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Alles gelogen (13 + 14)

13. Kapitel

Noch mehr Trümmer

und schon wieder: Das Böse ist immer und überall

Das römische Kollosseum: heute (aus der Zeitung fotografiert von Artur Schindler )

Seit gestern bin ich nicht mehr stolz; viel schlimmer, ich bin schuldbewusst und zerknirscht von Kopf bis Fuß. Es fing mit einer Meldung in den Frühnachrichten an. Da schwante mir schon Unheil, als der Sprecher was von vertauschten Schätzen in Wien und London faselte. Es kam noch dicker. Die Abendzeitungen machen mit Riesenlettern auf, vom Typ: Wer stahl die Kronjuwelen? Wer brachte sie zurück? Wer vertauschte sie? Warum? Was wollen die Diebe? Ein unheimliches Geschehen der 3. Art? Kommentatoren zitieren Kant oder Shakespeare, oder beide, die Sache mit den Dingen zwischen Himmel und Erde, die sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt.

Rechts ist, wo der Daumen links ist. Eigentlich ganz einfach. Trotzdem habe ich es wieder verwechselt.

Es ist nicht das erste Mal. Muss wohl in der Familie liegen, und Theo sagt bei solcher Gelegenheit. „Mach dir nichts draus. Passiert besonders häufig Intellektuellen - und Träumern,“ setzt er meistens nach. Die Kumpel im Verein und in der Klasse sind nicht so freundlich. "Du Idiot; den Ball nicht rechts! In die linke Torecke sollst du ihn schießen, nicht rechts, links täuschen du Hirnamputierter, nicht das Tafelbild rechts, sondern links auswischen. Aufwachen, Artur!" So und ähnlich kriege ich es ständig ab. Gut dass es auch anderen passiert, Dichtern und Weisen. Man kann darüber spotten wie Ernst Jandl (österreichischer Weiser: rings und lechts verwechsle ich nicht) oder froh sein, wenn es glimpflich ausgeht, nicht wie bei der blinden Skiläuferin, die nach den Anweisungen ihres Begleiters laufen musste, also links, rechts, geradeaus, leicht abwärts usw. usw. Ihr Begleiter verwechselte ebenfalls rechts und links. Folge: Die arme Frau fiel einen Hang hinab und verletzte sich.

Deshalb drücke ich mich, wenn verantwortungsvolle Tätigkeiten mit rechts und links verbunden sind. Und Sehbehinderten rate ich dringend von mir ab. Nehmen Sie sich einen Blindenhund, nicht mich!

Ein Gutes hat die Verwechslung samt geheimnisvoller Rückkehr. Ohne Verwechslung wäre sicher das Wachpersonal verdächtigt worden. Sofort angestellte Nachforschungen zu Querverbindungen des Personals zwischen Wien und London blieben ergebnislos. Weder Onkel oder Tante, noch Bruder und Schwester; keine E-mail-Bekanntschaften. Nichts. Das Ganze bleibt ein Rätsel, außer für Baldur und mich. Wir wissen Bescheid, Theo und Jenny natürlich auch, aber vor Baldur muss ich mich verantworten. Wie erwartet, hat er mich sofort zu sich bestellt. Die erwartete Standpauke bestand aus einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter: „Wenn ich es bedenke, hat die Verwechslung nur Vorteile. Dass es sich um die selben Täter handelte, war eh zu vermuten. Davon abgesehen ist die Verwirrung vollkommen, und an Mädels denkt sowieso niemand.“

Ich denke: Es ist wie mit unserer Stadt. Hinter dem Schleier der Anonymität lebt sich nicht schlecht. Manchmal sogar besser, als wenn einen jeder kennt.

Stonehenge: gestern

Stonehenge: heute

(aus den TV Nachrichten fotografiert von Artur Schindler )

Die Briten trifft es hart in diesem Sommer: zuerst die Aufregung um die verschwundenen Kronjuwelen, und jetzt dies:

Stonehenge existiert nicht mehr.

