert tägliche Mühe, ganz zu schweigen von den Risiken des reichlichen Chemieeinsatzes. Von wegen gesunde Natur. Haut- und Atemwegserkrankungen sind lästige Begleiterscheinungen des Berufs. Da verzichtet mancher Sohn lieber darauf, den Broterwerb des Vaters weiter zu führen. Schluss. Aus. Vorbei, und die Städte wachsen, wuchern hinein in die Zonen der vormals gehegten Pflanzen.

It‘s history Die Städte Liguriens

Zuerst San Remo: Residenz und Winterkurort von Britanniens Gnaden, wo sich die nordeuropäische Elite eine Auszeit gönnte, um den Zumutungen der nordischen Winter zu entkommen. Mondäne Eleganz der Boutiquen und internationalen Modehäuser.

Was hier fehlt und auch in größeren Städten nicht vermisst zu werden scheint sind die türkischen Dönershops oder vietnamesischen Wokküchen. Ich denke unwillkürlich an Görlitz -vor dem 1. Weltkrieg reichste Stadt Deutschlands, jetzt am unteren Ende der Einkommensskala. Wo einst die Berliner Straße vom Bahnhof stadteinwärts mit einladenden Hotels und Geschäften ein anspruchsvolles und elegantes Publikum bediente, sind überdurchschnittlich viele Gebäude von fast food Versorgern besetzt. Ach und die Hotels erst in Bahnhofsnähe...Beispielhaft ein großer, ehedem repräsentativer Bau mit zugebretterten Fenstern und grauer Fassade: Zu verkaufen. Wer will das kaufen oder stilvoll teuer sanieren? Die Preise vielleicht zu hoch oder eine zerstrittene Erbengemeinschaft.

Bleiben die Dönershops.

Auch in Italien gibt es Arme. Da muss ich mich fragen: Wie ernähren sich die ärmeren Stadtbewohner Italiens? Leben sie über ihre Verhältnisse, wenn sie in Restaurants statt im Asiashop speisen? Oder ziehen sie es vor, sich stilvoll zu verschulden - was man Italienern ja gerne vorwirft.

Ein Dönerimbiss ernährt neben zahlreicher Laufkundschaft auch seine Besitzer. Ebenso das vietnamesische Wokrestaurant; daneben die Servicestation für Billigware aus Fernost von Kunstledertaschen zu Wegwerfklamotten, und der deutsche Unternehmer passt sich an. 1€-Läden versorgen eine Bevölkerung , die es nicht so dicke hat - und andere. Im Land der Geiz -ist -geil -Mentalität finden Schnäppchenjäger allerorten ihre Beute, Und zugegeben, auch ich schaue nach Schnäppchen im Görlitzer 1€ -Shop.

1€-Läden sind mittlerweile in ganz Deutschland vertreten, nicht nur im sogenannten Osten, wie ich naiverweise glaubte. Billig billig dröhnt es uns überall entgegen und verstellt die Sicht auf Qualität. Kaufhäuser wie Einzelhändler sehen sich gezwungen, kurz vor black fridays, Sale -weekends und wie sie alle heißen mögen, Preise anzuheben, um sie pünktlich zum Schnäppchentermin wieder zu senken. Billig kann auch meinen, der alte Preis

- wie alt?- ist durchgestrichen und der neue als Superangebot präsentiert.

Beide, Händler und Kunde wären dann zufrieden: die perfekte Waren- und Konsumwelt. Schein.

In San Remo oder Genua wird man kaum overdressed auffallen- in Görlitz,

- selbst im Theater, - schon. Wird es so bleiben?

Es heißt, 30 Jahre nach der Wende tragen Ur-Berlinerinnen und - Berliner immer noch Söckchen zu Sandalen. Werden sie den Brauch noch nach weiteren 30 Jahren pflegen? Wie viel Stilgefühl im Vergleich haben Bayern oder Hessen, und wann werden sie sich an Hanseaten messen können? Die Schüler meiner kleinen Stadt, die sich nach Schulschluss ihren Döner holen -wohl weil er ihnen schmeckt - gewöhnen sie sich für den Rest ihres Lebens daran und sind somit für kultiviertere Formen des Essens verloren?

Werden sie später noch Kraft und Interesse für einen gepflegteren Lebensstil aufbringen können?

Schlussendlich: wo hört das Stilgefühl auf und fängt ein Nationalcharakter an?

Zum Beispiel Schuhe. Eine Bekannte wunderte sich vor einigen Wochen über die Turnschuhgeneration, fragte sich und mich: wie begegnen traditionelle Schuhgeschäfte dieser ruinösen Konkurrenz?

In der Folgezeit heftete ich meinen neugierigen Blick auf die Füße mir begegnender Passanten. Das Ergebnis in Stadt und Land, später europaweit verfolgt: 9 von 10 tragen Turnschuhe, selbst in Italien, dem Heimatland der eleganten Schuhmode: Sneaker, boots und wie die teilweise sündteuren Abkömmlinge des Turnschuhs sonst noch heißen mögen.

So geht Kultur verloren. Oder: Auch das ist Europa.

Genua. Schließlich Genua:

Genuesische Geschichte begegnet uns immer wieder in Lehrbüchern, der Name zum Begriff geronnen, so oft, dass ich glaubte, auf die reale Begegnung verzichten zu können.

Irrtum. Die Stadt atmet Geschichte: Steil an Hügeln empor gebaut die Häuser wahre Wolkenkratzer der frühen Neuzeit, 10 Stockwerke hoch, manchmal mehr, dazu streng gegliedert die typischen Fensterläden, das untere Drittel aufgeklappt, um Luft und Licht herein zu lassen. Die Farben verblasst, manchmal abblätternd. Das hat Würde.

