Alles gelogen I. von Stein und Eisen (19)


19. Kapitel

1. Alles was entsteht, verdient, dass es zugrunde geht. Drum besser wär's, dass nichts entstünde.

Mephisto Faust I

aus dem Literaturunterricht ( klassisch dramatisch):

2. Nochmal: Das Böse ist immer und überall

aus der Disco (lyrisch modern )

„Da hat sich der gute Baldur mit seinem Sicherheitstick selbst ans Bein gepisst“, Jennys Kommentar am Abend. Wir müssen ihr die ganze Geschichte haarklein berichten.

Von den Bildern der Überwachungskamera: der Onkel mit seinen Entführern, er wie betrunken, dazu der lausige Gesang. In manchen Ländern hätte man ihn dafür eingesperrt. Meint Jenny.

Davon, wie er die Sicherheitssysteme ausschaltete und mit den Entführern, „seinen Freunden,“ im Haus verschwand.

Von den scheinbar unberührten Räumen und unserem Schrecken, als wir den Diebstahl bemerkten. Ausgerechnet der Dublikator!

Davon, wie die Drei nach einer Stunde - den Onkel in der Mitte und mit einem Koffer - das Haus wieder verließen.

„Eine ganze Stunde im Haus. Warum so lange, wo sonst nichts fehlt?“

„Das haben wir Onkel Baldur auch gefragt. Er kann sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern, so breit war er. Aber er glaubt, dass er denen erklärt hat, wie der Apparat funktioniert und schimpft sich selbst ein Riesenross.“

„Warum haben sie ihn nicht im Haus zurück gelassen, gefesselt und geknebelt, wie Einbrecher das so machen, und sind stiften gegangen?“

„Haben wir Onkel Baldur auch gefragt. Er sagt, das Haus hätte sie gehindert, so wie der Schäferhund von Schmidts nebenan. Der lässt Fremde auch nicht mehr raus, wenn Herrchen nicht willl. “

Hat sein Sohn erst vorige Woche demonstriert. Mann, hatte ich Angst, als der Hund sich vor mir aufbaute, die Zähne fletschte und mich anknurrte. Erst als es hieß: „Bruno, Platz!“, ließ er mich vorbei. Mit so einem Köter lässt sich natürlich prächtig angeben. Da kommt Kater Onyx nicht mit, und über das Schild an unserem Gartentor: Achtung! Beherzte Katze lachen sogar die Mäuse. Trotzdem möchte ich nicht mit Schmidts tauschen.

Jenny bedauert den Onkel, meint dass er einen Riesenbock geschossen hat, an dem wir uns noch alle die Zähne ausbeißen werden, macht sich aber größere Sorgen um Benni. „Seht nur, was er gemacht hat! Die schöne Armbanduhr, auf die er so stolz war.“ Seine Digitaluhr mit allem Drum und Dran: Zeit, Sonnen- und Mondstand, Temperatur. „Wahrscheinlich misst sie auch den Eisprung“, Baldurs süffisante Bemerkung, worauf Benni verständnislos gegafft hat. Die Uhr war sein Geburtstagsgeschenk, mit Betonung auf war. Jetzt ist sie kaputt, so kaputt, als hätte der Märzhase aus Alice im Wunderland sie bearbeitet.

„Wie hat er das geschafft?“

„Damit!“

Sie legt den Hammer zur kaputten Uhr.

„Morgen früh bringe ich ihn in die Klinik.“

Theo und ich sehen uns an, haben den gleichen Gedanken:

Amerika, der seltsame Amerikaner mit den Zwangsvorstellungen. Benni hatte einen Narren an ihm gefressen, war ihm nach gelaufen wie ein Hündchen.

„Ob das ansteckend ist?“ fragen wir beide zur gleichen Zeit. Wirkt komisch, aber uns ist nicht zum Lachen zumute.

Theo hat am gleichen Abend seinen Arztfreund an der Mayoklinik verständigt. Vielleicht weiß man dort schon mehr über die unheimliche Krankheit. Es handelt sich um eine Krankheit, das ist sicher. Bombensicher.

Seit einer Woche wird Benni in der Klinik durchgetestet, und seit einer Woche ist überall der Teufel los. Typisch, dass sich die Ereignisse immer überstürzen müssen. Zuerst zu Benni. Als sie ihn röntgen wollten, rastete er aus, wollte absolut nicht in die Röhre. Sie mussten ihn betäuben. Dann gab es wirklich etwas in seinem Kopf, was die Ärzte stutzig machte, kaum zu erkennen. Die Weißkittel diskutieren seitdem darüber, und auf Theos Wunsch haben sie die Bilder auch nach Rochester geschickt. Vielleicht Borrelien, oder eine Gehirnentzündung sagt Isa. Sie hat in der Apothekenzeitung einen Bericht über Zecken gelesen und welche gefährlichen Krankheiten die verbreiten können. „Da muss man das Rückenmark punktieren, um ganz sicher zu gehen.“

Das gleiche haben sie in der Klinik gesagt, und darum wurde heute Bennis Rückenmark punktiert. Im Rückenmark ist auch Gehirnflüssigkeit, und die ziehen sie mit einer Riesennadel raus. Jenny war ziemlich mitgenommen davon. „Der arme Junge“. Manchmal ist sie doch ein richtiges Muttertier. Kaum zu glauben.

In Bennis Rückenmark lebt wirklich etwas Ähnliches wie Borrelien; aber was es ist, wissen die Ärzte noch nicht und vergleichen es mit den Proben anderer Wutpatienten. Überall ist der Teufel los; denn teuflisch finden wir, was rundum passiert. Nicht nur in Deutschland oder Europa. Nein, es passiert auf der ganzen Welt, rund um den Erdball, und Protector - so heißt Onkel Baldurs Firma jetzt – kommt mit dem Versiegeln kaum mehr nach. Ein weltweiter Ausnahmezustand.

Die Attacken auf europäische Denkmäler und Kunstschätze gehen unvermindert weiter: Die belgische Hauptstadt Brüssel und das wunderschöne Brügge sehen aus wie nach einem Angriff von Aliens. Zwischen den Trümmern ragen einige Gebäude, wie aus Versehen oder durch Protector geschützt. Die Alienthese wird ernsthaft diskutiert. Eroberer von einem fremden Planeten. Warum nicht? „Wir hätten es verdient, sie würden nur zerstören, was wir nach Palmyra und Aleppo selbst noch nicht geschafft haben“, sagt der Onkel und zitiert seinen Lieblingsphilosophen Nietzsche:

Die Erde hat eine Haut, und diese Haut hat Krankheiten. Eine dieser Krankheiten heißt Mensch.

Kennen wir. Aber seit ihm Jenny einmal gehörig den Kopf gewaschen hat. Von wegen nur böse. Der Mensch sei gut und böse, und es liege an uns, was überwiegt. Seitdem sagt er es nicht mehr in ihrer Gegenwart.

Ähnlich schlimm wie in Brüssel sieht es in Paris aus: die berühmte Avenue Haussmann ist ein Trümmerfeld. Es reicht eben nicht, einige markante Gebäude zu schützen. Da wirken die Trümmer ringsum noch schrecklicher. Schlimmer als Counterstrike. „Das ist wie im Sozialismus“, sagt Theo. Da hat das Geld auch nicht zum Schutz der Altstädte gereicht. Vielleicht solltest du Protector verschenken, vor allem für den Einsatz in ärmeren Ländern. Der Onkel verzieht für einen Augenblick das Gesicht. Die Idee scheint ihm nicht zu behagen, als hätte jemand vorgeschlagen, Impfstoff für Afrika umsonst zu verteilen. Dann lacht er. „Wir gehen in die Massenfertigung. Damit kann ich Protector günstiger anbieten. Am Großeinsatz für ganze Stadtviertel arbeiten wir bereits. Es wird ein Wettlauf zwischen den Kräften der Zerstörung und den Kräften der Bewahrung.“

Wie wahr!

