Namibia - Anmerkungen zur deutschen Kolonialgeschichte

Schreiben an den Marco Polo -Verlag:

Seit vielen Jahren kaufe ich Ihre informativen (und preisgünstigen) Reiseführer.

Ärgerliche Ausnahme: Ihr Namibiaführer mit der durchgehend tendenziösen Darstellung der Kämpfe zwischen der deutschen Schutztruppe und den Herero im Aufstand zwischen 1904-08, wobei leichtfertig und undifferenziert immer wieder der Begriff Völkermord benutzt wurde (insgesamt mal)

Diese Form der Darstellung ist inakzeptabel.

1. Touristen möchten objektiv informiert werden.

2. Studierende der Geschichte lernen bereits im Grundstudium, dass Tatsachenbehauptungen aus den historischen Quellen zu belegen oder zu unterlassen sind.

3. Ideologische Überzeugungen /Zielsetzungen haben in wissenschaftlichen

Arbeiten nichts zu suchen.

Beispiel: Viele Tatsachenbehauptungen des DDR-Wissenschaftlers Drechsler dienten während des Kalten Krieges

a) offensichtlich dazu, die Afrika-Politik der Bundesregierung zu diskreditieren

b) sie zitieren in tendenziöser Verkürzung und Zusammenstellung aus dem berüchtigten Blue Book der britischen Kriegspropaganda (u.a. Abschlachten von Frauen und Kindern durch deutsche Soldaten), einem Machwerk, das von den Briten selbst stillschweigend zurück gezogen wurde.

4. Leider werden derartige Behauptungen immer wieder ungeprüft übernommen und weiter kolportiert, da sie die Überzeugungen bestimmter Kreise vom bösen deutschen Volkscharakter zu bestätigen scheinen.

Für mich als politisch interessierten Menschen mit Geschichtsstudium liegt der Grund letztlich in den monströsen Verbrechen des III. Reiches, das den Völkermord an den Juden Europas ebenso kaltblütig plante wie durchführte.

Unbegreiflich, Unbeschreiblich. Unverzeihlich. Allein das verdiente Kriegsende verhinderte die komplette Durchführung.

Aber: Wer den Begriff Völkermord leichtfertig auf alle Verbrechen gegen andere Ethnien anwendet, riskiert den Holocaust zu relativieren. Zu den Folgen gehören Bemerkungen sich benachteiligt empfindender Minderheiten, sie seien verfolgt ganz wie die Juden, so von Politikern der Herero zu hören.

Mein Vorwurf gilt auch der deutschen Diplomatie, die leichtfertig oder aus Unkenntnis, in jedem Fall aus Dummheit den Vorwurf des Völkermords akzeptiert und damit in die Grube der Reparationsforderungen fällt. Und -weil sie nicht prompt alle Erwartungen bedient, sich neue Feinde schafft.

Wohlgemerkt, die Verantwortung für die kolonisierten Völker ist unstrittig und verpflichtet über das Ende der Kolonialzeit hinaus. So lese ich mit Genugtuung, dass Namibia sich für die Finanzierung seiner zweiten Meerwasserentsalzungsanlage an die deutsche Botschaft gewandt hat.

Der historische Kniefall Willi Brands war eine einmalige, unvergessliche Geste, die sich nicht wiederholen lässt. Die sich häufenden mea culpas unserer Politiker auf Auslandsreisen und an jedem Gedenktag stellen die Adressaten trotzdem nicht zufrieden - so fürchte ich - und hinterlassen einen schalen Geschmack. Mit weiteren Forderungen ist zu rechnen. Glaubt die deutsche Politik wirklich, sie würde mit billigen Schuldbekenntnissen Ruhe und Dankbarkeit ernten? Mich erinnert das an die Entschuldigungen der Deutschen Bahn, auch wenn sich an den Verspätungen nichts oder zu wenig ändert.

Der Völkermord an den Juden ist nicht der erste, wenn auch der bekannteste und Inbegriff dieses Verbrechens. Hitler hatte registriert, dass die Welt über die planmäßige Vernichtung der Armenier während des I. Weltkriegs zur „Tagesordnung“ geschritten war und rechnete sich gleiche Chancen für die Vernichtung der europäischen Juden im II. Weltkrieg aus. Aus durchsichtigen Gründen, nämlich um vom türkischen Verbrechen am armenischen Volk abzulenken, griff der türkische Präsident Erdogan den Völkermordvorwurf gegen Deutschland auf, verbunden mit neuen, unbelegten Opferzahlen (100 000 ).

Zum Völkermord gehören kaltsinnige Planung und vollständige Vernichtung, s.o., Frauen und Kinder werden nicht geschont.