Würde muss man nicht nur den repräsentativen Plätzen zugestehen, den Kirchen der Renaissance. Würde sehe ich auch im Gang der Alten, den Gesten der Händler, wie sie ihre Ware anbieten. Es mag am Erbe liegen.

Genuesische Kaufleute und Kapitalgeber prägten nämlich weite Gebiete Südeuropas und der Welt. Nizza, über 500 Jahre italienisch-genuesische Stadt zeigt seine Herkunft in typisch genuesischen Häuserformen. Sie tun es bis heute, mögen auch Plakate die 100-jährige Zugehörigkeit zu Frankreich feiern. Der Reichtum Genuas war, wie es so schön heißt, sagenhaft.

Ist Genua noch die Stadt, an der die internationale Finanzwelt sich ausrichtet, an der sie zumindest nicht vorüber gehen kann, selbst in Zeiten italienischer Verschuldung? Ich weiß es nicht.

Vielleicht trifft auch für Genua zu:

It‘s history.

II. La France eternelle

Heute nur wenige Worte zur Nation am Beispiel

Nizza

Wir hören, seit 100 Jahren gehört die Stadt zu Frankreich, doch welche Sprache herrschte zur italienischen Zeit vor? Dachte man damals national oder merkantil, bzw. dynastisch wie in vielen Ländereien Europas? Bedauert unsere Reiseführerin, dass Nizza nicht mehr italienisch ist? Sie hält sich bedeckt. Der geschichtliche Wandel hat in Europa zum Austausch ganzer Länder und Völkerschaften geführt durch Kauf, Tausch oder Annexion. Das kann zu offenen oder verdeckten Ressentiments führen, und manchmal möchte man unbeschwert von allem historischen Wissen nur im Hier und Jetzt leben, Man kann das auch Unbildung nennen, oder Naivität; denn der Informierte und Mächtigere könnte allzu leicht versucht sein, diese Unwissenheit für sich zu nutzen.

Darüber, dass sich naive Einstellung verbietet, hat Heinrich von Kleist in seinem Aufsatz über das Marionettentheater geschrieben (ich komme immer wieder darauf zurück). Sind wir erst einmal aus dem Stand kindlicher Unschuld gefallen - Kriege und Besatzung leisten ihren Teil - müssen wir gleichsam die Welt umrunden, um zu einem reiferen, die Gegensätze versöhnenden Wissen zu gelangen. Man kann diese Einsicht Weisheit nennen.

Vielleicht nicht das schlechteste Ergebnis solcher Reisen.

V. 5 Jahresrückblick 2019

Das Jahr gespiegelt in persönlichen Erfahrungen.

Januar 2019.

Trotz frischem Atemwegsinfekt und unwirksamem Antibiotikum war ich Sylvester in der Schweiz mit großem Feuerwerk am Zürcher See, (wer verzichtet schon auf so eine Reise?) Ausflüge nach Winterthur u.a. Zurück in Ebern mit weiteren Schwierigkeiten am Sanierungsobjekt (Haus aus dem 17. Jhdt.) konfrontiert:

Die Handwerker bringen im Hausflur ca 5 cm Betonestrich aus. "muss sein" - und ich weiß nicht warum. Auskunft Monate später: der Boden sei zu krumm für Fliesen gewesen. Dabei hatte ich meinen Solnhofer Bruch eingeplant. Aber wer fragt schon die Bauherrin?

Die Architektin zieht sich aus dem Projekt zurück. Meine Handwerker: „Ingrid, wir schaffen das alleine; war sowieso keine richtige Architektin“. Was stimmt (nennt sich nur Büro für Bauideen).

Immerhin, meine Ideen habe ich bis auf eine - Kombination von Dusche und Sitzbadewanne im 1. OG – durchgesetzt. Alle Stockwerke sind perfekt isoliert, auch dank fachmännischer Information des Fraunhofer Instituts entgegen den Vorgaben der Architektin:"Wir nehmen OSB-Platten, die halten garantiert 10 Jahre"(danach erlischt die Gewährleistungspflicht, und in 10 Jahren ist die Frau Ruff sowieso tot (mag sie gedacht haben...) Ergo: viele Sorgen schon zum Jahresbeginn.

Aber: Die kleine Drei-Zimmerwohnung in der Innenstadt von Görlitz gehört seit Januar mir. Zum Glück sehen die Zimmer bis auf eines recht ordentlich aus (nur ein grässliches Rosa muss weiß und grün übertüncht werden); eine Trockenwand zwischen Küche und Flur soll im Sommer abgerissen werden, das Ganze in einen Essbereich umgewandelt. Zwei über ebay günstig gelieferte Kleiderschränke baut ein Schreiner vor Ort zusammen. Ein Gutteil des Mobiliars, wenn nicht das meiste hole ich mir von einem sozialen Möbeldienst um die Ecke, billig und fast neu. Bin glücklich trotz Bronchitis.

Februar 2019.

Ebern: Im Bad des 1. OG vergisst der Installateur die Kaltwasserleitung. Soll vorkommen.

Weil der Heizungsbauer im Parterre-Bad mehrere Leitungen zu hoch verlegt hat und der Estrich mindestens 3,5cm Stärke haben muss, wird der Boden im Endeffekt mehr als 4cm über der Planung liegen.

Trotz Atemwegsinfekt fahre ich zum 2.Winterseminar ins polnische Schloss Wernersdorf/ Hirschberger Tal). Vor einigen Jahren wurde die Ruine von den Nachkommen der ehemaligen Besitzer (Arztehepaar aus dem Saarland) zurück gekauft und vorbildlich saniert: Empfehlung.