Drei Steinkreise, mindestens 3500 Jahre alt, english heritage, uralter Kult- und Kraftort, sogar als Observatorium hat es gedient, Stoff für Mythen und Märchen. Kennt Jeder, auch wer noch nicht da war, und seit einigen Jahren ist Stonehenge Weltkulturerbe. Vielmehr es war. Weg ist es, wie umgepustet und unter Riesenmahlsteinen zerrieben, wobei sich die Hälfte in Luft aufgelöst hat. Als hätte das Ungeheuer von Loch Ness Teile im See versenkt. Unheimlich. Ich wette, jetzt kriegt auch der letzte Zeitungsleser eine Gänsehaut. Selbst wenn sie Stonehenge rekonstruieren, was sicher geschehen wird. Es ist nicht mehr dasselbe.

Der Onkel klingt besorgt, als er mich informiert.

„Böse Sache. Und wir wissen immer noch nicht, wer dahinter steckt und was sie damit bezwecken. Politische Ziele oder einfach Zerstörung um der Zerstörung willen. Warum mussten unsere drei Damen sich ausgerechnet den Mauerspecht abnehmen lassen? Wirklich eine böse Sache. Ich überlege die ganze Zeit, wie ich die Teufelsmaschine funktionsunfähig machen kann.“

„Na, es wird dir schon gelingen, wenn nicht heute, dann später.“

„Später kann zu spät sein. Aber du hast recht, die Lösung liegt in der Zukunft. Da habe ich alle Zeit der Welt.“ Damit trennt er die Verbindung.

Theo will wissen, worüber ich mit seinem Bruder gesprochen habe. Warum? Er hat von ihm einen seltsamen Auftrag bekommen: Alle Briefkästen unserer Familie, auch den von Tante Marga, darauf kontrollieren, ob sich darin Post für Baldur befindet, und ihn sofort unterrichten.

Wenn er Post erwartet, warum lässt er sie nicht an seine eigene Adresse schicken? Sogar bei allen Postämtern unserer Stadt sollen wir uns erkundigen, ob postlagernde Sendungen für ihn eingetroffen sind. Die Sache wird immer undurchsichtiger. Warten wir ab, was als Nächstes kommt.

Als Nächstes trifft es den Pont du Gard bei Nimes. 2000 Jahre weg gefegt in einer einzigen Nacht. Nur gut, dass ich letzten Sommer noch rüber gelaufen bin. Jetzt ist es zu spät, am Boden ein kleiner Trümmerhaufen höchstens 20% vom römischen Aquädukt, der gestern noch stand. Der Rest in Luft aufgelöst. Das ist der rätselhafte Schwund, wie vorher in Stonehenge, davor am Hermannsdenkmal und in Nürnberg. Eine Rekonstruktion wenig wahrscheinlich.

In den folgenden Tagen zieht sich eine Spur der Verwüstung durch Europa, ein unsichtbares Monster, das Kunstschätze frisst: In Frankreich wird der Mont Saint Michel pulverisiert; ehe sich die Welt vom Schrecken erholt hat, schlägt das Monster in Madrid zu. Der Prado mit seinen unersetzlichen Kunstschätzen war einmal, einen Tag später in Südspanien die Alhambra und Stunden später die ehemalige Moschee von Cordoba. „Und wir hatten geglaubt, soviel Schönheit sei unvergänglich“, Theos bittere Bemerkung dazu. In Portugal folgt die berühmte Bibliothek der Universität von Coimbra. Danach vier Tage Pause. Die europäischen Staatschefs, Präsidenten, Kanzler und Minister treffen sich zu hektischen Konferenzen, machen Vorschläge zu Flugverkehr und Grenzkontrollen, können sich nicht einigen. In den Medien überschlagen sich die Schlagzeilen. Wo ist das nächste Opfer? Ein von der Mafia - von wem sonst - gesteuertes Wettbüro nimmt Wetten an. Jenny: „Diejenigen von euch, die wagen, da mit zu bieten, hängen Theo und ich eigenhändig am nächsten Baum auf und verkaufen sie nächstes Jahr als Dörrfleisch. Wohlgemerkt, aufgehängt an den Haaren wie der biblische Absalom. Der hat es bekanntlich auch nicht überlebt“.