In Europa bleibt keine größere Stadt ohne Schäden, und Europa macht nur den Anfang. Ein Epidemiefachmann würde sagen: „Die ganze Welt ist infiziert.“

Versailles konnten wir dank Protector rechtzeitig retten, die Sixtinische Kapelle und Edinburgh Castle auch, dank einer internationalen Spezialeinheit, die mehrere Verdächtige festnahm. Ebenso den Krakauer Wawel und den wieder erstandenen Marktplatz von Breslau, heute Wroclaw. In Asien und Afrika konzentriert sich Baldurs Firma auf die markanten Bauwerke, das Bardo Museum in Tunis, der Jerusalemer Felsendom und die Grabeskirche, der Potala in Tibets Hauptstadt Lhasa, Borobudur auf Java, das kambodschanische Angkor Wat, die Shwedagar Pagode in Myanmars Hauptstadt Yangon. Zu den Erfolgsmeldungen kommen täglich neue Zerstörungen. Die Liste wird immer länger: ob das persische Persepolis, die Ghats von Varanashi, die chinesische große Mauer, Pekings verbotene Stadt, die Terra Cotta Krieger von X'Ian: alles kaputt. Die japanische Kaiserstadt Kioto: 1945 vor der Atombombe bewahrt, jetzt großenteils zerstört. Immerhin verbuchen die Greifer erste Erfolge. So nennen sich die Mitglieder der internationalen Polizeitruppe, die sich auf die Jagd nach den Urhebern all dieser Zerstörungen konzentriert haben. Wer allerdings gehofft hatte, damit einen entscheidenden Schritt weiter zu sein, sieht sich getäuscht. Die auf frischer Tat Ertappten reagieren geistig verwirrt, obwohl die meisten zur technische Intelligenz mit entsprechend hohem IQ gehören. In ihren Hirnen finden die Ärzte ähnliche Veränderungen wie bei Benni. "Erstaunlich viele Ingenieure und Professoren unter diesen Idioten",kann Jenny sich nicht verkneifen. Mir schwirrt der Kopf über den täglichen Hiobsbotschaften im Fernsehen. Das Wehgeschrei ist groß.

„Typisch“, sagt Theo, „Vieles lernt man erst schätzen, wenn es verloren ist.“

Jetzt rufen alle nach Schutzmaßnahmen für ihre Schätze, auch die, von denen bisher zu hören war: „Ist alles halb so schlimm“, oder „Es gibt genug von dem alten Gemäuer, nicht alles ist erhaltenswert“ oder „Im Laufe der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Zerstörungen. Was lohnt, bauen wir wieder auf; die Asiaten machen seit Jahrhunderten nichts anderes. Erneuern ihre hölzernen Tempel alle 80 Jahre“, oder „Geht sowieso alles den Bach runter“ und „Die Archäologen wollen schließlich auch was zu tun haben, wenn sie später die Reste ausgraben: Scherben zusammenkitten und so.“ Natürlich zum Entsetzen Theos. Was die Rettung von historischem Erbe betrifft, ist er voll und ganz auf Baldurs Linie.

Wie gut, dass unsere Stadt geschützt ist. Baldur hat sich nicht lumpen lassen und über seine Firma buchstäblich alles versiegelt: Straßenzüge mit Kirchen, Palästen, Museen, Schulen und Büros, Sporthallen, Kliniken, Wohnhäusern und Einkaufszentren, Kinos Messehallen, sämtlichen Brücken, den Bahnhof, die alte Mälzerei und was weiß ich noch. Alles ohne einen Cent zu verlangen. Übrigens eine sauschwere Arbeit, zu der er auch die Familie eingespannt hat. Natürlich ohne uns einen Cent zu bezahlen. „Das muss euch eure Stadt wert sein“, sein Kommentar, als wir uns beschweren wollten.

Dabei hätte er uns locker auszahlen können von dem Heidengeld, das ihm allein der Schutz des Bury al Arab und der großen Moschee von Abu Dhabi eingebracht hat.

Wahrscheinlich verstand er es als Charakterprüfung, und ehrlich, die beiden Brüder, also Theo und Baldur, arbeiten rund um die Uhr, reisen zu Mitarbeiterkonferenzen, werben Freiwillige und gut bezahlte Spezialisten an, alles für die Rettung der Welt, wie wir sie kennen.

Jenny schüttelt den Kopf, wenn Isa und ich sie bitten, uns krank zu schreiben, damit wir noch mehr helfen können. „Einer muss ja bei euch bleiben, damit ihr keine Dummheiten anstellt,“ sagt sie, „von wegen Schule schwänzen“, und seufzt entsagungsvoll. Kein Wunder. Sie würde sich liebend gern allen Hilfstruppen auf einmal anschließen.

Jeden Tag besuchen wir Benni in der Klinik, obwohl der nichts von uns wissen will. Das heißt wir wechseln uns ab; denn Spaß macht es nicht, aufs Rüdeste von ihm beschimpft zu werden. Theo und Jenny sind ihm schnurz, und wenn Isa und ich zur Tür herein schauen, schreit er gleich los: „Haut ab“, oder „zieht Leine“. Die Ärzte und Pfleger wissen nicht, was sie davon halten sollen. Fernsehen darf er nicht, nachdem er mit Gegenständen nach dem Apparat im Gemeinschaftszimmer geworfen hat, und selbst harmlose Bücher sind vor seine Zerstörungswut nicht sicher. Am besten wäre es, ihn in einen Heilschlaf zu versetzen nach dem Motto „Wer schläft, sündigt nicht.“ Nur den Onkel will er unbedingt sehen, fragt täglich nach ihm und ist am Boden zerstört, weil Baldur jeden Besuch kategorisch ablehnt. Als hätte er Angst vor Klinikkeimen.

Baldur hat sich zwei Tage nicht blicken lassen, bis heute Morgen. Schaut übernächtigt. Ungebügelt. Knallt mir einen zwei Meter langen Bogen Papier auf den Tisch, wo ich vor meinem Frühstücksmüsli sitze.

„Du bist für einen Tag in der Schule entschuldigt. Die Sache duldet keinen Aufschub!“ Und weil ich begriffsstutzig glotze. „Der Anhang zu den neuesten Nachrichten. Extra für dich ausgedruckt. Also spute dich, bevor es alle Hirne erwischt! Wir haben es mit einer welt umspannenden Pandemie zu tun, eine neue Form von Demenz, die uns alle bedroht. Sie erwischt vor allem die Zerstörer von Denkmälern technischen Anlagen und kulturellen Einrichtungen. Oder hörst du keine Nachrichten.“ Natürlich höre ich die Nachrichten und weiß Bescheid über die neue Bedrohung. Die Krankheit verläuft immer nach dem gleichen Muster. Zuerst fallen diese Terroristen durch erhöhte Aggressivität und leichtsinnige Aktionen auf, als legten sie es darauf an, geschnappt zu werden. Unter ärztlicher Überwachung werden sie teilnahmslos, um nicht zu sagen stumpfsinnig. Anders kann man es nicht nennen, wenn sie stur an die Decke starren, mit niemandem reden wollen. Tja, und danach verblöden sie. Eine Art Alzheimer im Zeitraffer. Kein Wunder, dass meine Dienste als Profiler dringend gebraucht werden.

„Sortiere die Zielobjekte und suche Gemeinsamkeiten, sozusagen den kleinsten gemeinsamen Nenner,“ befiehlt der Onkel, „vielleicht bringt uns das weiter, und wir erkennen, wo wir zugreifen müssen. Bis morgen Mittag erwarte ich Ergebnisse. Die Pflicht ruft.“ Sagt es und ist schon wieder zur Tür hinaus. Isa schnüffelt mit gekrauster Nase in die Richtung, wo unser Onkel eben noch stand.