Das Winterseminar bietet Informationen zur deutsch-polnischen Geschichte und Gegenwart aus erster Hand dazu Exkusionen im Hirschberger Tal und zu den berühmten Klöstern (Grüssau u.a.). Lerne viele interessante Menschen kennen, und auf das Europa-Seminar im kommenden März freue ich mich bereits.

März-April- Mai 2019

Meinen 74 Geburtstag verbringe ich mit saftiger Bronchitis im Bett. Allein. Atemwege erst nach kurzfristig gebuchten 17 Tagen Ägypten wieder o.k. Wird wiederholt, wenn die Termine passen und ich sage mir, die Briten wussten schon, warum sie vor dem heimischen Schmuddelwetter nach Ägypten flohen.

Kaum zurück heißt es nach den nächsten Katastrophen Ausschau halten.

Die lassen nicht auf sich warten: Der Türenbauer mutet mir nicht abnahmefähige Türen zu, vgl. Anlage, und weil die „Architektin“ sich nicht mehr blicken lässt und ich die Türen so nicht abnehme, bzw. nicht die ganze Rechnung zahle, droht er mit Klage. Wir werden sehen...

Schöne neue Holztreppe (Buche) zum 2. OG ist eingebaut. Eine Spindeltreppe hinauf zum Spitzboden bestelle ich gut und günstig – nein, nicht bei der Edeka - bei Otto, und mit Handwerkerhilfe wird sie eingebaut. Ansonsten verzögern sich alle Arbeiten, Handwerker erscheinen nicht, der normale Ärger am Bau.

Bei soviel Ärger braucht der Mensch Erholung. Nach dem Brand 2018 in Parterre waren es nacheinander je eine Woche Wandern in Südtirol und auf Elba (Empfehlung).

Diesmal heißt es Wandern in Kroatien, genauer auf den Spuren einer alten Eisenbahnlinie, die Mussolini abreißen ließ, um sie nach Nordafrika zu bringen. Das Schiff sank und mit ihm das geraubte Gut (sic transit gloria mundi). Das Unternehmen im April 2019 organisiert von Leitner Reisen, All inclusive in einem tollen Hotel am Meer (Empfehlung).

Danach kann ich den nächsten Schicksalsschlagen gelassen entgegen sehen...

Juni 2019

Die oberste Wohnung wird voll möbliert und ist für 2 Studierende der Schreinereifachschule Ebern vorgesehen. Voll möbliert, nachdem wir bereits ein schönes Ledersofa in der Scheune stehn lassen mussten: passt einfach nicht durchs enge Treppenhaus, und jeder weitere Umzug mit Möbeltransfer würde eine Katastrophe bedeuten.

Wieder höchste Zeit für Erholung, zusammen mit einer ehemaligen Kollegin. Diesmal sind es 14 Tage mit der MS Berlin von Bremen nach und rund um Island. Unterwegs nehmen wir die Shetland- und Faröer Inseln mit, und man glaubt es kaum: es herrscht das beste in Island vorstellbare Wetter: strahlend blauer Himmel, kaum Wind und Temperaturen über 20 °. Dazu eine atemberaubende Landschaft. Unbedingt empfehlenswert.

Görlitz: mit den Umbauarbeiten und der vom Schreiner gefertigten Einrichtung (Schreibtisch, Regal und schwenkbarer Tisch für den Essbereich) geht es nur langsam voran. Alle Handwerker haben übervolle Auftragsbücher.

Ebern: Drei echte Thonetstühle in bedauernswertem Zustand in der Scheune aufgefunden (da waren Farbeimer abgestellt) habe ich aufgemöbelt und neu gepolstert. Jetzt sehn sie wieder schmuck aus. Transportiert werden sie nacheinander mit der Bahn. So habe ich im Zug immer einen Sitzplatz.

Überhaupt die Bahn! Trotz mancher Verspätungen, Schienenersatzverkehr, ausgefallener Züge usw. usw. bin ich froh , dass es sie gibt. Lesen im Zug entspannt, und die Fahrt stellt bei den Eberner Katastrophen eine wahre Erholung dar. Meist bin ich zwischen Ebern und Görlitz mit großem Rucksack und noch größerem Koffer unterwegs: Bilder, Kissen, Bettwäsche, Gardinen, Geschirr, Bücher und mehr, alles Benötigte wird nach Görlitz transportiert. Mein Thonet Schaukelstuhl vom Flohmarkt wartet derweil auf eine zündende Idee für den Transfer, und um die Schulterprobleme ( Sehenanriss vom Heben der schweren Koffer in Zug oder Straßenbahn) kümmert sich der Orthopäde. Nb. Seit dem Schulterproblem hänge ich mir auf Reisen eine Schlaufe um den linken Arm, und sofort wird mir Hilfe angeboten. Ich kann mich nicht beklagen.

Juli - August 2019

Ohne mich zu fragen haben Trockenbauer, Installateur und Elektriker mit Hartschaumplatten, Estrich und Fußbodenheizschlangen den Parterreboden um weitere 8cm angehoben, (wahrscheinlich, um an der Korridortür eine Stufe zu sparen(!!!). Ende 2018 Anfang 2019 war der Installateur durch falsche Rohrverlegung bekanntlich schon 4cm über den geplanten Boden gelangt, von der Architektin nicht kontrolliert. Das hatte ich noch geschluckt, aber mit den zusätzlichen 8cm wäre die Raumhöhe auf höchstens 2,12 m gekommen. Das bedeutet Kopf einziehn oder an Schneewittchen und die 7 Zwerge vermieten, sofern die Bauaufsicht überhaupt zugestimmt hätte...Ich frage: Wer ist hier meschugge?