Das nächste Ziel? Wir haben es geahnt und gefürchtet. Sie sind in Sizilien gelandet, zertrümmern den Normannendom von Cefalu, setzen über nach Italien, verwandeln Teile des römische Kollosseums in einen Haufen Steine, Staub und Nichts.

„Sicher ein Bau mit grausamer Geschichte, Gladiatorenkämpfe, Tausende Menschen und Tiere in der großen Arena zu Tode gequält. Aber kann der Bau was dafür?“ soweit Theo mit betrübter Miene. Er sieht die Wunderwerke der Antike - Leidenschaft seines Lebens - sich buchstäblich in Nichts auflösen.

An den Grenzen werden die Kontrollen verstärkt, Bürgerwehren bewachen rund um die Uhr wichtige Kulturdenkmäler.

Nur: Welches sind die wichtigsten, die wertvollsten Kulturdenkmäler? Gehören Triumphbögen dazu? Kriegerdenkmäler? Festungen? Alle Paläste und Protzbauten von Diktatoren? Friedhöfe? Ach ja, einige Friedhöfe haben sie auch platt gemacht, darunter Père Lachaise am Montmartre und den Wiener Waldfriedhof. Friedhöfe mit jeder Menge Prominentengräber: Komponisten, Dichter, Maler, Rockstars, ich sage nur Jim Morrison! Lauter bedeutende Leute.

„So zerstört man Geschichte“, sagt Theo, „und die Erinnerung daran. Leider kein neues Verfahren, was diese Barbaren da treiben: die Erinnerung mit den Gräbern, historischen Bauten, ganzen Städten verschwinden lassen, denk nur an das mexikanische Tenochtitlan. Die spanischen Eroberer haben die Stadt für ihre Schönheit bewundert und dann zerstört. Wie du siehst, schützt Schönheit nicht unbedingt; denk an Warschau und das russische Sankt Petersburg. Beide sollten nach Hitlers Willen für immer vom Erdboden verschwinden. Hat zum Glück nicht geklappt, die eine von seinen stolzen Bewohnern wieder aufgebaut, die andere nicht erobert. Ganze Volksgruppen kann es treffen, auch Herrscher, wenn es den Nachfolgern auf dem Thron nicht passt - denk an die ägyptische Hatschepsut. Nicht auszudenken, wenn das so weiter ginge. Der GAU unseres Weltkulturerbes.“

GAU? Sagt man das nicht bei den großen atomaren Katastrophen wie Tschernobyl, wo der Reaktor geschmolzen ist? Größter anzunehmender Unfall. Die ultimative Katastrophe. Ich finde, es passt auch zu diesen Kulturvandalen. Wie die Faust aufs Auge, würde Jenny sagen.

Seit kurzem herrscht absolutes Fotografierverbot um alles, was das Fotografieren lohnt, und das weltweit. Wer's trotzdem probiert, verliert seine Kamera und alles, was danach aussieht. Natürlich auch Handys, Smartfons und dergleichen, kurz alles, womit man Gegenstände ablichten kann. Die Hersteller dürfen nur noch Geräte ohne Fotografierfunktion ausliefern. Ein schwerer Schlag für den Tourismus: wer will schon verreisen, wenn er sein Urlaubsziel nicht ablichten kann?

14. Kapitel

Oh Mädchen Mädchen wie lieb ich dich, wie glänzt dein Auge wie liebst du mich

aus Goethes Mailied

Was ich darüber denke?

vor einem halben Jahr fack yu göthe – und jetzt?

Ich weiß nicht, was mit mir los ist...

Die letzten Schultage vor den Sommerferien sind angebrochen. Ich vergesse die Katastrophen, bin jeden Nachmittag im Schwimmbad. Es ist wie mit einem Erdbeben irgendwo auf der Welt. Wir sehen die Bilder, denken an die Opfer, die Zerstörungen, sind traurig und gleichzeitig erleichtert, dass es uns nicht trifft – gehen ins Schwimmbad, machen eine Fahrradtour, albern mit Freunden. Der Onkel hat mich bei unserem letzten Gespräch nach Ägypen eingeladen, dann nichts mehr von sich hören lassen...