„Ich finde, er stinkt. Hat wohl einen Ziegenbock unter den Achseln.“ „Einen? Ich rieche eine ganze Herde.“ Das war Jenny. Und was sagt Theo, der Friedensstifter? „Meine Damen, bevor wir einen Menschen kritisieren, müssen wir ihm eine Chance geben. Mein Bruder ist fast zwei Tage nicht zum Schlafen gekommen, und jetzt will er heimfahren, duschen und sich ein Stündchen aufs Ohr legen. Okay?“

Was wiegt ein Tag Schule gegen die einmalige Chance, unsere Welt zu retten? Großes Biziness! Würde Mehmet in Wuppertal sagen.

Ich mache mich an die Arbeit, sehe die Vielzahl geographischer Namen, den einzelnen Kontinenten zugeordnet. Da sind die ganz oder teilweise zerstörten Stätten unseres kulturellen und technischen Erbes ausgedruckt. Mit unseres meine ich alle Menschen. Was zum Beispiel Syrien verliert oder Afghanistan, das verlieren wir alle.

Klar soweit? Jetzt kapier ich, was der Onkel von mir erwartet. Den kleinsten gemeinsamen Nenner kenne ich aus der Mathematik. Es gilt Kirchen zu Kirchen, Bahnhöfe zu Bahnhöfen, Schulen zu Schulen zu ordnen, usw. usf., unabhängig von dem Erdteil, wo sie sich befinden. Heraus finden, was sie verbindet. Wenn es sich um die gleiche Tätergruppe handelt, müssen sie überall ähnlich vorgehen.

Hinter den einzelnen Orten stehen Datum und Prozentzahl für den Grad der Zerstörung, dazwischen immer wieder ein P für Protector und dahinter 0%. Natürlich! Damit sind die erfolgreich geschützten Orte gemeint. Manchmal findet sich trotz P eine Prozentzahl, zwischen 20 und 50 %, einmal sogar 100%. Warum? Hat der Protector nicht richtig funktioniert, sollte der Schutzfilm seine Wirkung verlieren? Das wäre der absolute GAU. Haben die Helfer geschlampt oder sogar das Unternehmen sabotiert? Verräter in den eigenen Reihen?

Nach drei Stunden intensiver Arbeit brummt mir der Kopf, und ich sehe immer noch nicht klar. Ich überblicke die farblich markierten Posten. Viel Rot für Bildende Kunst: einzelne Werke, Bilder und Skulpturen, Sammlungen und Kunstmuseen, verstreut über alle Kontinente. Blau für Theater, Musik und Literatur, die großen Bibliotheken und privaten Sammlungen. Europa und USA sind da ganz vorn. Die Ausstellungshallen der Buchmessen. Stopp. Ich lese nochmal, will es kaum glauben. Tatsächlich, die Frankfurter Buchmesse hat es auch erwischt. Muss leider in diesem Jahr ausfallen. Die meisten Ausstellungsräume wurden kurz vor der Eröffnung zerstört. Orange für religiöse Weihestätten, Kirchen und Tempel. Die Verursacher? Unbekannt, haben keine Spuren hinterlassen. Und wo man sie erwischt, stehen Ärzte und Psychologen vor einem Rätsel. Ich suche weiter:

Eine Spur der Verwüstung zieht um den Globus, vor der kein Land bewahrt scheint. Ich mag gar nicht denken, wie Theo darauf reagieren wird. Lila für Bildungsstätten, Schulen und Universitäten, Akademien. Gelb habe ich für nationale Denkmäler gewählt und bin dabei auf den nur teilweise erhaltenen Mount Rushmore in South Dakota gestoßen: Die Köpfe von zwei amerikanischen Präsidenten sind lädiert: Theodor Roosevelt ist kaum wieder zu erkennen und Abraham Lincoln fehlt die Nase. Dabei hatten wir die Köpfe unter Baldurs Anleitung versiegelt. Ich erinnere mich, dass wir heftig über den Wert stritten, auch weil sie auf heiligem Gelände der Lakota Indianer errichtet wurden und weil vor allem der erste Roosevelt und Lincoln nicht als Indianerfreunde bekannt sind. Entweder ist Baldur wegen des Streits nicht sorgfältig genug vorgegangen oder es war Absicht. Gelegenheit für die Sioux, den Frevel an ihrem heiligen Berg wenigstens teilweise zu rächen. Wenn sie es denn waren.

Rätsel über Rätsel.

Grau in unterschiedlicher Abstufung steht für Technik und Naturwissenschaft, Verkehrswege Schienenstränge, Elektrizitätswerke, Atomanlagen, Schiffswerften, technische Ausbildungsstätten, Fabriken schwer geschädigt. Schornsteine umgelegt, Fertigungsanlagen der Chemiegiganten neutralisiert. Keine riesigen Brände oder Giftwolken, wie befürchtet, sondern in unschädliche Ausgangsstoffe verwandelt. Zurückgeführt, als wären Fachleute und Kenner am Werk gewesen. Vielleicht waren sie es?

Silicon Valley und verwandte Institute sind ausradiert. Internationale Waffenschmieden, Stahlwerke, eine Waffenmesse in den USA: pulverisiert. Die Motoren von Kreuzfahrtschiffen, Containern und Supertankern unterschiedslos zerstört. Jetzt dümpeln sie in den Häfen und warten auf die nächsten Reparaturtrupps. Aber was ist mit den Technikern der Reparaturtrupps? Sie scheinen alle wahnsinnig geworden. Zerstören endgültig, was sie reparieren sollten, wenn ich Baldurs handschriftlichen Ergänzungen glauben darf. Dabei sind erstaunlich wenige Opfer zu beklagen. Die meisten finden sich nackt und verwirrt zwischen den Trümmern. Erhalten die vollständige Erinnerung erst nach Tagen oder Wochen zurück.

Es trifft nicht nur Stein und Eisen. Es trifft unser Wissen. Informationen über das immaterielle Kulturerbe verschwinden wie von Geisterhand aus den Listen der Unesco. Immaterielles Kulturerbe, das meint unsere Bräuche und Traditionen, von Volkstänzen über Kulturtechniken wie Malen und Musizieren zu Brettspielen und Skat. Keine Hotels mehr in der Schlossallee erhältlich, keine Bahnhöfe zu kaufen, Häuser nicht einmal in der Badgasse; kein 'Gehe zurück auf Los“: Das war MONOPOLY. Vielleicht das berühmteste Brettspiel der Welt, inzwischen nur eine ferne Erinnerung - oder nicht mal das. Ich fürchte, Wikipedia, das sonst alles weiß, passt demnächst auf eine Postkarte, wenn der Schrumpfungsprozess sich im gleichen Tempo fortsetzt. Und ich? Je mehr Fakten ich sammle, desto leerer wird mein Hirn. Das nennt man kontraproduktiv.

„Mach mal Pause und iss was“, rät Isa, „dann kannst du besser denken“, und ich merke erst jetzt, wie hungrig ich bin. Isa hat zwei Döner aus der Stadt mitgebracht, weil Jenny nicht da ist. „Ich bin vor Abend zurück; muss den Männern helfen. Falls Ihr Hunger habt: im Portemonnaie ist Geld für Döner.“ So ist sie. Typisch unsere Mutter.

