Alles gelogen I. von Stein und Eisen (Epilog)

Epilog

Wir müssen Grenzen setzen, um das zu tun, was wir können.

Den Satz habe ich im Buch BIO KAPITAL von Andreas Weber gefunden. Vielleicht sollte ich es Onkel Baldur empfehlen. Artur

Der Kampf hat fast zwei Monate gedauert, und wir werden ihn gewinnen. Sagt jeder, den man fragt. „Wir schaffen das“ ist zur allgemeinen Redewendung geworden. Manche der von Parasiten Befallenen konnten bereits als geheilt entlassen werden und „Zeit ihres Lebens werden sie Kraft und Freude aus der Anschauung der Natur schöpfen“ – sagt Theo, der einen Forschungsauftrag übernommen hat und seinen Kollegen regelmäßig Bericht erstattet. Wir sollen die Botschaft der Amsel nicht vergessen.

Den entscheidenden Ausschlag hat aber die Sache mit den Satelliten gegeben. Zwei Tage nach dem gelungenen Probelauf und unserer kleinen Freudenfeier funktionierte kein Mauerspecht mehr. Alle kaputt. Die Fremdgesteuerten an den Maschinen kapierten anfangs nicht, was los war. Sie verloren die Fassung, rasteten aus und verrieten sich den Ordnungskräften und Bürgerwehren. Jetzt werden sie medizinisch versorgt, und ein Heer von Wissenschaftlern und Ärzten forscht mit Hochdruck an dem Problem. Das kann dauern. Bennis erstaunliche Reaktion auf den Gesang der Amsel hat uns einen wichtigen Weg gewiesen. Wir warten gespannt auf das Frühjahr mit verstärktem Einsatz von Amsel, Drossel, Fink und Star; wegen mir auch Spatzen; denn seit er den Vögeln zuhört, sinkt die Zahl der Parasiten in seinem Hirn kontinuierlich. Noch besser: Sein Beispiel macht Schule, und nicht nur in Europa, rund um den Erdball werden die Kranken mit Vogelgesang und anderen Naturlauten erfolgreich behandelt.

„Sollte dies ein Versöhnungszeichen der Natur sein - dann besteht noch Hoffnung für unsere Art“, verkündet Tante Marga allen die es hören wollen. Anderen auch, aber das ist ihr Problem. Selbst der immer optimistische Baldur rechnet mit mehreren Monaten, vielleicht Jahren. Allein die Welt mit sauberem Wasser zu versorgen kostet internationale Anstrengungen.

Kurzum: Die grässlichen Parasiten sind nicht endgültig besiegt, aber fürs erste unschädlich gemacht. Wie bei der Bekämpfung von Aids. Die Krankheit ist noch da, aber wir können den Schaden begrenzen. Vor allem dank Baldurs Genie haben wir den fremd gesteuerten Kämpfern ihre wichtigste Waffe aus der Hand geschlagen: den verdammten Mauerspecht.

Fotoapparate und Filmkameras dürfen wieder in die Öffentlichkeit, und Touristen müssen sich nur dann und wann Kontrollen ihrer Fotoausrüstung gefallen lassen. Theo und ich haben es ausprobiert und interessante Bauwerke rund ums alte Rathaus fotografiert, oder so getan als ob. Hat keinen mehr interessiert. Für den Wiederaufbau soll eine internationale Stiftung gegründet werden, an der sich alle Länder beteiligen. In jeder Stadt klappern die Sammelbüchsen, auch bei uns, obwohl hier alles heil geblieben ist. Aus Solidarität. „Das ist das Mindeste, was wir tun können, unsere verdammte Pflicht bei Katastrophen“, sagt Jenny. Eben: Katastrophen-Jenny.

Benni ist wieder daheim. Er muss täglich seine Medikamente nehmen und regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen. Wenn wir die Biester in seinem Hirn noch nicht ganz umbringen können, so wollen wir sie wenigstens schwächen. Äußerlich merkt man ihm kaum an, dass er noch von der Rolle ist. Isa und ich finden sogar, er ist weniger nervig als vor seiner Krankheit. Wir passen gemeinsam auf ihn auf und kümmern uns. Ich glaube, das gefällt ihm.

„Was ist eigentlich mit deinen Apparaten? Wurden sie ebenfalls über die Satelliten neutralisiert?“ habe ich den Onkel einmal gefragt.