Was macht Baldur Schindler in diesen Tagen?

Theo weiß nur etwas von einer Reise nach Paris, wo er eine neue Erfindung vorstellen wollte. Muss sehr wichtig sein; denn meine Kontaktversuche laufen ins Leere.

Sicher ist der Onkel todunglücklich, dass sein Mauerspecht in die falschen Hände gefallen ist. Ebenso sicher grübelt er über eine Lösung. Dem Dieb das Gerät entreißen. Nur wie? Wir kennen ihn nicht einmal, und die Beschreibung durch die drei Ladys war zu ungenau. Vor der Drohung mit dem Revolver sind sie wohl in Schockstarre gefallen: ein black-out.

Wie den Mauerspecht unschädlich machen, wo er sich nicht einmal von uns orten lässt? Ein Fehler bei seinem ersten Prototyp, den Baldur sicher schwer bereut. Oder sollen wir das Pferd von hinten aufzäumen, also die Zielobjekte unangreifbar machen?

Nur wie?

Vielleicht mit einer Hülle, die keine Hyperenergie durchlässt.

Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. An Baldurs Stelle würde ich so etwas erfinden.

Ein letztes Mal versuche ich ihn zu erreichen – und habe Erfolg. Der Onkel ist bester Laune. Hat seine jüngste Erfindung für eine sagenhafte Summe verkauft. Als stiller Teilhaber mit Gewinnbeteiligung.

„Die Produktion läuft in Kürze an; denn die Welt wird uns das Produkt aus den Händen reißen“, sagt er.

Welche Erfindung? Welches Produkt?

„Eine durchsichtige Schutzschicht für alle gefährdeten Objekte, wird von Flugzeugen aus versprüht, bei kleineren Gegenständen als Spray aufgetragen, so wie ein Imprägnierungsspray aus der Dose. Wir werden es in Ägypten testen. Was sagst du dazu?“

Gar nichts sage ich. Meine Idee! Gedankenübertragung ist ein in unserer Familie verbreitetes System.

Was sagt Jenny, als ich ihr von Baldurs Profitaussichten erzähle? Eine ganze Menge.

Zuerst: „ Der Teufel scheißt auf den größten Haufen.“ und: „Ist das gerecht? Erst lässt er zu, dass mit seiner Erfindung Unheil in die Welt kommt, dann verdient er sich mit dem Gegenmittel eine goldene Nase. Nein das ist nicht gerecht.“ Geht zur Tür, und wird sie gleich heftig nach Jenny-Art ins Schloss fallen lassen. Schon halb raus aus dem Raum dreht sie sich nochmal um, wirft mir einen pfeilgeraden Blick zu. Argwöhnisch. „Was hast du gesagt? Ägypten? Baldurs Testprogramm und du dabei? Wohl auch nach Assuan zur Mondprinzessin?? Antworte! Gesteh!“

Sie wirft mir einen zweiten Blick zu, diesmal eher besorgt, und weil ich weder antworte, noch irgendwas gestehe, schließt sie die Tür hinter sich, leise und nachdenklich; lässt sie diesmal nicht ins Schloss fallen.

Auch ein starker Abgang. So ist meine Mutter: lässt sich von niemand ein X für ein U vormachen. Auch nicht von mir. Ich liebe sie.

Die Mondprinzessin. In dieser Nacht träume ich von ihr. Wie im Frühjahr, als sie auf der Terrasse tanzte, tanzt sie vor mir, wiegt sich im Klang einer orientalischen Melodie. Wie damals steht der ägyptische Mond hoch über ihr, umhüllt silbern ihre Gestalt.

Wie damals wirft sie ihren Kopf mit den langen dunklen Haaren zurück, hebt beide Arme empor zum Mond wie zu einem Geliebten.