Trotz Riesendöner kann ich immer noch nicht besser denken, komme einfach nicht auf den gemeinsamen Nenner, außer, dass hier unterschiedslos zerstört wird. Wie von einem blinden, gleichzeitig zielgerichteten Willen getrieben. Wer soll das noch verstehen? Schwester und Mutter schauen mich mitleidig an. „Geh doch aufs Klo“, rät Jenny. „Man sagt, Erfinder kriegen da ihre besten Ideen.“ Habe ich versucht. Umsonst. Außer dem Üblichen kam nichts dabei heraus. „Vielleicht kann Renata dir helfen“, rät Isa mit verschlagener Miene. „Ich habe gelesen, Liebe macht erfinderisch.“ Renata und Liebe. Damit hat sie mich kalt erwischt, und ich weiß einen Moment nicht, wohin denken; die absolute Leere im Kopf. Renata. Seit der Onkel sich von den Fremden übertölpeln ließ, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat uns einmal Grüße über Baldur ausrichten lassen, nicht mehr. Keine Frage, wie es mir geht, keine Rede, wie es ihr geht. Nicht gut, wenn ich Baldurs Gesichtsausdruck richtig deute, sobald die Rede auf seine Tochter kommt. Jenny hat eine klare Meinung dazu:

„Die Sache mit der Mayo Klinik war ein Schuss in den Ofen. Ich fürchte, es geht ihr schlechter als vor der Reise.“

Was soll ich tun?

Ich werde ihr eine Mail schicken, schreibe Liebe Renata,

lösche die Liebe,

schreibe Meine liebste Renata,

lösche wieder. Zu aufdringlich. Das besitzanzeigende Fürwort wird sie mir um die Ohren knallen. Falls sie überhaupt antwortet. Was ist richtig, was ist falsch, wenn man das erste Mal richtig liebt?

Nächster Versuch: Hi Basti!

Geht auch nicht. Sie ist kein Teenager mehr.

Schließlich schreibe ich Liebste Renata!

Schildere das Problem und leite Baldurs Anhang an sie weiter. Hoffe, vielleicht wird sie eine Lösung finden. Zweifle, warum sollte ausgerechnet Renata eine Lösung finden? Keine neuen Ideen. Keine Lösung in Sicht. Aber eine neue Nachricht vom Onkel:

„Wo steckst du und was ist mit meinem Auftrag? Die Zeit rennt uns davon.“ Die Pandemie! Jüngste Herausforderung und eine Bedrohung für die ganze Welt; sie breitet sich aus wie der Ölteppich nach einem Tankerunglück. Ich vergleiche die Daten und suche: Wo und bei welchen Menschengruppen tritt der Erinnerungsverlust vermehrt auf? Welchen Zusammenhang gibt es zu den Zerstörungen? Was sagen die Ärzte?

Mit schwirrt der Kopf von den grusligen Fakten. Ich muss meinen Kopf beruhigen; verlasse das Haus, und nehme das Fahrrad. Fahre zum Fluss hinunter, kehre auf halbem Weg um, will zurück nach Hause, drehe abermals um und fahre hinauf zum Klinikum.

Benni. Eigentlich wollte ich ihn nicht mehr besuchen, nachdem er mir beim letzten Besuch einen Teller an den Kopf geschmissen hat. Die Beule tut immer noch weh, und Benni erhält seitdem seine Mahlzeiten auf Plastik serviert. Einschließlich Besteck. So schnell sieht er mich nicht wieder, hab ich vor der restlichen Familie geschworen; aber Jenny musste mir prompt ins Gewissen reden: „Er ist krank und kann nichts dafür. Wir müssen Geduld mit ihm haben.“ Unzurechnungsfähig oder krank: damit reden sie sich immer heraus. Naja, ich will mal großzügig sein. Wenn er wirklich nichts für seine Wutausbrüche kann, darf ich meinen Schwur brechen und schauen, wie es ihm geht. Ich fahre ins 11. Stockwerk hinauf und öffne - ohne mich anzumelden - vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer. Was sehe ich?

Überraschung!

Jemand hat sein Bett ans Fenster gerückt, und da liegt mein Bruder, ganz entspannt - und lächelt. Lächelt! Statt mich mit einem Schwall wüster Beschimpfungen zu empfangen oder mit Gegenständen nach mir zu werfen, hebt er eine Hand mit erhobenem Zeigefinger. Verstanden: Ich soll nicht reden, sondern schauen und horchen. Ich schaue und sehe das Oberlicht offen stehn.

​​

Ich horche und höre eine Amsel singen. Da sitzt sie auf dem nächsten Ast und singt und pfeift, was das Zeug hält. Amseln sind schlaue und freche Biester, machen sich im Winter an den Futterplätzen breit und lassen sich kaum verscheuchen, wenn sie etwas Interessantes zu fressen finden, z.B. Regenwürmer und ähnliches Getier. Kater Onyx ärgern sie regelmäßig mit Mark erschütterndem Geschrei, dass er sich entnervt zurück zieht. Was das mit meinem Bruder zu tun hat? Benni lauscht dem Vogelgesang und lächelt; das was man unter einem seligen Lächeln versteht.

„Hörst du? Seit gestern singt sie für mich.“ Typischer Fall von menschlicher Ich-Bezogenheit mein erster Gedanke. Dabei weiß doch jeder, Amseln singen nicht, um uns eine Freude zu machen. Sie verteidigen ihr Revier oder sie bezirzen ihre Partnerin. Reiner Instinkt. Genauso oder ähnlich hätte Benni, dieser Technikfreak noch vor kurzem argumentiert. Aber jetzt? So freundlich und geduldig wie jetzt habe ich ihn noch nie erlebt. Ausgesprochen höflich bittet er mich, den Mund zu halten, und das verschlägt mir wahrhaftig die Sprache.

Was soll ich machen? Die Krankenschwester um Auskunft bitten? Nach einem Arzt suchen? Und da kommt der nächste Hammer: Benni hört nicht nur den Amseln zu, als wäre es das Solokonzert von Theos Lieblingskomponisten. Als eine Schar Spatzen laut tschilpend den Baum besetzt, nervt ihn das nicht. Im Gegenteil: Benni lacht, kriegt sich nicht mehr ein vor Vergnügen. Mein materialistischer Bruder freut sich über ein alltägliches Naturschauspiel und ist verträglich, wie schon lange nicht mehr. Ohne jede Spur von Aggression.

Was sagt die Schwester, als sie hereinschaut? „Es scheint ihm gut zu tun. Deshalb haben wir sein Bett ans Fenster gerückt und das Oberlicht geöffnet.“

Wieder daheim habe ich die anderen informiert und „bei aller Skepsis“, wie Theo nicht müde wird zu betonen, „ müssen wir uns das genauer ansehn.“ Sie sehen und hören es sich noch am gleichen Abend an, rechtzeitig zum Abendkonzert der gefiederten Sänger, und diskutieren bis zum Schlafengehn darüber.

Onkel Baldurs Auftrag muss warten. Er ist leider über Handy nicht zu erreichen, und sein Anrufbeantworter meldet: Bin im Wald. Dahin treibt es ihn in letzter Zeit öfter, wohl auf der Suche nach neuen Eingebungen. So ist mein Onkel Baldur!

Zeit fürs Bett. Bevor ich das Licht lösche, fällt mir siedend heiß ein: Über seinen Auftrag habe ich seine Tochter vergessen und die Bitte, mir einen Lösungsweg zu weisen. Die Lösung erscheint auf meinem Smartfon. Vielmehr ihr Vorschlag, wie ich zu einer Lösung gelangen kann: Geh schlafen. Entspann dich, und Maat wird dir die Antwort im Traum weisen.

Wer ist Maat? Sicher irgendeine ägyptische Gottheit, die mir helfen soll. Ich schlage nach und finde: die personifizierte Weltordnung. Abergläubisch bin ich nicht, aber mit meinem Latein am Ende. Also folge ich ihrem Rat, bin schneller eingeschlafen als gedacht -

und wache am nächsten Morgen auf wie immer. Nichts ist mit mir passiert, und falls ich geträumt haben sollte, fehlt mir jede Erinnerung. Beginnende Demenz?

In der Schule bin ich leider nicht mehr entschuldigt und muss am Nachmittag ein Referat vorbereiten. Typisch, selbst wenn die Welt im Chaos zu versinken droht, läuft bei uns der Schulbetrieb weiter. Daheim wartet eine gute Nachricht aus dem Klinikum.