„Wo denkst du hin? Erstens habe ich sie gründlich mit dem Protectorsystem behandelt. Zweitens sind Reserveexemplare in meinem unterirdischen Depot aufbewahrt. Du weißt schon wo.“

Klar weiß ich Bescheid und bin gespannt, wann er mich wieder in seinen Biberbau bei Berlin mit nimmt.

In diesem Jahr nicht mehr. Er reist durch die Weltgeschichte und kontrolliert, ob die Natur sich was Neues zu ihrer Verteidigung ausgedacht hat oder ob einige Mauerspechte davon gekommen sind. Das ist wie mit einem Waldbrand, der unter Aufbietung aller Kräfte gelöscht wurde. Feuerwehren, Löschflugzeuge, das ganze Programm; und dann sitzen sie in der Wirtschaft und im Vereinsheim, prosten sich zu auf den gelungenen Einsatz und merken nicht, wie die vergessene Glut unter der Asche sich wieder regt. Ja, ja, wehe wenn sie losgelassen...hat schon einer unserer Dichter gesagt, Friedrich Schiller in seinem Lied von der Glocke, glaub ich.

Bennis langsamer Genesungsprozess zeigt uns, dass die Gefahr noch nicht gebannt ist, und Baldur ermahnt uns bei jeder Familienkonferenz: „Wir müssen wachsam sein, nicht nur bei Benni. Ein Auge haben auf ungewöhnliche Aktionen in unserem Umfeld, auf befremdliche Entscheidungen unserer Politiker, z.B. solche, die sich gegen die Erinnerung richten, uns die Wohltat des Vergessens preisen wollen, die uns fake news als alternative Wahrheiten verkaufen. Nur wenn wir uns erinnern an das, was wir fürchten müssen, sind wir davor gefeit, es nochmal zu durchleben. Nur wenn wir uns erinnern, verlieren die Parasiten die Macht über unsere Gehirne.“

*

Dem europäischen Weihnachtstrubel will der Onkel nach Ägypten entfliehen, sich entspannen und sehen, was seine Tochter so macht.

„Am Wochenende startet mein Flieger“, sagt er, „und ich kann noch nicht sagen, wann wir uns wiedersehen. Es wird länger dauern. Aber heute Abend wartet eine Überraschung auf euch. Ihr werdet staunen.“ Überraschung? Das klingt viel versprechend. Darum also hat er uns eingeladen und dabei mächtig geheimnisvoll getan. „Wenn du uns zum Weihnachtsmarkt abschleppen willst, das wäre keine Überraschung“, lässt sich Isa vernehmen. „Ihr werdet sehen“, mehr will er nicht verraten, als er uns abholt. Isa und mich, natürlich auch Jenny und Theo. Benni folgt uns in Tante Margas Auto. Hat Baldur arrangiert. Wir wissen warum. Er fürchtet immer noch, von Benni angesteckt zu werden. „Schlimmer als die Vogelgrippe. Wann werdet ihr es endlich begreifen. Die größte Gefahr bilden technisch Begabte füreinander, wie Benni und ich, und ich will nichts riskieren.“

Wir verstehen: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. „Darf ich neben dir sitzen?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, zwängt sich Isa auf den Beifahrersitz. Die anderen lassen es geschehen. „Wo steckt eigentlich dein automatischer Chauffeur?“ Sie reißt ein Fach auf, natürlich wieder, ohne seine Antwort abzuwarten – und heraus kullert ein länglicher Behälter, eine durchsichtige Plastikröhre, darin ein etwa 5 cm langer brauner Gegenstand mit einem unappetitlich zerfasertem Ende. „Sieht aus wie eine angerauchte Zigarre,“ stellt Isa mit gerümpfter Nase fest. „Wem gehört die? Etwa dir? Ich denke, du rauchst nicht mehr.“ „Nicht öffnen“, knurrt der Onkel, „ ich habe sie erst kürzlich ersteigert, vielmehr ersteigern lassen, für 10 000 Dollar.“

„Du warst das?“ Jetzt ist die Reihe zu staunen an Jenny.

„Churchills Zigarre, vielmehr eine von ihm persönlich angerauchte Zigarre. Ich habe es zufällig im Radio gehört. Was willst du damit machen? Doch nicht rauchen.“ Isa: „IIIhhh! Da klebt sicher noch Churchills Spucke dran.“

„Eben“, sagt der Onkel, und nimmt sie ihr aus der Hand.

Isa: „Ich versteh' das nicht.“ Sie schmollt.