Aber: Bis zum II. Weltkrieg meint Vernichtung „bloß“ die militärische Niederlage des Gegners, so auch das offizielle Kriegsziel gegenüber den aufständischen Hereros. Der „böse Bube“ im Geschehen war zweifelsohne der preußische General von Trotha (Schande über ihn), in dessen Person sich Unfähigkeit mit Dünkel und Großmäuligkeit mischten, fatale Eigenschaften, die Deutschland später zum Verderben gereichen sollten.

Nur, ein Völkermörder war er nicht.

Nach Überfällen auf Farmerfamilien war – schon aus dem Selbstverständnis der sich überlegen dünkenden Kolonialpolitiker - mit einer Strafexpedition zu rechnen, die allerdings auf eine Vertreibung der Hereros aus ihren Gebieten zielte, zugunsten deutscher Siedler. Also eine ethnische Säuberung und ein Verbrechen, damit vergleichbar den Vernichtungskriegen des amerikanischen Militärs im 19. Jhdt. gegenüber den Indianern - diese allzuoft ohne Schonung von Frauen und Kindern - sowie deren Transport in Viehwaggons und die „Befriedung“ der Überlebenden in Reservaten.

Das Prinzip ethnischer Säuberung mit Bevölkerungsaustausch wurde bekanntlich weiter von verschiedenen Seiten praktiziert…

Dass es der Schutztruppe nicht gelang, die Hereros vernichtend zu schlagen, lag an der Selbstüberschätzung von Trothas, dessen Truppe in den Gefechten am Waterberg 60 Tote zählte, nicht zu vergessen die Opfer von Durst und Typhus, sodass man die Verfolgung der Hereros aufgeben musste. Bereits vor dem Gefecht am Waterberg hatten diese von den Briten die Erlaubnis erbeten, auf deren Gebiet überzuwechseln. Offensichtlich kam das stolze, demokratische Umgangsformen gewohnte Volk mit der autoritären Verwaltung der Deutschen nicht zurecht.

Die Flucht selbst geriet aufgrund einer ungewöhnlichen Trockenheit zu einem tödlichen Unternehme, das viele nicht überlebten. Darin lag nach Zeugnissen ideologisch unverdächtiger Forscher die eigentliche Tragödie der Hereros - ohne Verfolgung durch die selbst auf den Tod erschöpfte Schutztruppe. Entgegen der Prahlerei von Trothas gab es keine Sieger.

Seinen an die Hererohäuptlinge gerichteten Vernichtungsbefehl (keine Schonung von Frauen und Kindern)– hatte von Trotta in einem Befehl an die Truppe relativiert (über die Köpfe schießen, um sie zur Flucht bzw. Aufgabe zu zwingen). Nach gesamteuropäischer Empörung, Deutschland eingeschlossen, musste der General den Vernichtungsbefehl zurück ziehen. Seine militärische Karriere war damit beendet.

Auch wenn sehr viel mehr Herero überlebten, als anfangs vermutet,- das eigentliche Skandalon ist der mit dem Kolonialismus verbundene Rassismus, der sich über Landbesitz, Selbstbestimmungsrecht und Tradition der einheimischen Völker hinweg setzte aus dem europäischen, hier deutschen Dünkel zivilisatorischer Überlegenheit.

Natürlich wird es auch verantwortungsvolle Farmer unter den Kolonialisten gegeben haben, die ihre Arbeiter gerecht und fürsorglich behandelten. Aber wie sagte Harriet Beecher Stowe in Onkel Toms Hütte über die Sklaverei: Nicht die brutalen Herren, es sind die Anständigen, die ein ungerechtes System viel zu lange am Leben halten…

Im heutigen Namibia gibt es noch einige Denkmäler für die Angehörigen der deutschen Schutztruppe, auch Friedhöfe der in den Kämpfen Gefallenen, der Verdursteten, der an Krankheiten und Erschöpfung Gestorbenen. Allesamt sehr junge Männer, zum Militärdienst eingezogen, vielleicht aus Fernweh und mit großen Erwartungen ins afrikanische Abenteuer gezogen. Für mich keine Helden, sondern allesamt Opfer, weshalb ich mir eine Besinnungspause an den Gräbern gestatte. Den Afrikanern geschah großes Unrecht, aber auch die jungen Deutschen tun mir leid.

Einheimische, die ich auf das geschehene Unrecht ansprach, antworteten All is forgotten um mir danach (erfolgreich) ein Andenken zum Kauf anzubieten. In den 14 Tagen meiner Rundreise - natürlich zu wenig - traf ich ausnahmslos freundliche Menschen, ohne Vorbehalte und kann mir gut vorstellen, wieder nach Namibia zu reisen.

© 2017 Literatur I.L.RUFF