Die Ärzte haben eine zweite Punktierung des Rückenmarks vorgenommen und sind mit dem Ergebnis hochzufrieden: Die fremdartige Lebensform - oder was auch immer - scheint auf dem Rückzug, "obwohl immer noch stark genug, dem Patienten erhebliche Schwierigkeiten zu bereiten",sagt der Chefarzt.

Was Bennis frische Liebe zu Amseln und Spatzen damit zu tun hat? Sie wissen es nicht, wollen aber diesbezüglich sein Verhalten beobachten.

Insgesamt Grund zur Hoffnung oder das berühmte Licht am Ende des Tunnels.

Um den Onkel nicht zu sehr zu enttäuschen – er wird ziemlich sauer sein - schicke ich ihm einige halbherzige Lösungsvorschläge und verkrieche mich danach in Theos Bibliothek. Ich lese mehr über die Maat, lese mich wieder einmal fest über den ägyptischen Götterhimmel, und verziehe mich schließlich mit einem dicken Wälzer in mein Zimmer. Lese im Bett weiter, bis mir die Augen zufallen.

„Artur, mein Artus, wach auf!“ Da ist Bastet. Die Katzengöttin blickt mich an, über ihr unter blauschwarzem, bestirnten Himmel die Schwingen einer weiteren Gottheit ausgebreitet. Maat: Die personifizierte Weltordnung. Ein schönes Bild, dem ich mich überlassen möchte. Bastet schnurrt. Blickt schnurrend auf zur geflügelten Göttin. Und Maat spricht: „Erinnere dich!“ Und ich erinnere mich an eine Vogelstimmenwanderung in aller Frühe. „Hört!“, sagt der Ornithologe und wir schweigen. Hören den Frühgesang der Singvögel. Zuerst das wied tek tek des Gartenrotschwanzes, danach das zip zip des Rotkehlchens, das tek tek tek trrrrt des Zaunkönigs.Z zi zi zi ziteroiti schmettert der Buchfink, bis sich alle im Chorgesang vereinen.

Eine weitere Naturerfahrung. „Schaut hin!“ sagt der Bootsführer, und wir sehen die silbrigen Leiber von Delphinen durchs Wasser schneiden. Fliegende Fische wie ein Teil der Gischt. „Atmet die gute Luft!“ sagt der Wanderführer. Die Luft riecht nach Wald und Wiesenblumen, nach frischem Wasser und salzigem Meer. Sie weitet unsere Lungen und erfüllt uns mit Lebenskraft. Prana.

Das Schnurren der Katzengöttin verstummt. Die Maat malt in der Luft einen Pfeil, dann einen Kreis, das Ziel, auf den der Pfeil zuschießt. Schneller fliegt der Pfeil, immer schneller, immer lauter der Lärm, immer hektischer die Bewegung, alle Hindernisse zur Seite fegend. Zu beiden Seiten fallen sie, Gebäude, Tempel und Kirchen, Bilder und Bücher. Dazu die Zeichen des technischen Fortschritts, stinkender Qualm aus Fabrikschloten, Werkshallen, Transportmittel drängen sich auf den Straßen und in der Luft, durchpflügen die Ozeane, das alles in einem sich steigernden Getöse, dass ich mir die Ohren zu halten möchte. Gewohnte Ordnungen fallen, Sicherheiten zerbrechen im Sog des Pfeils und zerstieben ins Nichts. Endlich Stille. Da ist nur der Kreis, nein eine Kugel, um die sich eine Schlange windet, das Schwanzende im züngelnden Rachen. Die wieder hergestellte vollkommene Schöpfung. Gäa.

Ich wache auf und schaue auf den Wecker. Vier Uhr. Bis zum Aufstehn Zeit genug zum Nachdenken und sich Erinnern. Und ich erinnere mich: An Jennys Reden von Gäa, der Erde als lebendigem Organismus, an Baldur, wie er Nietzsche zitiert und seine Rede von den Hautkrankheiten der Erde, eine davon der Mensch. An Theos düstere Prophezeihung zum Anthropozän, dem ersten, vom Menschen gemachten Zeitalter, in dem wir seit mehreren Jahrzehnten leben, und das unser letztes sein wird, wenn wir nicht aufpassen. An die sich häufenden Berichte zu Artensterben und Klimakatastrophen, an die Ausbeutung der Natur. An die aus Unvernunft und Gier entfesselten Kriege. An meine eigene Vorstellung vom blinden Willen, der ungebremst auf sein Ziel zurast. Wenn wir nicht die Richtung ändern. Irgendwie geht es um die Bewahrung der Natur, doch schaffe ich die gedankliche Verbindung nicht, vor allem nicht zu den mutwilligen Zerstörungen von allem, was Menschen an Werten und geschichtlichen Zeugnissen geschaffen haben. Von Theo weiß ich, dass in seiner Jugend sogenannte Rainbow warriers Anschläge verübten, um die Menschen aufzurütteln, sozusagen wieder zurück auf den rechten Weg bringen. Durchgeknallte Typen, von denen keiner mehr spricht. Vielleicht gehören die heutigen Terroristen einer ähnlichen Organisation an. Wachsende Anhängerschar, immer stärkere Radikalisierung. Schöne Idealisten: Erpresser, die zerstören, um ihre Ziele zu erreichen. Voll krass der Gedanke!

Wie hat Jenny das mal genannt? Killing for peace – is like fucking for virginity.

Baldur erhält meine Erkenntnisse als erster und ist nur mäßig begeistert. „Eine Organisation soll Terror betreiben zum Schutz der Natur? Die Richtung mag stimmen, aber was diese Terroristen im Innersten bewegt bleibt unklar. Wer hat dir denn diese Idee eingeflüstert?“ Dass es zwei altägyptische Gottheiten im Traum waren, sage ich ihm besser nicht. Im Übrigen ist der Onkel besorgt wegen der Verräter in den eigenen Reihen. Statt die ausgewählten Objekte mit Protektor zu behandeln, sabotieren viele seiner Techniker das System, dosieren falsch, verändern die Formel oder vernichten ganze Lieferungen und behindern den Nachschub. Erst vor zwei Tagen wurde ein Ingenieur, hoch qualifizierter Leiter seiner Einsatztruppe, beobachtet, wie er die Zielerfassung seines Protektors manipulierte. Zur Rede gestellt benahm er sich äußerst merkwürdig, faselte irgend ein dummes Zeug von Pflicht, der er sich nicht entziehen könne und der tiefen Befriedigung, die er aus jedem Sabotageakt zog. „Das Programm muss durchgeführt werden“, hatte er geschrien, als ihn die Sicherheitskräfte abführten. Jetzt sitzt er in der Klapsmühle und wird durchgetestet. Soweit der Bericht des Onkels. Wir gucken uns an: Wer treibt hoch qualifizierte Fachleute wie diesen Ingenieur an?

Wer zum Teufel steckt hinter den Aktionen?

In der Stadt sind Theo und ich heute auf ein Plakat gestoßen, mindestens drei Meter lang. Jemand hat es auf der Brücke mit den Schlössern der Verrückten und Verliebten angebracht und an allen vier Ecken mit einem Schloss gesichert. In schwarzen Großbuchstaben auf weißem Grund steht: ERINNERE DICH!

„Eine Botschaft der Hüter“, sagt Theo andächtig. „Endlich auch in unserer Stadt. Wie sagt man? Die Hoffnung stirbt zuletzt...“

Seit kurzem gibt es nämlich einen weiteren Grund zur Hoffnung, selbst in dieser schlimmen Geschichte, die wir seit einigen Monaten erleben. In mehreren Ländern haben sich Widerstandsgruppen gegen die Terroristen gebildet. Andere folgen nach. Bürgerwehren suchen die Gangster auf frischer Tat zu ertappen und liefern sie den Gerichten aus. Es ist ein Kampf mit Siegen und Rückschlägen; denn leider schlagen sich auch Ordnungshüter und Richter auf Seite der Zerstörer. Lassen die Übeltäter laufen, vernichten Vernehmungsprotokolle, verkünden Freisprüche. Der Widerstand lässt sich nicht entmutigen. Die Graffiti und Plakate tauchten zuerst in englischen und amerikanischen Städten auf. Der Slogan REMEMBER - ERINNERE DICH, verbreitetet sich in Windeseile, überwindet Landesgrenzen, springt über Kontinente und Ozeane, ganz wie zuvor der Geist der Zerstörung.. Wow!