„Auf geht’s, wir wollen pünktlich sein“. Sagt's und lehnt sich zurück. Zum Glück fährt er nicht in Richtung Innenstadt zum Weihnachtsmarkt. Nimmt vielmehr den Münchner Ring und biegt in die Forchheimer Straße ein. „Ich weiß es. Ich weiß es!“ triumphiert Isa, und bei mir ist auch der Groschen gefallen. Die große Arena. Er hat Karten für die große Arena besorgt. Für eine Veranstaltung, die uns die Socken ausziehen soll. Etwa Rock oder Heavy Metal? Wär' nichts für Theo. Ich glaub, er fühlt sich dafür zu elitär. Anders Jenny, der Lärm ist ganz nach ihrem Geschmack, und sie zieht allein los , wenn eine Band aus ihrer Jugendzeit in die große Arena einfällt. Mit Mordsgetöse. Am nächsten Tag müssen wir zuhören, wenn sie den gleichen Krach nochmal daheim über die Lautsprecheranlage produziert, voll aufdreht und dazu singt (Theo sagt „heult“) und rhythmisch mit den Füßen stampft. Ich verzieh mich dann lieber in mein Zimmer und versuche zu lesen. Alles geht einmal vorbei. Ende der Überlegung. Heavy Metal kann es nicht sein. Nur was dann?

„Wir sind am Ziel. Alle aussteigen!“ Tatsächlich, die Arena, und am Rande des Parkplatzes die ersten Plakate der Abendveranstaltung. WOMEN IN BLUE steht da in blauen Großbuchstaben. Die drei Gesichter darunter sind ebenfalls blau, soweit sie nicht hinter Schleiern verborgen sind. Natürlich auch blau. Alle drei schauen mit großen schwarzen Augen vom Plakat herunter. Sehr hübsch, und irgendwie kommt mir das bekannt vor.

„Da brat mir einer einen Storch!“ Wer sonst als Jenny. Sie steht vor dem Plakat, die rechte Hand vor dem Mund, als hätte es ihr die Sprache verschlagen. Bei unserer Mutter natürlich ausgeschlossen, weshalb sie gleich weiter spricht:

„Sieh an, unsere Meisterdiebinnen aus Leipzig. Begabte Mädels, das hab' ich damals sofort gemerkt, und jetzt bin ich wirklich gespannt auf den Abend.“ Zu Baldur mit einem kräftigen Schlag auf den Rücken: „Schwagerherz, wahrhaftig, die Überraschung ist dir gelungen, dabei dachte ich, du hättest mich in alle Vorbereitungen eingeweiht..“ Baldur sagt „Au“, mehr nicht.

Er kennt seine Schwägerin, und ich weiß, er mag sie, selbst wenn sie ihm kräftig auf den Rücken haut.

Außerdem, gespannt auf den Abend sind wir alle.

Vier Stunden später.

Wow! Der Abend war 'ne unvergessliche Party, und wäre Basti nicht, ich würde ab heute nur noch von den dreien träumen.

Jetzt sitze ich wie der arme Poet aufrecht im Bett, muss alles aufschreiben, solange der Eindruck frisch ist. Superplätze hatten wir mit freier Sicht auf die Women in Blue, dazu links und rechts Riesenbildschirme für alle, die nicht genug kriegen konnten von den phantastischen dreien.

Was für eine Vorstellung.

Am Anfang die dunkle Bühne. Stille. Dann ein Lichtpunkt; er wandert durch das Dunkel, als suchte er etwas. Findet ein unter blauen Schleiern halb verborgenes Gesicht. Große dunkle Augen wie auf dem Plakat, aber schöner. Viel schöner, find' ich. Dazu eine kleine Melodie, rhythmisch markiert von einer Trommel. Der Punkt wächst, wird heller und größer, erfasst die ganze Gestalt, wandert mit ihr: eine Tänzerin aus den Märchen von Tausend und einer Nacht, unter Schleiern ein blau funkelndes Mieder, blau funkelnde, knöchellange Beinkleider. Barfuß. Immer schneller eilt sie über die Bühne und - du glaubst es nicht – ihre Füße, mit denen sie rhythmisch zur Trommel und immer lauter und drängender klingenden Musik stampft, sind blau; blau sind ihre Hände und Arme, wenn sie diese durch die Schleier streckt. Graziös wie eine indische Tempeltänzerin. Oder wie Basti in ihrem langen weißen Nachthemd unter ägyptischen Vollmond – nur diesmal alles in Blau. Die Melodie der ersten Takte fächert sich auf, neue Instrumente kommen hinzu - Crescendo nennt man das wohl - ein zweiter Lichtkreis erfasst eine zweite Tänzerin, der dritte zum Einsatz weiterer Instrumente die dritte Tänzerin. Alle drei in unterschiedlichen Blautönen, während ein unsichtbares Orchester immer lauter dröhnt und scheppert, dass es eine wahre Freude ist. Das kenn' ich doch, denke ich und „nicht schlecht“, sagt Theo neben mir. „Da hat doch jemand Ravels Boléro verarbeitet.“ Das ist es: elektronische Musik vom Feinsten. Etwa eine Damenband? Nein, der dritte Lichtstrahl gleitet zur Tänzerin am linken Bühnenrand, taucht den Urheber der orchestralen Klänge ins Licht: eine elektronische Musikmaschine mit Mischpult! Daneben verschiedene Trommeln und Becken, Percussion, und eine E-Gitarre. Nochmals Wow! Was folgt, ist der blanke Wahnsinn.