Aber ich bin ihr Geliebter. Mir soll sie ihr Gesicht zuwenden. Mich soll sie umarmen. Und wirklich, lächelnd mit geschlossenen Augen wendet sie sich zu mir, als würde sie zusammen mit mir träumen, was ich träume. Ihr schlafendes Gesicht nimmt mich gefangen. So gefangen, dass ich nicht bemerke, wie der Mond sich herab senkt, größer wird, immer größer, bis er sie ganz umschließt.

Und dann nimmt er sie mit sich fort.

Im letzter Sekunde hat sie die Augen geöffnet, streckt eine Hand zu mir, wie Hilfe suchend, öffnet den Mund. Doch kein Laut dringt zu mir. Im luftleeren Raum kann sich der Schall nicht fortpflanzen. Wie ein eifersüchtiger Liebhaber hält der Mond sie umfangen, steigt auf, wird kleiner, bis ich sie nicht mehr in seiner Umarmung wahrnehmen kann. Schweigend, zur Scheibe geworden schwimmt er über der ägyptischen Landschaft.

Der Platz vor mir ist leer.

Mit einem Seufzer erwache ich und weiß. Ich liebe nicht nur meine Mutter.

Überhaupt, habe ich jemals so von meiner Mutter geträumt?

Briefwechsel

Assuan, im August

Janina, meine Liebste,

Seit einer Woche ertragen wir die ägyptische Sommerhitze und vermissen Dich. Aber was tut man nicht alles zur Rettung des Weltkulturerbes? Darum zuerst Ägypten; das Land verdient wahrhaftig einen der ersten Plätze im Rettungsboot. Wie bereits daheim angedeutet, fahren wir zweigleisig: Zusammen mit ägyptischen Wissenschaftlern nehme ich die Artefakte mit unserem 3D-Scanner auf, während Baldur und Artur ihre bekannten Ziele verfolgen. Wie Baldur mir etwas von oben herab erklärte: Ihr schafft virtuelle Abbilder, nicht schlecht für den Anfang, vor allem wenn es gilt, zerstörte Bauten zu rekonstruieren. Anders wir! Wir schützen die Objekte vor jeder Attacke aus dem Hyperraum, gleichzeitig erschaffen wir das Original neu - sicher ist sicher - und retten es für die Nachwelt, falls mein Schutzschirm wider Erwarten nicht hält.

Nun zu Artur. Der Junge macht mir Sorgen. Dass man sich in seinem Alter verknallt, ist normal. Meistens Strohfeuer, verlöschen so schnell wie sie aufflammen. Davon bin ich bei unserem ersten Besuch ausgegangen. Janina, liebste Jenny, wir haben uns leider geirrt. Die Trennung, gleich nachdem er für sie entflammt war, der E-mailverkehr aus der Ferne haben zu einem Flächenbrand geführt. Da wächst die Liebe, ohne sich der Wirklichkeit stellen zu müssen. Der Junge unterstützt Baldur gewissenhaft bei seiner Arbeit, aber in jeder freien Minute sucht er Renatas Nähe, schleicht um sie herum wie ein verliebter Kater, wann immer wir zurück sind von den Tempelanlagen. Verschlingt sie förmlich mit den Augen.

Ich hatte gehofft, seine Begeisterung würde sich abkühlen, wenn er öfter ihre Schwächeanfälle und Marotten erlebt. Aber was geschieht?