Weitere Sprüche sind hinzu gekommen: NO PAST – NO FUTURE und NO PAST NO FREEDOM. Den letzten Gedanken finde ich besonders interessant. Wer die Vergangenheit nicht kennt, muss alles mühsam neu erlernen und hat keinen Vergleich, keine Maßstäbe, um sich frei zu entscheiden. Unterschrieben sind die Aufrufe mit Die Bewahrer oder Die Hüter. Bewahrer und Hüter wovon? Theo meint von Geschichte. Nur Menschen, sagt er, haben eine Geschichte, die sich in Worten fortschreibt. Rohstoff der Erinnerung für spätere Geschichtsschreibungen. Zwar würde auch die Natur Botschaften versenden, chemischer oder elektomechanischer Natur z.B in der RNS, in Gerüchen und Pheromonen. Solche Botschaften hätten aber nicht die universelle Bedeutung menschlicher Sprachen. Vielleicht der Grund, warum die Zerstörer sich bei ihren Aktionen mit keinem Wort äußern, keine schriftlichen Bekenntnisse hinterlassen. So wie die Dementen sich zum Schluss nicht mehr äußern können. Reden schafft Verbindung. Kommunikation. Schreiben schafft Erinnerung, ist eine Botschaft für die Zukunft. Schriftliche Überlieferungen ergänzen sozusagen Stein und Eisen, erklären uns, was Bilder und Mauern allein nicht verraten können. Baldur: „Was sind das für Menschen, die uns die Zukunft nehmen wollen, indem sie mit den Zeugnissen menschlicher Kultur und Zivilisation, mit der Erinnerung schließlich die Vergangenheit zerstören? Ein grausamer Plan muss dahinter stecken.“

„Es wäre das Ende der Menschheitsgeschichte“, sagt mein Vater, und bei seinen Worten läuft es mir kalt über den Rücken. Das Ende der Menschheitsgeschichte denke ich und: schlimmer kann es nicht kommen.

Es kam schlimmer.

Zwei Tage später.

„Da, lest!“ Jenny knallt die Morgenzeitung auf den Tisch. „Jetzt geht es ans Eingemachte. An unsere Lebensgrundlagen.“ Wir müssen uns nicht anstrengen zu lesen, die Buchstaben springen auch so ins Gesicht. Schwarz und rot in riesigen Lettern:

USA: Hoover-Staudamm, China: 7-Schluchten-Staudamm, Ägypten: Nasser-Staudamm. Alle drei zerstört. Türkei und Norwegen: Vernichtender Angriff auf Wasserkraftwerke. Vergiftung des Grundwassers in Brasilien und Osteuropa, Fischsterben in den amerikanischen Seen und mehreren großen Strömen durch Einleitung von Zyanid. Sieht nach einer konzertierten Aktion aus. Irgendwas, irgendwer will uns ans Leben und trifft uns dort, wo wir am empfindlichsten sind: dreht uns den Wasserhahn zu.

Wir verstehen: Ohne Geschichte könnten wir notfalls überleben, primitiv, aber überleben. Ohne Wasser nicht.

So wie das Leben aus dem Wasser entstand, wird es mit dem Wasser verschwinden. Alles höhere Leben vernichtet. Vielleicht um Platz zu machen für einen neuen Versuch.

Ein neuer Versuch? Ist das die Fährte, nach der ich seit einigen Tagen suche? Für einen Augenblick spüre ich die Lösung ganz nah, höre die anderen wie von Ferne streiten, versuche mich zu konzentrieren - und schaffe es doch nicht, wie bei einem Puzzle, das ein Windstoß mir immer wieder kurz vor der Lösung zerstört.

Kein Zweifel, Jenny und Theo sind schwer besorgt, und wir riechen bereits den nächsten Katastropheneinsatz, diesmal zur Rettung der Welt.

Die sich überschlagenden Meldungen, dazu die Besserung von Bennis Zustand dulden keinen Aufschub. Nach dem jüngsten Arztbericht hat sich die Zahl der Fremdkörper in seinem Hirn fast halbiert. Tante Marga sieht darin eine Botschaft, die wir nur entschlüsseln müssen.

Deshalb steht an diesem Wochenende ein Familientreffen ins Haus. Natürlich eine Idee von Theo, der nicht nur seinen Bruder, sondern auch Tante Marga eingeladen hat. Wegen ihrer intuitiven Begabung. Jenny nennt das spinnen, aber vielleicht hilft es uns diesmal, wenn Tante Marga spinnt. Das Programm heißt Brainstorming, frischen Wind durch unsere Hirne schicken.

Auf der Suche nach Lösungen aus der internationalen Krise sollen wir Ideen und Vorschläge austauschen, auch Bennis neuerlichen Zustand berücksichtigen. Baldur: „Keine Denkverbote, keine Angst vor Blamage, keine Idee zu verrückt. Geht nicht gibt’s nicht. Alles auf den Tisch, was euch einfällt.“

Jenny: „Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn uns nichts einfiele“.

Marga: „ Ich werde in mein Inneres horchen.“

Klar, sie vertraut wieder auf ihre Intuition.

Eine Stunde lang spucken wir Ideen aus, die sich als Schnee von gestern erweisen, bauen kühne Gedankenbrücken, die keiner Logik standhalten, geraten uns in die Haare über Fragen wie: Was unterscheidet Natur und Kultur? Kann Natur gut oder böse sein, oder ist sie nur gleichgültig? Tante Marga zitiert Albert Schweitzer, den Arzt von Lambarene: „Alles, was lebt, will leben.“ Das große Programm der Natur. Es zielt auf Weitergabe der eigenen Gene, Fortpflanzung um jeden Preis. Da gibt es keine Moral, ein Moskito ist genauso gut oder schlecht wie eine Honigbiene, Borrelien sorgen für das Überleben von Zecken. Die Mistel, ein Baumparasit, hat das gleiche Lebensrecht wie ihr Wirt, auch wenn einer von beiden auf der Strecke bleibt. Selbstverteidigung.

Marga: „Nur wir Menschen halten uns nicht daran, beurteilen alles, also auch die Natur, vom Nützlichkeitsstandpunkt: ob es uns Vorteile bringt. Wir führen mörderische Kriege, vergiften Böden und Meere, verbrennen Urwälder, treiben Raubbau, betonieren die Landschaft, töten Amphibien und Insekten durch die industrielle Landwirtschaft, quälen Tiere in der Massentierhaltung, getrieben von Gier und Profitsucht und wundern uns, wenn die Natur zurückschlägt. Das ist die bittere Wahrheit.“ Sie guckt mich an, und ich gucke zurück.

Die Erkenntnis trifft uns beide wie ein Schlag. Das ist es. Das fehlende Glied in der Kette, die fehlende Elemente im halb fertigen Puzzle, an dem wir seit einigen Tagen herumpfuschen. Marga spricht aus, was ist: „Die Natur wehrt sich. Was wir erleben ist Selbstverteidigung, eine verzweifelte Aktion Gäas.

Wie bei uns Menschen. Bei uns findet das Tötungsverbot seine Grenze in der Selbstverteidigung. Wir dürfen einen gefährlichen Angreifer töten, um unser eigenes Leben zu retten, mit den Waffen, die uns zur Verfügung stehen. Die Natur macht nichts anderes, sie bekämpft uns mit ihren Waffen, und Bennis Krankheit liefert die Erklärung.“

Marga lehnt sich zurück: „Na, begreift ihr endlich?“, und ich denke: Wie blind sind wir gewesen. Bennis seltsame Krankheit, dazu Isas Rede von den Borrelien in infizierten Gehirnen. Warum erinnere ich mich erst jetzt, wo es fast zu spät ist.