Darum nach 2 schlaflosen Nächten meine Anweisung: Alles muss raus.

Zum Glück hat der Trockenbauer eingesehn, dass er da einen Bock geschossen hat (mindestens ein 14-Ender), und die ca 63 qm 1A Estrich samt darunter liegender Fußbodenheizung und Isolierung haben er, seine Gefährtin und ich an einem Tag los geklopft. Zu Dritt geschuftet wie die Irren (gab einen Riesenschutthaufen im Hof) und alles samt Heizschlangen kostenpflichtig entsorgt.

Die Heizungsfirma muss ich aus der Gewährleistung für die Parterre Installation entlassen. Hat vor Jahresende sowieso keine Zeit mehr und lässt sich nicht mehr blicken. Die Fußbodenheizung raus gerissen, keine Therme.

Was tun ?????????????????????????????????????????????????????????

Zum Glück hat der Trockenbauer Freunde und Verwandte vom Fach: ein richtiges Netzwerk. Die Verwandten und Freunde können tatsächlich den Boden fertigstellen… falls sie Zeit haben. Sie schaffen es tatsächlich, Fußbodenheizung und Estrich in Rekordzeit neu zu verlegen, doch dann geht nichts mehr.

Warum? Jede Firma arbeitet mit anderen Systemen, und Bestellung benötigter Anschlüsse usw. braucht Zeit. Viel Zeit.

Das heißt : der Bau ruht wieder einmal.

Die gewonnene Freizeit nutze ich für eine Woche Budweis und Krumau (CZ), übernachte günstig im Studentenheim (billiger als die Görlitzer DJH), esse und trinke gut und günstig, fahre mit dem Rad an der Moldau entlang. Empfehlung!

Mein privat gekauftes steinernes Waschbecken für das 2. OG hat der Installateur der gekündigten Heizungsfirma nach o.g. Theater nicht mehr angeschlossen, obwohl der Bezugstermin letzte Augustwoche naht. Davon abgesehen sind beide Bäder im 1. u. 2. OG fertig, mit den gleichen, sehr robusten und pflegeleichten Fliesen: „Danube“, Solnhofer "Nachbau" einer französischen Firma. Mein Trockenbauer erbarmt sich und schließt das fehlende Waschbecken an.

Ach hätte er nicht!! Mit Nobody is perfect ist die folgende Katastrophe nur unzulänglich beschrieben, auch im Vergleich zur falschen Fugenfarbe in einem der Bäder, die mühsam kaschiert werden musste. Aber noch sind wir, einschließlich der unglückselige Trockenbauer ahnungslos...

Wir starten in den

September/ Oktober2019

Die Bäume im Streuobstgarten setzen in diesem Sommer, auch aufgrund der Trockenheit aus. Keine Äpfel, keine Birnen, nur einige Zwetschgen. Kein Obst kann manchmal ein Segen sein.

Die Tage sind weiter hochsommerlich, nur die Nächte werden allmählich kühler.

Ende September die Hiobsmeldung.

Meine beiden Mieterinnen entdecken Wasserflecken und Schimmel in der Wand neben dem Bad.

Die Frage: Wer ist der Täter wird in den kommenden Wochen alle Beteiligten beschäftigen. 1. Ein Mitarbeiter der "verabschiedeten" Heizungsfirma wird von mir gerufen und stellt (triumphierend) fest, dass der Trockenbauer eine Dichtung vergessen hat, unkt: "Offenbar ein ‚Nassbauer‘“ und „Das wird teuer." Der Trockenbauer behauptet, die richtige Dichtung habe er nicht in Ebern erhalten und erst einige Tage später in Bamberg besorgt. Wegen der von den misstrauischen Mieterinnen verschlossenen Türe habe er sie nicht sofort einbauen können. Jetzt sei sie drin. Damit wasche er seine Hände in Unschuld, bzw. im jetzt garantiert trockenen Bau.

MMMhhh.

Oktober 2019

In Folge werden Löcher in die Trockenbauwand gebohrt, der Kühlschrank wird auf der Suche nach möglichen Lecks abgebaut, ein Trockner aufgestellt, der über mehrere Wochen arbeitet. Nachdem auch der Kaminbauer in den Kreis der Verdächtigten gerät, muss dieser insgesamt 4x kommen, z.T. mit Kamera den Kamin + Edelstahlrohr ausforschen. Ergebnis. Kamin ist o.k. Außen und innen alles trocken. Wir sind ratlos. Und ich? Verreise mit einer Lehrergruppe 27. Oktober bis 02.November an die Blumenriviera, eine wunderschöne, rundum beglückende Reise, über die ich an anderer Stelle geschrieben habe (Interessenten bitte melden).

Daheim warten indes die Katastrophen des

November 2019

Noch keine Erklärung für das Wasser im 2. OG. Deshalb bestelle ich den Leckorter, der den Tatort besichtigt, die Badezimmerwand öffnet, d.h. Fliesen und Isolationsschichten großräumig entfernt und auf unwiderlegbare Indizien stößt. Ich war die ganze Zeit dabei (4Std.) und kann bestätigen: Nasse, schimmelnde Isolationsmasse, eine sich sofort ausbreitende Pfütze, kurz, der GAU für den Trockenbauer - und für mich; denn der Trockenbauer ist nicht versichert, wie er gesteht, als ich ihn telefonisch mit den Beweisen konfrontiere.