Sie zieht ihn immer stärker in ihren Bann, ohne selbst aktiv zu werden. Ich weiß nicht einmal, was sie denkt, wie sie die Sache aufnimmt. Eine erwachsene Frau von 25. Ich würde mir Artur gerne vorknöpfen und ihn vor einer Verbindung mit dem seltsamen Geschöpf warnen. Aber welcher verliebte Sohn hätte schon auf Ratschläge seiner Eltern gehört. Mit ihr reden? Vor offenen Worten scheue ich zurück, wenn ich sie vor mir sehe. So fragil und schutzbedürftig. Vielleicht mache ich mir auch umsonst Sorgen; denn Baldur hat besondere Pläne, was ihre Gesundheit betrifft. Er will mit ihr nach Amerika fliegen und sie befreundeten Ärzten in der Mayo-Klinik vorstellen. Gleich in den nächsten Tagen, und wir sollen ihn begleiten. Du kennst deinen Schwager, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Flugtickets für Artur und mich buchen, ohne uns zu fragen, uns vor vollendete Tatsachen stellen, das sieht meinem Bruder ähnlich. Nur darum hat er uns in den ägyptischen Brutofen gelockt, ausgerechnet im August. Aber Renata braucht Wärme, wo immer sie lebt. Es scheint, Deutschland kann ihr das nicht geben. Vielleicht die USA im Sommer. Damit komme ich auf Baldurs Pläne zurück, seine Kontakte zur Mayo-Klinik. Das Ganze garniert er mit geheimnisvollen Andeutungen: Sein letzter Versuch. Wenn auch das ihr nicht die Gesundheit zurück bringe, werde er es auf seine Weise probieren. Dass Artur Feuer und Flamme ist, kannst Du Dir vorstellen, und ich werde den Verdacht nicht los, mein Bruder hat ihn längst eingeweiht. Während Renata in der Klinik durchgetestet wird und womöglich einer Heilbehandlung unterworfen, sollen wir beide Baldur bei seinen Rettungsaktionen unterstützen. Baldur, der Lichtbringer. Er ist ein Besessener. In diesem Monat plant er den Süden der USA: Pueblos der Navajokulturen, Bauten aus der spanischen Zeit, und natürlich San Francisco. Auch wenn die anonymen Zerstörer die Stadt verschonen sollten, das nächste Erdbeben ist unausweichlich, nur Tag und Stunde stehen noch nicht fest. Gerade höre ich von einem weiteren Anschlag in Europa. In der Petersburger Eremitage wurden die Säle mit klassischer Moderne zerstört. All die französischen Impressionisten. Welch ein Verlust für die Welt. Ich kann es nicht fassen. Unter den Schreckensmeldungen der letzten Tage ging der Verlust der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen fast unter. Für mich nicht. Es berührt mich als weiteres Indiz: Jeder Angriff trifft ein kulturelles Symbol. Mit der kleinen Meerjungfrau wollen sie die Märchen von Hans Christian Andersen ins Vergessen schicken.

Ach, Liebste, da versuchen wir Archäologen das historische Erbe vor Grabräubern und Naturgewalten zu retten und müssen immer wieder erleben, wie blinde Fanatiker zerschlagen, was wir der Menschheit unter großen Mühen zurück gegeben haben. Ich begreife es nicht.

Baldur hat sich viel vorgenommen, bevor für Artur die Schule wieder beginnt: Mexiko auf den Spuren der Azteken, die Pyramiden von Teotihuacan und in der Hauptstadt ins Museo Nacional de Anthropologia: Bestandsaufnahme und Bewahrung der kostbaren Originale. Du weißt Bescheid.

Danach Yucatan, Belize und Guatemala: zu den Pyramiden und Tempeln der Mayas. Das ganze Rettungsprogramm in vier Wochen. Ach ja. Er bittet Dich, Benni und Isa in Frankfurt abzuholen. Es sei denn wir machen gemeinsam Amerika unsicher. Mieten einen Wohnwagen und besuchen einige Nationalparks im Westen, sofern mein Bruder uns frei gibt und sein Programm es erlaubt. Er will keine Zeit verlieren. Benni ist uns hier in Ägypten eine große Hilfe, wo immer es um die Lösung technischer Probleme geht, aber sonst anstrengend. Isa begeistert sich für ägyptische Kunst und Mythologie, studiert die Bildbände aus Baldurs Bibliothek und macht sich laufend Notizen. Es sieht aus, als wolle sie in meine Fußstapfen treten. Immerhin: Die ägyptischen Schätze haben wir im Kasten.

Darum, Liebste, komm mit uns nach Amerika.

Dein Theo, der Dich sehr vermisst.

Da bin ich wieder. Ich, Artur und habe alles gelesen.

Ja, ja, ich weiß, das gehört sich nicht, anderer Leute Post auszuspionieren, auch nicht die der eigenen Eltern. Warum hat Theo seinen Laptop auch nicht ausgeschaltet?