Das ist der gemeinsame Nenner, nach dem wir die ganze Zeit gesucht haben. Wir sind die Angreifer. Wir gefährden die Grundlagen des irdischen Lebens, und Gäa, unsere Erde wehrt sich gegen die tödliche Bedrohung. Sie nimmt sich das Recht auf Selbstverteidigung, selbst wenn es den Angreifer das Leben kostet. Selbst wenn er mit dem Wasser seine Lebensgrundlage zerstört.

„Gäas Waffen sind Parasiten. Sie sitzen in den Hirnen der Menschen, zwingen sie zu zerstören.“

Ich bin bei meinen Worten aufgesprungen, habe sie laut heraus geschrien, und wahrhaftig, ich zittere am ganzen Körper, bis mich Jenny in die Arme nimmt. „Ist schon gut. Jetzt, wo wir auf der richtigen Spur sind, werden wir auch den Rest erfahren.“ Kämpferisch: „Und dann geht es den Übeltätern an den Kragen. Egal, um welche Art von Parasit es sich handelt.“

Baldur und Theo sind sehr nachdenklich geworden. Sie erklären uns, dass Parasiten als heimliche Herrscher auf der Erde gelten. Sie haben alle Arten von Anbeginn begleitet und sie fit gemacht für den Lebenskampf. Auch den Menschen. Um Parasiten abzuwehren, musste der Wirt ständig neue Verteidigungsmechanismen ersinnen. Das nennt man Evolution.

„Hab ich's doch geahnt“, meldet sich Jenny, „was uns nicht umbringt, macht uns stärker.“

Baldur: „Erst einmal in die Hirne ihrer Wirte gelangt, steuern sie deren Verhalten, wenn es sein muss bis zum Selbstmord. Infizierte Malariamücken stechen häufiger, auch wenn dadurch ihr persönliches Risiko durch Fliegenklatsche oder Insektenspray ansteigt. Mäuse verlieren die Scheu vor Katzen, bieten sich ihnen gleichsam zum Frühstück an. Der Parasit kann so gefahrlos zum nächsten Wirt überwechseln: alles im Dienste der Fortpflanzung und zur Erhaltung der eigenen Art.“

Er mustert uns nachdenklich, ob wir ihm auch folgen können:

„Sprechen wir vom Menschen. Wir wissen, dass durch Toxoplasmose infizierte Männer zu Draufgängertum und Gewalt neigen, während infizierte Frauen sich freundlicher als vorher verhalten: der Parasit als Kuppler. Nun zu unserem Problem. Die Terroristen scheinen von einem bisher unbekannten Typ infiziert. Der Parasit zwingt sie, Erzeugnisse menschlicher Kultur und Zivilisation zu vernichten, damit alles, was den Menschen über die Natur erhebt. Gefährdet scheinen vor allem Menschen mit dem, nennen wir es das „Technikgen“. Sagt Baldur und blickt mit nachsichtigem Lächeln in die Runde.

„Ihr seid da nicht gefährdet, im Gegensatz zu Benni“, bedeutungsvolle Pause, „und mir. Übrigens der Grund, warum ich ihn nicht in der Klinik besuche und den Kontakt zu Ingenieuren zur Zeit meide. Ich hatte so meine Ahnungen. Die Natur entwickelt ständig neue Waffen und es ist an uns, Gegenmittel zu entwickeln. Keine Angst. Wir schaffen das, wenn nicht heute, dann morgen.“

Wir möchten ihm glauben, schließlich hat der Mensch eine Reihe Krankheiten wie Pest und Typhus, sogar Aids erfolgreich bekämpft. Warum nicht diesen neuen Parasiten?

In den nächsten Minuten wetteifern wir mit Vorschlägen, wie die Befallenen aufzuspüren und zu behandeln sind. Keine Verbrecher, sondern Kranke, die ihren freien Willen verloren haben und vor Verblödung gerettet werden müssen. Wissenschaftler, die berufen wären, unsere Probleme zu lösen die stattdessen sich selbst blockieren und Sabotage treiben. Ich finde, ganz schön schlau, um nicht zu sagen fies von der Natur, wie sie uns zu Marionetten ihrer undurchsichtigen Pläne macht. Wir verstricken uns in Theorien, bis uns der Onkel zur Ordnung ruft. Das sei alles schön und gut, aber wir würden vergessen, dass die Parasiten und mit ihnen die Terroristen täglich zahlreicher werden, wie eben bei einer Epidemie üblich. Ebenso wachse die Anzahl der Materiezertrümmerer, dank jenes Dublikators, den sie ihm abgeluchst haben, und das Wasser stünde uns nach den jüngsten unheilvollen Entwicklungen buchstäblich bis zum Hals. Mit furchtbaren Verteilungskämpfen um das schwindende Nass sei zu rechnen. Mit beschwörender Stimme: Selbst wenn der Wasserkollaps sich vermeiden lasse, das Ende des unheilvollen Anthropozän drohe, in dem Maße, wie dem Menschen die Werkzeuge seines Siegeszugs über die Erde genommen werden. Düster malt er eine Zukunft ohne die vertrauten Segnungen von Kultur und Zivilisation. In einfachsten Behausungen würden die Überlebenden von Krieg und Krankheit vegetieren. Mit der geschichtlichen Erinnerung werde ihnen auch das Wissen der Vergangenheit verloren gehen. Wie in der biblischen Erzählung vom Sündenfall sei der Erdboden um ihretwillen verflucht, Mit Mühsal und im Schweiße ihres Angesichts müssten sie sich nähren. Das Rad müssten sie gleichsam erneut erfinden, um das Verlorene zurück zu erobern, falls ihnen das überhaupt auf dem geschändeten Boden der Erde gelänge.

Jenny: „Das klingt alles plausibel mit der Selbstverteidigung der Natur, und es erklärt auch, warum diese Wuterkrankung unseren Technikfreak Benni erwischt hat. Aber wo finden wir die Erklärung dafür, dass er mit einem Mal sich von einer Amsel in den Schlaf singen lässt und seit zwei Tagen sanft wie ein Lamm ist, als könne er kein Wässerchen trüben. Das erkläre mir mal einer von euch Klugscheißern.“

Tante Marga bietet eine Lösung an: „Vielleicht ein letzter Versuch der Natur, uns wieder auf den rechten Weg zu führen, unsere letzte Chance“. Beschwörend: „Sonst geht alles den Bach runter.“ An Baldur gewandt: „Übrigens: Warum warst du in letzter Zeit so oft im Wald, wenn wir dich zu erreichen versuchten?“

„Vielleicht aus einer unbestimmten Ahnung heraus. Ich habe auf Pflanzen und Tiere geschaut, zu den Wipfeln der Bäume hoch und zu den Käfern im Moos zu meinen Füßen. Ich habe die Baumstämme berührt, an Blättern und Blüten gerochen, kurzum Kontakt zur Natur gesucht.

Alles aus einer unbestimmten Ahnung heraus, und Bennis Verwandlung scheint mir diese Ahnung zu bestätigen.“ Er räuspert sich, zögert und scheint unsere Spannung zu genießen.

„Wir haben uns zu sehr auf auf unsere technischen Fähigkeiten verlassen, allein auf Rentabilität und größtmögliche Verzinsung des Kapitals gesetzt. Wir haben in unserer Hybris keinen Unterschied gemacht zwischen toter und lebendiger Materie. Stein und Eisen wie lebendige Materie den gleichen Produktionsprozessen unterworfen.“

Theo: „Das ausgerechnet von dir zu hören, lieber Bruder, erstaunt uns sehr. Wohin willst du? Zurück zur Mutter Natur?“

Baldur windet sich und erklärt schließlich, er habe mit Hilfe der Technik nur die Naturgesetze genutzt und für viele praktische Erfindungen angewandt. Es sei eben Fluch und Segen der Technik, dass sie zerstörerisch in natürliche Abläufe eingreife, aber gleichzeitig als einzige Kraft die Mittel zur Besserung, wenn nicht Heilung besitze. Damit diese Heilung vollkommen sei, müsse sich jeder technische Fortschritt der Mithilfe natürlicher Prozesse, also der Natur versichern. Das sei seine jüngste Erkenntnis aus den Waldspaziergängen.