Außerdem liegt er nach ungeklärten Anfällen von Atemnot seit mehreren Wochen in der Klinik...Vorwürfe sind da fehl am Platz. Ich muss den Kranken (starker Raucher) aufbauen, ihm gute Besserung wünschen und möchte fragen: Wer baut mich auf?.

Natürlich ICH. Wer sonst? Die Idee: Nachdem Mitte November eine Veranstaltung in einem polnischen Schloss stattfindet und Görlitz in letzter Zeit mir Trost und Ruhepunkt geworden ist, die Umbaumaßnahmen zudem zu vollster Zufriedenheit gelungen, werde ich meine Wohnungseinweihung und polnisches Schloss an zwei aufeinander folgenden Tagen kombinieren, meine verwundete Seele zu heilen. Das ist leider gründlich gescheitert. Bis auf Einen will mich niemand ins Schloss begleiten., und durch ein Missverständnis muss ich auch noch allein zur Veranstaltung, mich selbst um Transfer kümmern, vor einem riesigen fleisch- und wurstlastigen Buffet kapitulieren und mich einen Abend lang langweilen unter Fremden, mit denen ich mich wegen der lauten Musik kaum unterhalten kann. Weiß am nächsten Tag nicht einmal, ob jemand, geschweige denn wer mich nach Görlitz mitnehmen wird und bin nahe dran, nach Sprottau zu laufen, um dort den Zug zu nehmen.

Mein Schwur: Nie wieder mich von anderen abhängig machen!

Ja, ja, ich weiß: auch andere trifft persönliches Pech.

"Ich bin am Arsch!"; so der Verzweiflungsruf eines befreundeten Görlitzers kürzlich am Telefon (fremde Stadt, Auto zu, Schlüssel drin).

Dazu meine Frage: "Wie sehr am Arsch war ich erst am 15./16./17. November?

Der November 2019: wirklich ein mieser Monat. Ein Scheißmonat.

Kein Wunder, wenn man dann nicht schlafen kann und sich mit allerlei Psychotricks wieder seelisch aufbauen muss.

Z.B. mit Botschaften einer ominöse Partnervermittlung wie: Ingrid, wow, was für eine tolle Frau du bist! (diese zuletzt im SPAM entdeckt und nicht mehr wie bisher entsorgt).

Tut gut bei Stress und Ausnahmesituationen. Darum Empfehlung an euch, liebe Freunde und Verwandte: Solch schmeichelhafte Meldungen aus dem Internet nicht entsorgen, sondern sammeln. Sie können bei seelischen Krisen das Selbstbewusstsein ungemein stärken.

Irgendwann, irgendwie kommt der trotzige Vorsatz hinzu: Ich schaffe das.

Danke Frau Merkel.

Dezember 2019

Gibt es den genius loci einer Stadt?

Es gibt ihn. Immer wieder wandere ich die Neisse entlang, zur Obermühle und zum Viadukt, täglich durch die Straßenzüge der Görlitzer Innenstadt mit den kunstvoll geschnitzten Haustüren, den farblich abgestimmten Fensterrahmen. Schaue hoch hinauf zu den gegliederten Fassaden, den steinernen Figuren.

Soviel Schönheit - und hinauf blicken: das tröstet. Empfehlung.

Nein, diesmal besser keine Empfehlung! In einigen der prächtigen Straßenzüge, heute in Krölstraße und Luisenstraße, empfiehlt es sich, den Blick besser zu senken, von der Poesie Görlitzer Baudenkmäler hinab ins Prosaische: den zahlreichen Hinterlassenschaften Görlitzer Köter (ja, Köter) auf vielen, zu vielen Bürgersteigen. Mögen deren unsensible Herrchen bzw. Frauchen mindestens einmal wöchentlich in fremde Hundscheiße treten. Vielleicht erziehen sie ihre eigenen Vierbeiner (und sich) dann besser.

Der Görlitzer Stadtverwaltung seien mehr Entsorgungseinrichtungen dringend empfohlen.

Nachsatz: mich hat es heute nicht erwischt, dafür musste ich in o.g. Straßen auf manchen architektonischen Augenschmaus himmelwärts verzichten.

17. Dezember und Zeit für einen tröstlichen Abschluss. Schließlich soll der Rückblick alle rechtzeitig erreichen, sowie Zuversicht für das kommende Jahr entfalten.

Der Handwerker ist aus der Klinik zurück und beginnt die Arbeiten der nächsten Tage zu koordinieren. Mein Termin vor dem Landgericht endete mit einem von mir vorgeschlagenen Vergleich. Ich war den Stress der letzten Wochen einfach leid und habe eine faire Lösung angeboten: 50%-50% der mir entstanden Handwerker- + der Gerichtskosten, und jede Partei zahlt ihren Anwalt.

Danach ein großes Gefühl der Erleichterung. Geld ist nicht alles.

An zwei weitere Klagen (gegen mich) vor dem AG (Architekt und Türenbauer ) werde ich erst im im nächsten Jahr denken…

Zeit für einen gelassenen Rückblick auf vergangene Katastrophen und Freuden.

„Das Leben ist ein strenger Lehrmeister“ habe ich kürzlich gelesen. Doch wenn es weiter heißt:“Es tötet seine Kinder“, dann sage ich: „Noch nicht!“

Wir müssen selbst die Quelle unseres Glücks sein.