Natürlich war ich neugierig. Wollte wissen, ob er gespannt hat, dass ich Basti liebe. Basti, so nenne ich sie, und sie findet es gut. Sagt jedenfalls nichts dagegen. Gestern hatte sie eine wunderschöne Zeichnung auf den Händen, mit Henna gemalt, wie es ägyptische Frauen lieben. Gelegenheit ihre Hand in meine zu nehmen und die Muster ausführlich zu bewundern. Sie ließ es sich gefallen, erklärte mir sogar die Bedeutung der Muster. Ach Basti, wegen mir könntest du am ganzen Körper bemalt sein und mir die Bedeutung erklären. Wie würde ich sie bewundern. Naja. Jenny hätte mich jetzt gerüffelt, wenn sie Gedanken lesen könnte, weil die Fantasie mal wieder mit mir durchgegangen ist.

„He, Artur, was starrst du Löcher in die Luft? Woran denkst du? Doch nicht an die Mondprinzessin?“ Ertappt und das von der eigenen Schwester. Isa tippt sich an die Stirn, grinst dazu, als wüsste sie genau, was sich hinter meiner Stirn abspielt – und weg ist sie, bevor ich sie mir schnappen und ihr die Hand umdrehen kann. Singt im Rausgehn laut und misstönend: „Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht.“ Gedankenlesen scheint sich in unserer Familie zu vererben. Nur gut, das ich Theos Mail-Konto geschlossen habe. Sie würde sicher seine Botschaft lesen wollen. Wie Schwestern so sind: mehr Neugier als Charakter.

Da ist sie schon wieder, die Türklinke in der Hand und mit dem gleichen tückischen Gesichtsausdruck: "Was ich dich schon länger fragen wollte. Irgendjemand klaut von meiner Gesichtscreme, du weißt schon, die gegen unreinen Teint. Will dieser Jemand der Mondprinzessin gefallen?" Bevor mein Federmäppchen ihr vorlautes Mundwerk trifft, schließt sich die Tür hinter ihr.

Ach ja. Mondprinzession – so sagen alle in der Familie, seit Jenny den Namen erfunden hat. Ob Basti es weiß? Wenn nicht, muss ich es ihr sagen. Klingt wunderschön, finde ich. Oder?

*

Jenny hat entschieden Wir fliegen in die Vereinigten Staaten, genauer nach Rochester, Minnesota, wo sich die Mayo Klinik befindet. Und wenn ich sage wir meine ich wir alle: Baldur und Renata, Theo, Jenny, Isa, Benni und ich. Wegen Renata fliegen wir in der 1. Klasse und fühlen uns wie die arabischen Scheichs. Da reist der ganze Harem mit, wenn es zur Einkaufstour nach London geht oder zur Behandlung in eine teure Privatklinik. Wow. In Frankfurt großes Wiedersehen mit Jenny, bevor es weiter geht über den Atlantik. Jenny verbreitet mit launigen Sprüchen gute Stimmung und hakt sich bei Theo ein, wann immer sie ihn zu fassen kriegt. Nicht auszudenken, sie wäre mit Isa und Benni in Europa zurück geblieben. Und Renata? Das zweimalige Umsteigen hat sie gut gepackt, will nichts vom Rollstuhl wissen, den ihr die Flugbegleiter angeboten haben. Sie lächelt mir zu, sobald ich sie anschaue. Es kann kein Zufall sein. Schade, dass wir keine Plätze nebeneinander haben. Immer sitzt jemand zwischen uns. Entweder Isa oder Jenny. Das muss Absicht sein. Im Sommer ist es in Minnesota fast so heiß wie in Ägypten, sicher der Hauptgrund, warum die Mondprinzessin sich auf das Unternehmen eingelassen hat. Hoffen wir, dass es keine Enttäuschung gibt.

Gleich am nächsten Tag nach unserer Ankunft in Rochester soll sie sich in der Klinik zu ersten Untersuchungen vorstellen, dann kriege ich sie bis zum Ende der Ferien nicht mehr zu sehen. Muss sein. Baldurs Pläne für die USA und Mexiko dulden keinen Aufschub.

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