Die drei Ladys machen sich über die Instrumente her, bringen den Saal zum Kochen, zuerst mit einigen gecoverten Songs, manche besser als das Original – ehrlich - danach mit Eigenkompositionen. Orientalische Klänge westlich verfremdet. „East meets West“ oder „Westöstlicher Diwan“.

Zwischen den einzelnen Nummern jonglieren sie mit Fackeln, zeigen eine Katzendressur mit blauen Kartäusern und lassen durch Zauberei abwechselnd sich und die Katzen verschwinden und an den unmöglichsten Orten wieder auftauchen. Als die drei nach der Pause plötzlich über einigen Scheinwerfern erscheinen und sich an ihren Schleiern abseilen, tobt der Saal vor Begeisterung.

Der reine Wahnsinn, was die Mädels da produziert haben. Wie sie über die Bühne fegten, dazu sangen. “Fast so gut wie Tina Turner, nur in Blau,selbst Rammstein kann da noch lernen“, Jennys Kommentar, und wer Rammstein und vor allem Tina Turner kennt, weiß, was das heißt.

Der Onkel ist fast geplatzt vor Stolz auf unsere Mädels, wie er sie nennt. Zusammen mit Jenny hat er sie öfter besucht, sie beraten, mehrere Nummern eingeübt, ihnen einen Top-Agenten vermittelt, erste Vorstellungen auf kleinen Bühnen begleitet, bis sie perfekt waren. Vor allem bis heute Abend darüber geschwiegen wie ein Grab. Nicht einmal Theo und Jenny wussten über alle Einzelheiten Bescheid, vor allem nicht über die Vorstellung heute Abend in der Arena.

Das haben sie uns in der Pause verraten.

Was den Stolz betrifft, braucht Jenny sich hinter ihrem Schwager nicht zu verstecken. Sie führt sich auf wie eine Glucke vor ihren flüggen Küchlein. Prahlt: „Verglichen mit den Mädels können die meisten andern abdanken und ins Kloster gehen, selbst der blaue Männertrupp in Berlin. Die sind zwar verdammt gut, da beißt die Maus keinen Faden ab, aber seit die blauen Ladys mitmischen, müssen sie sich warm anziehen.“ Isa setzt nach: „Wie bei Schneewittchen und dem Zauberspiegel.“ Sie ahmt den Spiegel nach. „Hey Jungs, ihr seid wirklich süß und macht ein tolles Programm, aber die drei Ladys aus Tausend und einer Nacht sind tausend mal blauer als ihr. Wenn ihr es mit denen aufnehmen wollt, müsst ihr euch anstrengen.“

Wir Männer (ich zähle Benni ausnahmsweise mit) glotzen überrascht. Bei Jenny sind wir sowas ja gewohnt, aber Isa, die bis heute jedem, der es hören wollte -oder auch nicht - erzählt hat, wie süß dieser blaue Männertrupp ist...?

Tante Marga hat eher geschnallt, was los ist, wahrscheinlich, weil sie ein Blatt für die Rechte von Frauen und Minderheiten abonniert hat, das sie Jenny manchmal vorbei bringt. Tenor: So eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Kannst du mit deinen Verbindungen was machen? Was sagt die Tante? „Isa, mein Mädchen, du entwickelst dich ja zur Feministin.“

Trotz Verbot hat es der Onkel geschafft, Teile der Vorführung zu filmen. Wie er sagt mit einer neuen Technik, die üblichen 3D Verfahren haushoch überlegen ist. Sein Motto. Hole das echte Leben in dein Heim.

In Ägypten wird er die Technik weiter verbessern und uns nach seiner Rückkehr vorführen.

Wir sind gespannt.

© 2017 Literatur I.L.RUFF