In diesem Sinne frohe Feiertage und ein gutes Jahr 2020 wünscht euch und Ihnen

von Herzen

Ingrid Ruff /Bürgerin zweier Welten ( Franken und Görlitz)






V.6 Lob des Mittelmaßes

Betreff Brigitte wir Nr. 3 (2018) Aktion Mensch 60 +


Eine Überfliegerin wollt Ihr küren? Eine, die sich gegen möglichst viele Leserinnen bzw. deren Vorschläge durchsetzt? Soll das Euer feministischer Beitrag zum globalen Kapitalismus sein?

Die Tribute von Panem lassen grüßen – selbst wenn es diesmal nicht ums Leben geht. Wisst Ihr, was Ihr da tut? Ihr hetzt uns in einen Kampf des 'survival of the fittest', und wahrscheinlich haben viele Leserinnen mitgemacht – genug um mehrere Seiten der nächsten Ausgaben zu füllen.

Sollte für Euch die buddhistische Weisheit nicht mehr gelten, dass es vor allem darauf ankommt, in aller Bescheidenheit im Hier und Jetzt des Alltags zu bestehen, statt das eigene Ego zu bedienen?

Müssen wir nicht jeden Tag den Stein wälzen? Uns auch noch bücken, um für andere Schutt beiseite zu räumen, statt nach den Sternen zu greifen? Wobei wir uns allzuleicht verheben...

Unvergesslich mein (19 Jahre) jüngerer Bruder, als er vergeblich versuchte, aus Bauklötzen einen Turm zu bilden. Ich beobachtete seine angestrengten Bemühungen über mehrere Minuten, und als der halbfertige Turm wieder und wieder umstürzte, ermahnte ich ihn: „Du musst nur Geduld haben!“, worauf der Kleine brüllte: „Ich habe ja Geduld!“ Seitdem sind mehrere Jahrzehnte verflossen, aber geändert hat sich unsere Situation nicht. Wie oft widmen wir uns mit Energie und frischem Mut den täglichen Herausforderungen und müssen uns am Abend eingestehen: Heute hat es wieder nicht gereicht. Wir sind die Maus, von der Katze namens Schicksal ermahnt: Du musst nur die Richtung ändern, - um danach doch gefressen zu werden.

Allen, die es nicht glauben wollen und meinen, wir kämen ungerupft durchs Leben: Wir alle sind Sisyphos und täglich scheitern wir trotz kleiner Mutmacher, die uns natürlich auch begegnen. Scheitern in Prüfungen und Bewerbungen, mit hoch fliegenden beruflichen Plänen, in der Digitaltechnik, bei der Suche nach dem perfekten Partner, nach treuen Freunden, scheitern an Krankheiten, eigenen und in der Familie, an unseren Schwächen und Süchten, scheitern an Versagensängsten, selbst bei kleinen Herausforderungen in Hobby und Heimwerkerei, wie das Beispiel meines kleinen Bruders zeigt.

Natürlich war er im Recht und meine Ermahnung – wie man heute sagt – kontraproduktiv.

Ich weiß, wovon ich rede. Jahrelange Lektüre der EMMA, hilft da auch nicht weiter. Im Gegenteil, je mehr ich lese, desto weniger emanzipiert fühle ich mich im Vergleich zu in EMMA vorgestellten Frauen, fast alle Anwärterinnen auf dem Siegertreppchen für Engagement . Leidenschaft . Inspiration, so die von Euch genannten Voraussetzungen.

Zwar bin ich beeindruckt von den taffen Frauen, die Alice Schwarzers Redaktion uns da vorsetzt: durchsetzungsstark, erfolgreich und zudem noch attraktiv. Erstaunlich, was Frau alles kann, wenn sie nur will. Bin jedes Mal so beeindruckt, dass ich nicht weiß, wie diesen hoch über mir schwebenden Vorbildern, diesen Monstern an Effizienz nacheifern, geschweige denn sie erreichen. Statt mir Mut zu machen, mich anzuspornen, meine letzten Reserven zu aktivieren, kaufen derartige Berichte mir den letzten Schneid ab.

Schlimm genug.

Schlimmer: Jetzt haut Eure Redaktion in die gleiche Kerbe.

Sucht Ihr etwa eine perfekte Heldin?

Ich meine, wir brauchen keine Helden, wir brauchen nicht das Superweib 2018. Wenn schon Respekt vor Heldinnen, dann vor solchen, die im ganz normalen Alltag bestehen müssen, auch weil sie keine andere Wahl haben (wie die Maus in Kafkas Parabel). Ihr Leben mag kaum erwähnenswert scheinen, aber ist es deshalb unglücklich oder gar sinnlos?

Sollen wir nach den Vorstellungen der Redaktion einer Selbstoptimierung

nachjagen, die Ihr mit Glück verwechselt?

Und die zurück Bleibenden? Die Vorbilder unerreichbar und der Stein für sie zu groß, falls er sie nicht überrollt - längst überrollt hat...

Das Resultat kennen wir: The winner takes it all; denn Panem ist überall.

Auch ich bin Sisyphus. Kenne mein tägliches Scheitern und meine Grenzen.

Wie wenn ich dem Rat der Katze folgte und die Blickrichtung ändere, im aktuellen Scheitern die Chancen, sogar das Glück des nächsten Tages sehe? Oder erkenne, wie mancher, ehrgeizig nach Erfolg strebend, schließlich die Stufe der Inkompetenz erklimmt: auch eine buddhistische Weisheit.

Der Perspektivenwechsel! Er lehrt mich im Tod das Leben. Nach dem Tod des Partners mich nochmals neu zu erfinden. Er lehrt, dass die

alles versprechende neue Liebe sich im Alltag bewähren muss oder wieder vergeht. So gesehen ist das Abenteuer eines jeden Lebens eine Helden-, eine Heldinnenreise (Zugeständnis an die gendergerechte Sprache - obwohl nicht überzeugt).