„Im Übrigen sich einer Erkenntnis zu öffnen, heißt noch lange nicht, ihr in allem zu folgen.“ Wir stutzen bei seinen letzten Worten. Meint Baldur es ehrlich mit seinem Bekenntnis zur Natur oder hat er sich ein Hintertürchen offen gelassen? Wenn ihm ein Geschäft mit Gäa vorschwebt, wird er nicht bei erster Gelegenheit versuchen, sie hinters Licht zu führen? Zu seinem Vorteil und zum Wohle der Menschheit. Auf Baldur übertragen: Wenn das Geschäft mit der Natur schief geht und wir das Falsche tun, stehn wir im Dunkeln. Und dann geht alles den Bach runter, wie Tante Marga sagt. Von wegen Baldur der Lichtbringer.

Wie heißt es doch? Nicht dem Guten, das wir wollen, folgen wir, sondern unseren dunklen Trieben. Steht so ähnlich in der Bibel. Ich glaube irgendwo bei Paulus. (Anmerkung I.L. Ruff: Artur hat recht, auch wenn er sich nicht die Zeit nahm, im Neuen Testament zu suchen. Wie ich meine, verzeihlich angesichts der Katastrophe. Ich zitiere deshalb an seiner Stelle nach der Übersetzung Martin Luthers, Vers 19 im 7. Kapitel des Römerbriefes: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Da hat der Apostel Paulus ins Schwarze getroffen, indem er das Grundübel menschlichen Versagens benennt: Es bleibt allzuoft bei den guten Vorsätzen. Doch erteilen wir Artur wieder das Wort):

Wie sagt der Onkel? Sich einer Erkenntnis öffnen, heißt noch lange nicht, ihr in allem zu folgen. Keiner von uns hat geantwortet, vielleicht, weil wir alle über seinen letzten Satz rätseln. Was will der Onkel wirklich? Was für ein Charakter ist er?

Als hätte der Onkel nichts gemerkt, redet er weiter:

„Die Situation ist außergewöhnlich ernst. Ein Brief, der uns die Rettung bringen könnte, scheint verloren gegangen, oder er wird uns nicht mehr rechtzeitig erreichen, um das Blatt zu wenden.“

„Ein Brief?“, rufen Isa und ich gleichzeitig, um gleich darauf schuldbewusst die Köpfe zu senken. Wir haben es wieder total verbockt. Den Brief vergessen, auf den der Onkel so sehnsüchtig wartete. Aber wo ist der Brief? Die anderen schaun uns an. Zuerst erwartungsvoll, dann ungeduldig.

„Erinnert euch!“ Das ist Baldur in strengem Befehlston. Er hat gut reden. Wie wichtig Erinnerung ist, haben uns die jüngsten Ereignisse aufs Hirn gedrückt. Nur, wie soll man sich bei soviel Ungeduld konzentrieren? Isa und ich gucken uns an. Uns schwant die Wahrheit. Zögernd rückt Isa mit der Vermutung heraus.

„Benni. Wetten, dass er sich den Brief gekrallt hat. Hoffentlich hat er ihn nicht in die Klinik mit genommen oder zerrissen.“ Ein fremdbestimmter Benni ist zu jeder Untat fähig: gehorsamer Diener der Parasiten in seinem Gehirn, ihre Marionette. Das wäre der endgültige GAU. Jenny steht auf. Ganz ruhig und beherrscht. Cool.

„Suchen wir in seinem Zimmer.“ Das ist Jenny, wie sie leibt und lebt. Je größer die Katastrophe, desto ruhiger und überlegter handelt sie. Eben Calamity-Jane. Sie greift nach dem leeren Papierkorb, ganz ruhig steigt sie die Treppe hoch zu Bennis Zimmer, wir hinterher. Sie öffnet die Tür, blickt sich im Zimmer um. „Mmmmh...“ Wir blicken über ihre Schulter und begreifen das Mmmmh. Bennis Zimmer gleicht einer Räuberhöhle. Das kommt davon, wenn Eltern den persönlichen Bereich ihrer Kinder respektieren. Wie unsere.

Jenny stellt den Papierkorb vor sich auf den Boden, kommandiert: "Ehe wir Schubladen und Schrankinhalte durchwühlen, kümmern wir uns um alles, was offen zutage liegt. Zuerst den Schreibtisch.“ Der Schreibtisch quillt über von Lernmaterial für die Schule, Bücher, Hefte, Stifte; dazwischen unkenntliche Gerätetrümmer. Sieht aus, als hätte er da ganze Arbeit geleistet, bevor er eingeliefert wurde. Wir räumen den Kram Stück für Stück in den mitgebrachten Korb. Von Baldurs Brief keine Spur. Jenny nochmals „Mmmmh“, dann zu Isa und mir: „Ihr beiden nehmt euch seinen Papierkorb vor. Nicht auf dem Boden ausschütten. Auf den Schreibtisch! Was glaubt ihr, warum ich den leer geräumt habe.“

Wir gehorchen, räumen den Inhalt von Bennis Papierkorb aus: Bleistiftstummel, ein zerfledderter Comic, ein paar totgekaute Kaugummis, (Isa: „Iiihgitt“), Bonbonpapier, und teils zerknüllte, teils zerrissene Papiere, darunter Schnipsel von einem Briefumschlag aus Recyclingpapier.

Schwein gehabt! Gleich am Anfang unserer Suchaktion sind wir fündig geworden. Nicht auszudenken, wir hätten erst zum Schluss in den Papierkorb geschaut, nachdem das ganze Zimmer auf den Kopf gestellt war. Oder noch schlimmer, die Putzhilfe hätte sich nicht geweigert, Bennis Zimmer aufzuräumen. Zitat: „Euren Schweinestall räume ich nicht auf“, sondern den Papierkorb ordnungsgemäß geleert. Nicht auszudenken...

Trotzdem. Der Rest ist ziemlich mühsam Zuerst aussortieren, was garantiert nichts mit dem Brief für Onkel Baldur zu tun hat, danach das Papier – immer noch mehrere Dutzend Schnipsel – in eine Tüte packen und runter damit zum großen Esszimmertisch.

Da sind wir über eine Stunde mit dem kompliziertesten Puzzle unseres Lebens beschäftigt.

„Benni hat wirklich ganze Arbeit geleistet“, Baldurs Kommentar nach glücklicher Fertigstellung. „Er muss geahnt haben, wie wichtig der Brief ist. Er oder seine Parasiten. Schlaue Biester.“

Nach weiteren 15 Minuten ist das Puzzle sorgfältig auf Folie geklebt, nachdem Baldur es für gelungen erklärt hat. Wir anderen gucken drauf und verstehen nur Bahnhof: Lauter Grafiken mit vielen Zahlen und Angaben in einer Art Geheimschrift.

Zweifellos die Botschaft, auf die er so dringend gewartet hat. So erleichtert haben wir unser Genie schon lange nicht mehr erlebt.

„Jetzt besteht eine reelle Chance.“ Seine Worte, als er sich verabschieden will. „Kommt nicht in die Tüte“, sagt Jenny. Sie besteht darauf, Baldur heim zu fahren, „sonst wirst du wieder entführt, und das können wir nicht riskieren.“ Energisch: „Widerstand ist zwecklos. Du weißt, es geht um die Rettung der Welt.“

© 2017 Literatur I.L.RUFF