Nur mit beschränkten Instinkten ausgestattet, kaum des kollektiven Unbewussten gewahr, muss unsere Spezies alle Erfahrungen neu „erfahren“, eine Erfahrung, die mir kürzlich beim Paddeln auf dem Main „widerfuhr“. Das Boot kenterte und während ich das Paddel sicherte, mich gegen die Strömung stemmte und das Boot aufzurichten suchte, wurde mir klar: Wir brauchen die Ursprüngliche, vom Wortsinn abgeleitete Erfahrung, um nicht völlig den Verlockungen der virtuellen Realität zu erliegen.

Zum Glück war das Wasser des Main nicht kalt und Kleidung zum Wechseln vorsorglich im Fass verstaut. Glück und Vorsorge als Begleiter von Lebenserfahrungen. Was brauchen wir mehr?

Sollten wir uns in einzelnen Leistungen tatsächlich über das normale Maß erheben, lasst uns nicht vergessen, auf wie vielen Schultern der Generationen vor uns und selbstverständlich vieler unbekannter Zeitgenossen und Helfer wir mit unseren Erfolgen stehen.

Ein neuer deutscher Film, In den Gängen, lehrt uns zwei Wahrheiten in aller Bescheidenheit: Es braucht nicht das Scheitern der Könige, nicht die tragische Fallhöhe der klassischen Literatur, es braucht nicht das große Unglück. Manchmal reicht bereits das Unglück der kleinen Leute, so der unbegreifliche Selbstmord des Arbeitskollegen. Soweit die pessimistische Perspektive.

Aber auch Lebensmut in einer alles andere als perfekten Welt lehrt uns der Film: Zwischen zur Vernichtung bestimmten Nahrungsmitteln (Kritik fast unter der Schwelle der Wahrnehmung) treffen sich die Arbeiter des Großmarktes zu einer Verkostung, und auf dem Klo gönnt man sich eine im Arbeitsprozess nicht vorgesehene Zigarettenpause. Wer will, wie die Liebenden der zentralen Handlung, kann sogar in einer profanen Maschine - hier einem Gabelstapler - das Meer rauschen hören. Dies Versprechen, und das ist die Botschaft des Films, gilt überall und für jeden von uns.

Im Film treffen wir auf lauter Beschreibungen von Mittelmaß in Personen und Handlung. Womit wir beim Titel meiner kleinen Streitschrift angelangt wären. Ich halte Mittelmaß für ein zu Unrecht verachtetes Wort. Es verdient die Bedeutungsverschlechterung (seit wann?)nicht, umfasst es doch die hohen Wortbedeutungen von Mitte und Maß: Mitte im Buddhismus der ruhende Punkt um den sich das Rad des Lebens dreht, auch der mittlere, zum Heil führende Weg jenseits der Extreme. Maß, mhd. maze, im Mittelalter die vorbildliche, vor allem anderen nachstrebenswerte Tugend.

Und heute? In unserer Zeit, die das Extreme liebt und sich eher mit dem Slogan -zu viel ist nicht genug- beschreiben lässt, grenzt das Wörtchen mäßig fast an Beleidigung: die mäßige Darstellung, der mäßige Autofahrer... Wir müssen uns mit dem Begriff maßvoll behelfen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Kann sein, dass mein Lob des Mittelmaßes noch nicht überzeugt. Wer will, lese ein Gedicht, das ich vor einigen Jahren schrieb:

C H E , zu finden auf meiner Website www.literaturilruff.com

Albert Camus, der von CHE, seinem Scheitern im Leben und Überleben im Gedächtnis der Völker, nichts wissen konnte – er starb zu früh -, schreibt, wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. So gesehen bin auch ich Sisyphus.



V.6 Unscharfe Erinnerungen


1. Grundschule im Kalletal vor 1953

"Ungefragt"

Zum evangelischen Religionsunterricht wanderten die drei täglich (!) ins Nachbardorf. Die meisten Schüler dort kannten sie nicht. Trotzdem fiel ihnen der Neuzugang auf: eine deutlichältere Schülerin, fast eine Erwachsene. Seltsam gekleidet, schweigsam. Den Mund machte sie nur auf, wenn sie gefragt wurde. Niemand aus der Klasse fragte sie außer der Lehrerin; denn wenn sie den Mund öffnete, sah man, dass sie keine Zähne mehr hatte. Zumindest sämtliche Vorderzähne fehlten ihr. Keiner fragte sie, aber alle hörten zu, wenn über sie gesprochen wurde. Das Wort Lager fiel, ein Lager, wo man ihr das angetan hatte. Überlegt wurde, ob es Unsere waren oder die Anderen. Mehr erfuhr sie nicht und fragte auch später nicht. Vielleicht kam es nicht darauf an, ob es Unsere waren oder die Anderen.

2. Hildesheim 1953

Ihre Familie, Vater, Mutter, die jüngere Schwester und sie wohnten im 2. Stock in einer 2,5 Zimmer-Wohnung mit Ofenheizung. Auf dem Schulweg kam sie täglich an mehrstöckigen Ziegelbauten vorbei, alle ausgebrannt, die Fensterhöhlen leer, die Räume dahinter verschwunden, nur hier und da Tapetenreste und aus einer Wand ragende Kabel. Es war normal; hier und da in der Stadt gab es weitere ausgebrannte Häuser, ausgebrannte Kirchen auch und in sich zusammen gesunkene Trümmer neben schnell hoch gezogenen Neubauten und Straßenzügen, einen ebenfalls roten zum Himmel offenen Ziegelbau, der einmal der Hildesheimer Bahnhof war. Tauben nisteten im erhaltenen Gemäuer und hinterließen überall ihren Kot. Fahrkartenschalter, Buden und kleine Geschäfte hatten im Innern wieder geöffnet. Irgendwie provisorisch wie die meisten Straßen der Stadt. In der Innenstadt waren früher Fachwerkhäuser aus dem Mittelalter gestanden, auf dem Marktplatz unter anderen das Knochenhaueramtshaus der Fleischergilde. Für viele der schönste Fachwerkbau Europas, zumindest einer der schönsten bis zum 22. März 1945. Ihr fiel auf, dass darüber nicht gesprochen wurde, als hätte es dieses Haus und viele andere nie gegeben. An seiner Stelle wurde das moderne Hotel Rose gebaut, der leere Raum um den Brunnen bot Platz für parkende Autos. Immer mehr moderne Häuser mit einander ähnelnden Fensterfronten entstanden, Kinos, Geschäfte mit bunten Auslagen und Werbung. An der Peripherie breite Straßen für den wachsenden Verkehr. Hinweisschilder wiesen jetzt dahin, wo früher das Zentrum war, nannten es City. Eine zerstörte, verstörte Stadt, die sie auf dem täglichen Schulweg erlebte. Was einmal war: vergessen, als hätte es nie existiert. Geschichte einer Verdrängung.


Wenn Menschen nicht reden, Bücher tun es. Aus Büchern las sie die entschwundene Erinnerung, bewahrte sie nach dem Wohnungswechsel in einen Vorort, nach dem Umzug in eine andere Stadt, in Studium und Beruf. Erinnerung an die hässliche Stadt ihrer Kindheit und das Verlorene.

Zum Klassentreffen Jahre später kam sie zurück nach Hildesheim, besuchte die alte Wohnung, die Ziegelbauten mit den leeren Fensterhöhlen, den Marktplatz, die Kirchen. Alles hatte sich verändert. Die Schaufenster der Ziegelbauten hinter der Bahn zeigten Ausstellungsstücke einer renommierten Möbelfirma. Hinter den Glasscheiben der oberen Stockwerke befanden sich sanierte Wohnungen; der rote Ziegelbau des alten Bahnhofs mit seinen Türmchen und Erkern war verschwunden. Abgerissen und durch einen modernen gelbgefliesten Flachbau ersetzt. Die Kirchen, einschließlich der romanischen Michaeliskirche, in der sie geheiratet hatte, schienen ihr mit jedem Jahr schöner geworden.

Keiner Entscheidung der Stadtoberen, sondern dem ständigen Erinnern und Bemühen seiner Bürger war der Wandel zu danken. Der letzte Anstoß mag nach der Sanierung des Frankfurter Römer erfolgt sein: Es war doch möglich, den Erinnerungen neues Leben einzuhauchen. Das Hotel Rose aus den fünfziger Jahren wurde abgerissen, aus dem Autostellplatz wieder der alte Markt; das neu erstandene Knochenhaueramtshaus ist zu einem Schmuckstück geraten und - oh Wunder - wer darüber spricht oder liest, könnte glauben, es sei nie fort gewesen.

Auch eine Verdrängung.

III. 1961 - 1963 in der Schneiderwerkstatt.

Wir waren zu fünft: zwei Gesellinnen und drei Stifte, wie die Lehrlinge genannt wurden. Der Arbeitstag begann um acht und endete um 16:30, inbegriffen die halbstündige Mittagspause. In der Dachgeschosswohnung mit dem größten Raum, der Werkstatt, lebte die Meisterin mit einer Tochter und ihrem Mann, einem Kunstmaler, der die Sommermonate in Südfrankreich verbrachte. Vor jeder Frankreichreise mussten wir Lehrlinge sein altersschwaches Auto anschieben, das selbsttätig nicht mehr anspringen wollte.

Eher eine magische als praktische Handlung; denn - so fragten wir uns - wie wollte er allein nach Frankreich gelangen und wieder zurück, wenn das Auto wirklich so schwach war, wie es sich bei der Abreise stellte. Verstellte. Ein ungewöhnlicher Mensch.

Die Meisterin übertraf ihren Mann an Originalität und Witz, bis auf den leichten Silberblick eine schöne Frau von südländischem Temperament, obwohl ihr Elternhaus in Halle stand. Kurz eine außergewöhnliche Person, über die ihre Angestellten sich stundenlang austauschen konnten.

Eines Tages saß eine neue Mitarbeiterin in der Werkstatt: Irma aus Ostpreußen, wo sie bis 1945 gelebt hatte. Sie sah aus wie 16, so sanft und blond und jung, war - wie sie sagte - aber schon Anfang 30. Viel mehr sagte sie nicht, erledigte ihre Arbeit ohne Kommentar, lächelte zu unseren Reden, den Temperamentsausbrüchen der Meisterin. Eines Tages war sie fort und aus einigen Andeutungen der Meisterin schlossen wir, dass Irma psychisch krank war und einen schützenden Raum gesucht hatte. Unsere Schneiderwerkstatt.

Das war's, eine kleine Geschichte ohne Anfang und Ende, mit der wir wenig anzufangen wussten.

Einige Monate später, der Winter war sehr kalt, erreicht uns die Nachricht.

Irma, die inzwischen in Hannover in einem Heim wohnte, hatte ihre Unterkunft verlassen und sich in die Leine gestürzt. Tot.

In der Zeitung stand, der Kälteschock hätte sie getötet.

Mehr wussten wir nicht von Irma, aber vielleicht reichte, was wir wussten und ahnten, sie besser zu verstehen.